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Neumann
Ria Neumann: Tote Winkel. Kurzgeschichten
Bremen: Donat, 2007. Gebunden, 74 Seiten – Ria LinksRia Literatur
Mir ist unerklärlich, warum die Kurzgeschichte im deutschen Sprachraum vom Lesepublikum so missachtet wird. Es wäre verständlich, wenn wir in diesem Genre nichts aufzuweisen hätten. Das Gegenteil ist der Fall und diese kleine Sammlung von Kurzgeschichten belegt es einmal mehr.
„Bleib noch sitzen, bitte!“
Die Einstiegsgeschichte erzählt wunderbar lakonisch über eine Ehe, die mit „Bleib noch sitzen, bitte!“eine zunächst nur vage geahnte Wendung nimmt. Im letzten Absatz geschieht nochmals Ungeheuerliches, das ich beim ersten Mal lesen nicht kapierte. Mir gefiel die Geschichte trotzdem außerordentlich.
Dann forschte ich zum ersten Schlüsselwort des Absatzes: „ratschen“. Ich kannte es als miteinander gemütlich reden oder als das Betätigen der Karfreitagsratsche. Beides ergab in der Geschichte keinen Sinn. Ich vermute nun, dass es noch eine Tätigkeit gibt, denn die beiden folgenden Schlüsselwörter „Knistern“ und „trocken“ legen einen Schluss nahe, der mir aus der Erzählung „Eckeneckepen” (in: Svenja Leiber: Büchsenlicht, Ria Links) bekannt ist.
Das zeigt schon eine Eigenschaft der knappen Kurzgeschichten in Tote Winkel: oft heißt es scharf mitdenken. Diese Anforderung wird verstärkt durch die schnellen Wechsel der Perspektive, auch mal der Zeit, und den unvermittelten Übergang zwischen wörtlicher Rede und jeweiligem Erzähler.
Im Mittelpunkt der Geschichten stehen Störungen in Beziehungen und Alltagsverhalten, das oft kaum auffällt, so wenn sich die penibel ordentliche Irene entschuldigt, dass es bei ihr "aussieht".
„Meines Vaters Ringelrosen“
Diese preisgekrönte Geschichte ("Irseer Pegasus", 2005) ist inhaltlich so ungeheuerlich, dass ich es zunächst nicht fassen wollte. Verstörend und beklemmend wie manch andere Gesichte in der Sammlung.
„Tote Winkel“
führen den Leser in dunkle Winkeln. Durch Zeit- und Personensprünge war mir unklar, wer da mit wem.
• Gut bis ausgezeichnet sind: „Die Pracht“ – „Umzüge“ – „Nichts von der schönen Welt“ – „Faltersterben“ – „Locker machen“ – „Basörtüsü“ – „Schon wieder ein Fleck“ – „Von neun bis neun“ – „Mit Mutter reden“ – „Liebesdienste“ – „Weg für immer“
• Ganz ordentlich: „Eine Runger, Kaliber .357 Magnum“ – „Else“
• Na ja: „Cafehaus-Impressionen“
Zum deutschen Fräuleinwunder in der Literatur kann man die Autorin (* 1941) kaum rechnen. Ein ausgezeichnetes Erzähltalent zeigt sie schon. Wenn Ria Neumann längere Geschichten schreiben würde käme sie wohl am ehesten der grossen Alice Munro nahe.
Starke Empfehlung an alle, die mit kurzen Geschichten zufrieden sind. Es lohnt sich mächtig.
Links
NeumannRia Neumann, Trägerin des Bremer Autorenstipendiums 1996
NeumannDonat Verlag, Bremen
NeumannIrseer Pegasus 2005, Allgäuer Zeitung, Januar 2005 – NeumannIrseer PegasusNeumannWikipedia
Ria Alice Munro
Ria Svenja Leiber: Büchsenlicht
Ria Susanne Henke: Makellose Morde to go (nur sehr eingeschränkt vergleichbar)
Ria Ria Neumann: Die Lücke. Eine Erzählung
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Literatur
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Neumann NeumannRia Neumann: Tote Winkel. Kurzgeschichten. Bremen: Donat, 2007. Gebunden, 74 Seiten
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