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Storm
Theodor Storm: Pole Poppenspäler
In: Theodor Storm, o.J.: Sämtliche Werke. Essen: Magnus. 1405 Seiten. S. 555-579 – Theodor LinksTheodor Literatur
Der Titel „Pole Poppenspäler” klingt für bairische Ohren nicht verlockend, entpuppt sich aber als ein lebendiger Kurzroman über Puppenspieler und andere Humanisten.
In die Heimatstadt des Binnenerzählers Paul Paulsen (seine Vaterstadt Husum diente Storm dafür als Vorlage) kommt die landfahrende Künstlerfamilie Tendler aus der Residenzstadt München. Sie führen in der Stadt Puppenspiele auf. Paul darf hinter die Bühne und zerbricht versehentlich was am Kasperl. Am Abend bei der Aufführung kann er die Arme nicht mehr bewegen und die Tendlers müssen improvisieren. Für Vater Joseph Tendler, den Holzschnitzer aus Berchtesgaden, war der Kasperl besonders wichtig. Couragiert bekennt sich Paul zur Tat.
Zwischen dem Knaben und der neunjärigen Lisei Tendler entwickelt sich eine kurze, innige Freundschaft, „eine Zeit des schönsten Kinderglückes” (S. 567).
„Aber alles im Leben ist nur für eine Spanne Zeit” (S. 568) und die Familie Tendler zieht weiter. Paul erlebt den ersten, heftigen Abschied seines Lebens, den Storm berwegend beschreibt.
Zwölf Jahre später trifft er Lisei in einer fremden Satdt wieder ohne sie zunächst zu erkennen. Joseph Tendler wurde soeben wegen eines Diebstahls eingebuchtet, die Tochter wird nicht zu ihm gelassen. Wieder setzt sich Paul couragiert für die beiden ein. Der wirkliche Dieb wird geschnappt. Es folgt ein glückliches Intermezzo und Paul heiratet seine Lisei.
Zuück in der Heimatstadt gibt es Probleme mit der nicht standesgemäßen Heirat. Paul erzählt, dass er den Klatsch aussitzen konnte.
„Über meine Heirat hatte unsere gute Stadt sich ein paar Wochen lebhaft ausgesprochen; da aber fast alle über die Unvernunft meiner Handlungsweise einig waren und dem Gespräche so die gedeihliche Nahrung des Widerspruches vorenthalten blieb, so hatte es sich bald selber ausgehungert” (S. 575).
Doch die Ablehnung des Fremden und Diskriminierung des Anderen setzt sich an anderer Stelle nochmals fort. Joseph Tender nimmt das Puppenspiel wieder auf. Das Ehepaar Paulsen kommt jedoch Josephs Wunsch, Lisei möge die Frauenrollen im Puppenspiel wieder übernehmen, nicht nach, „für die Frau eines Bürgers und Handwerksmeisters wollte sich das denn doch nicht ziemen” (S. 576).
Da kommt Ersatz gerade recht. Eine ehemalige Souffleuse kommt in die Stadt und will die Frauenrollen übernehmen. Sie wird in der Stadt wegen ihrer Kreuzlahmheit  Kröpel-Lieschen genannt.
Bei einer Aufführung mit ihr schallen Schmährufe und dann fliegt gar ein Pflasterstein auf die Bühne. Die Drähte des Kasperls werden zerstört. Unter Gelächter und Fußtrampeln senkt sich der Vorhang. Diesmal bekennt sich allerdings niemand zur Tat. Auf die Haustür der Paulsen wird „Pole Poppenspäler” geschmiert. Wie der Schuster Julius Kraus in Oskar Maria Graf: Unruhe um einen Friedfertigen übt sich Paul in Geduld und wischt die Schmierereien immer wieder weg. In der Kleinstadt wirkte das Beschwichtigungsverhalten. So endet die Novelle versöhnlich: „Es waren prächtige Leute, der Paulsen und sein Puppenspieler-Lisei” (S. 579).

Themen
Pole Poppenspäler von Theodor Storm erscheint 1874 in Leipzig zum ersten Mal in Druck und bewegte seitdem – bis vorn wenigen Jahrzehnten viele Gemüter und Schülergenerationen.
Dabei ist die ausgeworfene Thematik zeitlos und teils hochaktuell.
Verdorbene Jugend
Exemplarisch für ein zeitloses Thema stehe die Verdorbenheit der Jugend.
„Es war aber damals in unserer Stadt nicht mehr die harmlose schaulustige Jugend aus meinen Kinderjahren; die Zeiten des Kosakenwinters lagen dazwischen, und namentlich war unter den Handwerkslehrlingen eine arge Zügellosigkeit eingerissen” (S. 576)
Verhältnis der Eltern (hier vornehmlich der Väter) zu ihren Kindern
Diskriminierung
Ein zeitloses und hochaktuelles Thema.
Storm deutet es bereits im ersten Satz in noch harmloser Ausprägung an. Der Ich-Erzähler der Rahmenerzählung lernte bei Paul Paulsen drechseln. Bei der Rückgabe einer nicht so gut ausgefallenen Klassenarbeit hänselt ihn der Subrektor, ob Paul wieder eine Nähschraube zu seiner Schwester Geburtstag gedrechselt hätte (S. 535).
Das ist zugleich ein Beispiel für die Andeutungstechnik, die Storm praktizierte.
Einsatz für Benachteiligte gegen Obrigkeit und Mob
Integration
Ernst Rainer Fricke, pensionierter Deutschlehrer, fasst Pole Poppenspäler knapp so zusammen: „Mit Liebe und Zuneigung wird die Integration gelingen, das erzählt uns Pole Poppenspäler”, siehe 21. Februar 1874 - Pole Poppenspäler von Theodor Storm erscheint unter Theodor Links.
Zusammenfassend zu den drei gerade genannten Themen kann man feststellen, dass Theodor Storm das Fremdartige und den Umgang damit in vielen Novellen thematisiert hat.
Zivilcourage
Zu den Werten des damaligen Bürgertums gehörte das Bekenntnis zu seinen Taten. Paul Paulsen praktiziert es mehrfach. Storm führt mit dem Jungen des der schwarze Schmidts vor, dass diese Courage nicht von allen an den Tag gelegt wird.
Künstler versus Handwerk
Für einige handelnde Personen stellt sich die Frage, ob sie ein Handwerk erlernen oder den Künstlerweg einschlagen sollen. Mit der Heirat von Paul und Lisei gegen Handwerk und Kunst eine harmonische Ehe ein. Das Thema wird in der Literatur immer wieder thematisiert, siehe den auf Storm aus dem Norden folgenden Thomas Mann oder aktuell John Updike „Learn a Trade” (siehe Theodor Links).
Christentum / Religiösität
Storm spricht in Pole Poppenspäler hauptsächlich den Katholizismus an. Auf seiner Wanderschaft als  Geselle kommt Paul in eine mitteldeutschen Stadt und berichtet:
„Es war streng katholisch dort, und in dem Punkte verstanden sie keinen Spaß; wenn man vor ihren Prozessionen, die mit Gesang und Heiligenbildern durch die Straßen zogen, nicht selbst den Hut abnahm, so wurde er einem auch wohl heruntergeschlagen; sonst aber waren es gute Leute.” (S. 569)
Die Eheschließung zwischen Paul (ob dieser religiös ist wird nicht genannt) und der katholischen Lisei wird pragmatisch gehandhabt. Eine Weile praktiziert Lisei ihre Religion noch, dann läßt sie den Herrgott einen guten Mann sein.
Storm selbst hatte mit der Religion wenig und mit Kirche nichts am Hut. So schrieb er in eine Brief an Emil Kuh:
„Erzogen wurde wenig an mir; aber die Luft des Hauses war gesund; von Religion oder Christentum habe ich nie reden hören; ein einzelnes Mal gingen meine Mutter oder Großmutter wohl zur Kirche, oft war es nicht; mein Vater ging gar nicht, auch von mir wurde es nicht verlangt. So stehe ich dem sehr unbefangen gegenüber; ich habe durchaus keinen Glauben aus der Kindheit her, weiß also auch in dieser Beziehung nichts von Entwicklungskämpfen; ich staune nur mitunter, wie man Wert darauf legen kann, ob jemand über Urgrund und Endzweck der Dinge dies oder jenes glaubt oder nicht glaubt.” (S. 1269; Storm an Emil Kuh, 13.8.1873)
Aufbau
Wie viele Novellen schrieb Storm auch Pole Poppenspäler in Rahmentechnik. Ein Ich-Erzähler lernt bei Pole Poppenspäler Drechseln und erfahrt von seinem Spitznamen Pole Poppenspäler. Das wird zum Anlass Pole Poppenspäler zu befragen. Dieser erzählt daher in der Binnenerzählung sein Leben.
Nur an wenigen Stellen (und am Ende) geht Storm kurz zur Rahmenerzählung zurück.
Andeutungstechnik
Bekannt ist Storm für seine Andeutungstechnik, die man an einigen Stellen in Pole Poppenspäler nachvollziehen kann. Andere Autoren verwenden diese Technik besonders in Kurzgeschichten bis heute recht erfolgreich.
Künstlerfamilie Tendler spricht zum Teil bairisch
Um Authentizität zu erlangen läßt Storm die Künstler aus München in bairischer Mundart reden. Im August 1872 reiste Storm nach Salzburg und besuchte auf der Rückreise seinen Freund Paul Heyse in Prien am Chiemsee (eventuell auch Wilhelm Jensen). Man kann annehmen, dass er auf dieser Reise die bairische Mundart kennenlernte.
Paul Heyse kritisierte das Bairisch in Storms Pole Poppenspäler: „Tatsächlich ist Storms bairische Mundart weder Fisch noch Fleisch [...] Ursache ist die Künstlichkeit und Unbeholfensein des Sprechens” (Jochen Missfeldt: Du graue Stadt am Meer: Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert, siehe Theodor Literatur).
Eine Diskussion zum Bairisch in Pole Poppenspäler findet man in Bairisch: Das Wichtigste in Kürze (siehe Theodor Literatur) im Kapitel: „Dös haut scho. Bairisch bei nicht-bairischen Autoren”.
Wir Leser verzeihen Storm, dass ihm die bairische Mundart nicht ganz gelingt. Bairische Leser haben ja schon den wenig anziehenden Novellentitel überwunden und werden deshalb über diesen geringen Makel hinwegsehen.
Schade, dass Pole Poppenspälerin der Schule kaum mehr gelesen wird. Die Lektüre der Novelle ist allen Zeitgenossen sehr zu empfehlen.
Links
StormPole Poppenspäler (Paul, der Puppenspieler), Novelle von Theodor Storm
StormText online
StormInhaltsangabe
StormEntstehungsgeschichte
Storm21. Februar 1874 - Pole Poppenspäler von Theodor Storm erscheint, WDR
Storm Theodor Storm
Storm Oskar Maria Graf: Unruhe um einen Friedfertigen
Storm Wilhelm Jensen, "Schüler" Theodor Storms
Storm John Updike: „Learn a Trade”
Literatur
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Storm StormTheodor Storm: Pole Poppenspäler. CreateSpace, 2017. Taschenbuch, 60 Seiten
Storm
Theodor Storm: Pole Poppenspäler. Novelle. Tredition Classics, 2013. Gebunden, 60 Seiten Storm
Storm StormTheodor Storm: Pole Poppenspäler / Viola tricolor. CreateSpace, 2013. Taschenbuch, 76 Seiten
Storm
Theodor Storm: Pole Poppenspäler. Husum, 2011. Taschenbuch, 56 Seiten Storm
Storm StormTheodor Storm: Pole Poppenspäler. Hamburger Lesehefte Nr.1. o.V. Gebunden


Diekhans StormJohannes Diekhans, Jean Lefebre, Hg.: EinFach Deutsch Textausgaben: Theodor Storm: Pole Poppenspäler: Klassen 5 - 7. Schöningh, 2000. Taschenbuch, 122 Seiten Storm
Jean Lefebvre: EinFach Deutsch Unterrichtsmodelle: Theodor Storm: Pole Poppenspäler: Klassen 5 - 7. Schöningh, 2002. Broschüre, 69 Seiten Storm
Missfeldt StormJochen Missfeldt: Du graue Stadt am Meer: Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert. Biographie. Reclam, 2014. Taschenbuch, 495 Seiten Schmid
Hans Ulrich Schmid: Bairisch: Das Wichtigste in Kürze. München: C.H. Beck, 2012. Taschenbuch, 255 Seiten Storm
Storm Anfang

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