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Le Fort
Gertrud von Le Fort: Die Tochter Jephthas und andere Erzählungen
Frankfurt: Suhrkamp, 1976. Broschiert, 312 Seiten – Gertrud von LinksGertrud von Literatur
Zum 100. Geburtstag von Gertrud von Le Fort wurde 1976 eine Sammlung von Erzählungen in der Suhrkamp-Taschenbuchreihe veröffentlicht.
Inhalt
Die Consolata (1947)
Die Tochter Farinatas (1950)
Plus ultra (1950)
Am Tor des Himmels (1954)
Gertrud von Die Frau des Pilatus (1955)
Der Turm der Beständigkeit (1957)
Die Tochter Jephthas (1964)
Die Frau des Pilatus (1955)
Die Frau des Statthalters Pontius Pilatus wird in der Bibel nur einmal erwähnt:
„Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, ließ ihm seine Frau sagen: Lass die Hände von diesem Mann, er ist unschuldig. Ich hatte seinetwegen heute Nacht einen schrecklichen Traum.“  Mt 27,19
Jahrhunderte später wurde ihr der Name Claudia Procula gegeben.
In der Erzählung "Die Frau des Pilatus" trifft man das Ehepaar Pilatus an neuer Wirkungsstätte. Doch die Zeitblende geht zurück nach Jerusalem. Nach einer Liebesnacht (mit Pilatus Pilatus) träumt Claudia (während Pilatus schon arbeitet Claudia) im dämmernden Morgen. Von den versammelten Menschen (im Traum!) hört sie: „Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben“. Das wiederholt sich in verschiedenen Räumen, immer hört sie:  „Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben“ (S. 217-218), zuletzt gar in lateinisch: „Crucifixus etiam pro nobis sub Pontio Pilato –“ (S. 219).
Claudia hält Träume in der Morgenfrühe für Wahrträume (S. 217) und rät daher ihrem Mann, wie im Matthäusevangelium mitgeteilt: „Lass die Hände von diesem Mann, er ist unschuldig“. Doch wie bekannt wird Jesus hingerichtet. Ein neutraler Richter kann nicht nach den Träumen seiner Frau urteilen.
Das Kind aus jener Nacht wird tot geboren.
Pilatus wird nach Rom zurückbeordert und seine Frau bleibt unruhig. Sie wendet sich verschiedenen Religionen zu, doch keine kann sie zufriedenstellen. Sibylle, die Seherin von Tibur, rät ihr ein bestimmtes Haus aufzusuchen. Dort trifft sich heimlich die christliche Sekte Roms. Sie erfährt, „daß der Sturz der ungläu­bigen Welt schon in allernächster Zeit stattfinden werde“ (S. 235). Der Sturz blieb aus, dafür kam die blutige Verfol­gung der Christen. Da sich Claudia, sie trotzdem ihre Besuche bei den Christen fortsetzt, nicht taufen läßt, trifft sie auf starkes Misstrauen.
Pilatus wird mit der Verfolgung der Christen beauftragt. Die Nazarener genannten Sektenmitglieder werden von Nero zu unrecht für einen Brand in Rom verantwortlich gemacht. Da erkennt Claudia die Chance für ihren Mann: er kann das ungerechte Urteil an Jesus auswetzen und die Verfolgung der Christen aufgeben. Doch Pilatus gehorcht ihr auch diesmal nicht.
Der Traum von Jerusalem wiederholt sich bei Claudia in ähnlicher Weise. Darauf wendet sich Claudia endgültig den Nazarener zu. Mit ihnen wird sie gefangen genommen.
Pilatus besucht mit Nero die Arena zur Christenabschlachtung. Nero ließ auch Claudia einlaufen. Ihre letzten Worte waren: „Crucifixus etiam pro nobis sub Pontio Pilato –“ (S. 252). Da will sich Pilatus selbst töten: „Sklave, gib mir das Schwert!“ stöhnte er. Doch die Dienerin Praxedis – sie erzählt in einem Brief an eine Bekannte das ganze Geschehen – hält ihn davon ab: „Pon­tius Pilatus, Claudia starb, wie Christus gestorben ist – durch dich, aber auch für dich –“ (S. 252).
Dieser letzte Satz der Dienerin drückt wohl eine Absicht der Autorin aus: Claudia ist ein verspäteter weiblicher Christus, denn eigentlich ist nicht einzusehen, warum der Gottessohn als Mann auf die Erde kam. Sie opfert sich für ihren Mann Pilatus. Sie sühnt für seine Missetaten, eine übliche Idee im Christentum.
Neben den religösen Gesamtanstrich drückt die Erzählung – wohl unbewusst für die Autorin – die Blutgier der Christen aus. Dazu gleich mehr (siehe die nächsten Einträge). Die normale Taufe verweigerte Claudia oder sie drückte sich zumindest davor. Zum Bluttaufe genannten Märtyrertod war sie aber bereit. Was damit ihrem Ehemann antut hat sie nicht bedacht oder in Kauf genommen.
Anmerkungen eines Nicht-Christen
  Einige Punkte der Erzählung werfen ein nicht allzu vorteilhaftes Licht auf den christlichen Glauben. Ich nehme an, dass die Autorin – gefangen im christlichen Glaubensnetz – dies nicht merkte oder gar anders (also: vorteilhaftig) meinte.
  1. Die Faszination für vergossenes Blut und Opfer des eigenen Lebens
  Die Fixierung auf Blut und Opfer des eigenen Lebens spielt eine herausragende Rolle in der Erzählung.
  1.1 Blut
  „Die Faszination des biblischen Gottes und seiner Anhänger für (vergossenes) Blut“ (Buggle 1997, S. 132, Gertrud von Links) tritt dem unvoreingenommenen Leser an vielen Stellen der Bibel entgegen. Insoweit bewegt sich die Erzählung im biblischen Duktus.
• „Meine Pfeile mache ich trunken von Blut, während mein Schwert sich ins Fleisch frisst – trunken vom Blut Erschlagener und Gefangener, ins Fleisch des höchsten feindlichen Fürsten.“ Dtn 32,42 aus dem an Moses übergebenen Lied Gottes.
• „Da nahm Mose das Blut, besprengte damit das Volk und sagte: Das ist das Blut des Bundes, den der Herr aufgrund all dieser Worte mit euch geschlossen hat.“ Ex 24,8
„Das Schwert des Herrn ist voll Blut, es trieft von Fett, vom Blut der Lämmer und Böcke, vom Nierenfett der Widder; denn der Herr hält in Bozra ein Opferfest ab, ein großes Schlachtfest in Edom.“ Jes 34,6
• „ist er [Christus] ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen, nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut, und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt“ Hebr 9,12.
• „Fast alles wird nach dem Gesetz mit Blut gereinigt, und ohne dass Blut vergossen wird, gibt es keine Vergebung.“ Hebr 9,22
Auch in der Erzählung spielt Blut eine grosse Rolle. So sagt Pilatus zu Claudia: „die Hände habe ich mir vor aller Welt ge­waschen, daß dieses Blut nicht über mich komme! Geh doch zu den Juden, die haben es [das Blut] auf sich genommen –“ (S. 246)
  1.2 Buße bis zum Opfer des eigenen Lebens
  Das Opfer des eigenen Lebens spielt in der Geschichte der Religionen eine bedeutende, aber in meiner Einschätzung eine unrühmliche Rolle. So auch in der Erzählung von der Frau des Pilatus. Claudia will für ihren Ehemann Bußte tun. Genau betrachtet ist das ein sonderbarer Gedanke und mit modernen Rechtssystemen nicht vereinbar. Jemand lädt Schuld auf sich und jemand anders tritt dafür die oft selbst auferlegte Strafe an. Prominentes Vorbild ist Jesus und seine Selbstaufopferung am Kreuz. Doch auch im Islam ist das Selbstopfer für vermeintlich gute Zwecke wohl bekannt.
Der junge römische Nazarener versagt Claudia ihr Begehren (S. 237). Danach bricht sie zeitweise mit der christlichen Sekte.
  1.3 Schuld-Sühne-Geflecht
  Das Schuld-Sühne-Geflecht ist äußerst komplex und bizarr.
• Pilatus verurteilte Jesus, der sich opfert, da Gott die Menschheit verurteilte. Diese machte sich schuldig, da sie gegen Gottes Gebote verstieß. Dafür wird Pilatus von den Christen verurteilt:  „dein Gatte ist verurteilt, da er den Herrn verurteilte –“ (S. 238).
• Claudia verurteilt deshalb die Christen (S. 243).
Doch wie das Verurteilungsnetz Gott - Menschheit - Jesus kann auch der Verurteilungspfad mit Pilatus durch ein Blutopfer aufgelöst werden. Die Christen und mit ihr Claudia werden von Pilatus verurteilt und damit zu Blutzeugen (S. 243).
  2. Apokalyptische Erwartung
  Die christliche Sekte in Rom erwartet die Rückkehr Jesus. Die alte Syrierin „wollte wissen, daß der Sturz der ungläu­bigen Welt schon in allernächster Zeit stattfinden werde“ (S. 235). Doch ihr und der christlichen Gemeinde ging es wie vielen (Waco, Texas etc.), die den baldigen Weltuntergang erwarteten: „der Herr kam nicht“ (S. 235; S. 249).
Wie wir wissen, kam der Herr auch in den folgenden neunzehn Jahrhunderten nicht.
  3. Erbarmen
  Auch das Erbarmen spielt eine zentrale Rolle: 16 Mal wird es berufen. Dazu schreibt Le Fort: „Dem Er­barmen Christi kann niemand entrinnen“ (S. 249). Dem ist kaum etwas hinzuzufügen. Verstärkt und auf die Spitze getrieben wird dieser ungeheuerliche Gedanke des fürchterlichen Gottes, dem keine entrinnen kann, durch die einleitende Feststellung:„Es war, wie Gott wollte, und wird sein, wie Gott will“ (S. 249).
  4. Träume der Morgenfrühe sind Wahrträume
  Zur Dienerin Praxedis sagte Claudia: „Träume der Morgenfrühe sind Wahrträume!“ (S. 217) Im Traum vernahm sie mehrfach (!):  „Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben“ (S. 217-219). Deshalb verwundert es den aufmerksamen Leser, dass sich Claudia bei ihrem Ehemann für den angeklagten Jesus einsetzt. Würde Pilatus ihr folgen, wäre das „Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben“ nicht wahr und damit ihr Traum inder Morgenfrühe ein Falschtraum.

Anmerkung zu:
Die Seherin von Tibur – ein literarisches Detail bei Gertrud von Le Fort
Prophetische Menschen zeigen oft anfallsähnliche Symptomatik. Claudia Pilatus geht zur berühmten Sibylle von Tibur, um von ihr den Namen jener Gottheit zu erfahren, den Sibylle schon dem großen Augustus geweissagt hatte. Die Begegnung wird wie folgt geschildert:
Die Sibylle war ein uraltes Weib, das uns überhaupt nicht wahrzunehmen schien, als wir die berühmte Grotte betraten. Sie saß mit geschlossenen Augen vor ihrer Herdstatt, auf der das Feuer scheinbar erloschen war wie das Leben in dem Antlitz der Greisin. Es dunkelte in der Grotte, als sei sie der Eingang zu den Gefilden der Unterirdi­schen. Als ich die Sibylle ansprach, gab sie keine Antwort - wahr­scheinlich hörte sie mich nicht, denn das Brausen der nahen Was­serfälle erfüllte den Raum, als wolle die Natur die menschliche Stimme verschlingen. Dann aber berührte die Herrin stumm die Schulter der in sich Versunkenen, diese hob das schwere Haupt, die verkohlte Feuerstatt flammte jählings wieder auf, und nun war es, als erkennten sich zwei schwesterliche Wesen. Großäugig richtete sich die Uralte empor und' strich der Herrin mit der gei­sterhaften Hand bebend über Stirn und Augen.
„Ja, ich weiß, du hast ihn auch gesehen“, murmelte sie, „was willst du noch von mir - meine Zeit ist um.“ Dann aber plötzlich wurden ihre Augen wie von einem jäh einfallenden fremden Licht bleich: Es war, als werde ihr das eigene Gesicht genommen. Der Schaum trat ihr vor den Mund, wie ihr geschieht, wenn sie weissagt.
S. 231-232
Man daraus Hinweise auf die Kombination Epilepsie und Prophetie entnehmen:
„herabgesetzte Wahrnehmung für äußere Reize, die Veränderung in den Augen, das Zittern und Beben der Glieder, der aus dem Mund tretende Schaum, die rätselhaften Worte“ (Schneble 2000, S. 131).
Zusammengefasst: Sibylle war Epileptikerin.
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Links
Le FortDie Frau des Pilatus (kurze Zusammenfassung) – Le FortWikipedia
Le Fort"Die Frau des Pilatus", Text online
Le FortClaudia Procula
Le FortVienne und Pilatus
Le FortBriefmarken-Jahrgang 1975 der Deutschen Bundespost
Le Fort Gertrud von Le Fort: Die Magdeburgische Hochzeit
Le Fort Franz Buggle: Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann. Eine Streitschrift
Le Fort Kurzgeschichtenanthologien, Kurzgeschichtensammlungen und Besprechungen dazu
Le Fort weitere Links und Literatur
Literatur
Kany, Roland (1995): "Claudia Procula und der Große Pan. Zur antiken paganen und christlichen Vorgeschichte eines Traumes in Dorothy Sayers' The Man Born to be King". Arcadia 30:1, S. 62-70.
Kany, Roland (1995): "Die Frau des Pilatus und ihr Name. Ein Kapitel aus der Geschichte neutestamentlicher Wissenschaft". Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der älteren Kirche 86, S. 104-110.
Sayers, Dorothy L. (1943): The Man Born to be King — Play-Cycle on the Life of our Lord and Saviour Jesus Christ. London
Schneble, Hansjörg (2000): "Epilepsie und Prophetie in der Literatur". In: Hansjörg Schneble, Peter Wolf, Hg.: »Das ist eine alte Krankheit«: Epilepsie in der Literatur. Mit einer Zusammenstellung literarischer Quellen und einer Bibliographie der Forschungsbeiträge. Schattauer, S. 123-140.
Schuler, Christian (2011): "Wer war Pilatus - Ein Despot, Henker oder Humanist?". Bayerischer Rundfunk, Manuskript. Sendedatum: 17. April 2011 / 08.05-08.30 Uhr  – Le Fortonline
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Jephthas Le FortGertrud von Le Fort: Die Tochter Jephthas und andere Erzählungen. Frankfurt: Suhrkamp, 1976. Broschiert, 312 Seiten Jephthas
Gertrud von Le Fort: Die Tochter Jephthas und andere Erzählungen. Frankfurt: Suhrkamp. Neuausgabe. Broschiert, 312 Seiten  Le Fort
Pilatus Le FortGertrud von Le Fort: Die Frau des Pilatus. Petra Kehl, 2007. Ungekürzte Lesung von Hede Beck. Audio CD Schneble
Hansjörg Schneble, Peter Wolf, Hg.: »Das ist eine alte Krankheit«: Epilepsie in der Literatur. Mit einer Zusammenstellung literarischer Quellen und einer Bibliographie der Forschungsbeiträge. Schattauer, 2000. Taschenbuch, 312 Seiten Le Fort
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 28.8.2011