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Barbasch
Benny Barbasch: Mein erster Sony
Berlin: BTV, 2009. Taschenbuch, 411 Seiten. Vera Loos, Übs. [May fêrsṭ Sôn] – Benny LinksBenny Literatur
Der zehnjährige Jotham bekam vom Vater einen Sony Kassettenrekorder geschenkt und zeichnet nun alles auf, was ihm in die Quere kommt.
Er wohnt mit seinen zerstrittenen Eltern (Vater Assaf hat eine Freundin und macht sich schon bald aus dem Staub) zusammen. Die Tonprotokolle betreffen die engere und weitere Familie – zeitlich auch weit zurückliegend – und Bekanntschaften.
Je weiter man liest desto weiter verzweigt wird das Geschehen. Die Familie kämpft mit ähnlichen Problemen wie überall: Liebe, Seitensprünge, Entfremdungen, Zerwürfnisse, Krankheit und Tod, unterschiedliche politische Einstellungen. Zeitliche Leuchtbojen sind die Treffen zu religiösen Festen. Doch geben gerade sie Anlass die Klüfte aufzureißen.
Wenn man aufmerksam liest wird man auch mit der besonderen Situation im modernen Israel vertrauter.
Wir lesen keine Protokolle der Kassettenaufzeichnungen sondern Jothams Erzählung aufgrund der Kassetten. Das hat verschiedene Vorteile:
• saloppe, humorvolle, bisweilen witzige Ausdrucksweise:
Vater im Auto mit den Kindern nimmt zum ersten Mal seine "Tusnelda" mit, „die während der gesamten Fahrt versuchte, sich bei uns einzuschleimen, ...“ (S. 71)
• unbekümmerte Darbietung der Ereignisse
• durch die Lauschangriffe erfährt man manches, was sonst nur ein allwissender Erzähler bringen könnte.
Es hat aber auch Nachteile:
• über 406 Seiten wird man von einem 10-jährigen belabbert
• die Satzstrukturen gleichen der erzählten Sprache
• nur indirekte Rede
„man hört sie sagen, Asaaf, deine Kinder; und er sagt, sie schlafen schon; und sie sagt, und wenn eines von ihnen wach wird; und er antwortet, ...“ (S. 121-122) usw.
• stilistisch eintönig, wie in einem Gespräch (wo es nicht so auffällt).
Als es mir einmal besonders krass bewusst wurde zählte ich nach. Die Ausdrücke „und Vater sagte“ und „und Mutter sagte“ (mit geringen Abwandlungen des Verbs) kommen auf zweieinhalb Seiten 35 Mal vor (S. 155-157).
• ergibt oft Mehrdeutigkeiten bei den Pronomina
• im selben Jargon werden auch Szenen geschildert bei denen weder Jotham noch sein Sony dabei gewesen sein können. Zudem jammert er mal über die Preise für Kassetten, muss aber anscheinend Unmengen davon für sein Buch gesammelt haben.
Das wird verstärkt durch:
• die Verwandtenbezeichnung, z.B. „Mutters Mutter Großmutter“ (S. 145)
• den Satzspiegel: keine Kapiteleinteilung; Absätze sind extrem sparsam gesetzt.
Religiöse Prägung
Die jüdisch-religiöse Prägung durchzieht fast das gesamte ausgewalzte Geschehen. Gebote, Verbote, Verhaltens- und Essvorschriften bestimmen das Leben. Angst vor Verbotsübertretungen ist eine häufige Folge, so wenn Jotham erfährt, dass man vom Blitz erschlagen wird, wenn man "Jehova" ausspricht. Er fragt sich, was passiert, wenn er diesen Namen mit dem Sony aufnimmt (S. 144).
Inhaltliche Breite und Abschweifungen
Zur Sippen- und Familiengeschichte gehören Rituale und besondere Objekte, so die alljährlichen Treffen bei Mutter aber auch eine Briefmarkensammlung – und da wird's langweilig –, über die sieben Seiten lang berichtet wird (S. 262-268). Zugegeben: kurz darauf liest man eine hochdramatische Episode über den Asthmanfall von Jothams Schwester Nama (S. 275-279).
Auch ein Frauenwettbewerb über die Anzahl ihrer Männer (S. 246f) langweilt mich. Da ist die oft verheiratete Zsa Zsa Gabor eh nicht zu überbieten. Auf die Frage „How many husbands have you had?“ versuchte sie zu klären: „You mean apart from my own?“
Meine Taschenbuchausgabe von Mein erster Sony ziert ein Aufkleber »Eule des Monats«. Ich dachte vorm Lesen, das sei eine positive Auszeichnung. Ich vergebe eher die »Gurke des bisherigen Lesejahrs 2012«. Einige witzige Passagen und wenige geistreiche Einfälle reißen über 400 Seiten Gelabbere nicht heraus.
Die vielen lobenden Besprechungen erkläre ich mir damit: auch Thomas Brussig: Helden wie wir (siehe Benny Links) dominierte die Bestsellerlisten, wurde verfilmt und gepriesen. Es war Geschmarre.
Links
BarbaschTanja Kinzel: Rezension: Benny Barbasch – Mein erster Sony
BarbaschPinkerneil: Weltgeschichte auf Tape, Der Spiegel, 2.6.1997
Vergleichsliteratur
Barbasch Thomas Brussig: Helden wie wir – qualitativ vergleichbar
Barbasch Etgar Keret: Mond im Sonderangebot. 33 Short Stories – Israel
Barbasch Amos Oz: Der perfekte Frieden – Israel
Ludwig Thoma: Lausbubengeschichten (1905) – bedeutend besser
Mark Twain: The Adventures of Tom Sawyer (1876) – bedeutend besser

Literatur
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 17.1.2012