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Vikram Seth: An Equal Music
[deutsch: Verwandte Stimmen]. London: Phoenix, 1999. Broschiert, 483 Seiten – seth Linksseth Literatur
Vikram Seth, 1952 in Indien geboren, in englisch schreibend, überraschte 1993 die literarische Welt mit dem umfangreichsten Einzelwerk der englischen Sprache: A Suitable Boy, 1.349 Seiten (deutsch: Eine gute Partie, 1995, 1997 Seiten). Sechs Jahre später bringt An Equal Music fast 500 Seiten: so gesehen hat sich Seth zurück gehalten.
An Equal Music ist ein Musikroman. Michael Holme, der Violinist eines Streichquartetts, ist der Ich-Erzähler. Er hatte sich in seiner Studienzeit bei Professor Karl Käll in Wien in die Pianistin Julia McNicholl verliebt. Dann verließ er Wien wegen Spannungen mit seinem Violinlehrer kopfüber und lebt nun seit zehn Jahren in London. Michael ist wie Julia Engländer. Er schreibt ihr später Briefe, die unbeantwortet bleiben. Erst ein Jahr nach seiner Flucht aus Wien wendet er sich an Julias Eltern und wird abserviert (S. 38-39).
Seine Geliebte ist die reizende Französin Virginie. Sie macht ihn darauf aufmerksam, dass Beethoven sein Streichtrio op.3.1 für Streichquintett umgeschrieben habe: op.104 (zu den Musikangaben siehe seth Musik zu Vikram Seth: An Equal Music). Auf der Suche nach den Noten und einer Aufnahme dieses Quintetts sieht Michael in einem Bus Julia. Ein erster Höhepunkt ist seine Verfolgung Julias (S. 43-55).
Man merkt: An Equal Music ist auch ein Liebesroman. Er trifft sich wieder mit Julia, die inzwischen verheiratet ist und ein Kind hat. Virginie lässt der Ich-Erzähler am langen Arm "verhungern", er schenkt ihr aber auch nicht reinen Wein ein.
Neben Julia liebt Michael seine wertvolle Geige, die ihm von einer Bekannten seines Heimatortes Rochdale geliehen wurde. Kurz bevor diese Gönnerin ihr Ende kommen sieht, reklamiert sie die Geige für ihre Erben. Michael ist verzweifelt: Julia entscheidet sich für ihre Familie; die Geige kann Michael nicht erstehen.
Die verwandten Stimmen, wie der Roman treffend auf deutsch heißt, sind also nicht nur die drei Partner im Streichquartett und geliebte Julia, es besteht auch eine Verwandtschaft seiner Liebe zu ihr und zur Geige. Die Handlungsorte sind London, Wien, Venedig und Rochdale.
Die Stärken des Romans liegen in den musikalischen Anteilen. Die Diskussion über einzelne Werke war zumindest für mich recht aufschlußreich. Es freute mich, dass auch eher unbekannte Werke gelobt werden, darunter das frühe Streichquartett Op. 20 von Joseph Haydn. In meiner Kassette der "grossen" Streichquartette Haydns ist es nicht dabei! Es gibt noch was zu entdecken!
Das Treiben des Streichquartetts (Proben, Konzerte, Spannungen, Überlegungen) entfaltet sich großartig, auch wenn – ausser vielleicht dem humorigen Cellisten Billy – die drei als Persönlichkeiten flach bleiben. Dazu kommen rührige Musikagenten, Kritiker und ein eher merkwürdiger Fan. Der Quartettfan ist so isoliert irgendwie überzeichnet; die Quarettmitglieder bleiben blaß, da kommt eine Randfigur wie der Pförtner Rob noch am besten weg.
Ein Beispiel für Billys trocknen Humor: "Why should I get a mobile phone? I'm not a pimp or a plumber" (S. 12).
Die Schwäche liegt in der nicht überzeugenden Liebesbeziehung zwischen Julia und Michael. Einerseits will uns der Autor eine starke Liebe glaubhaft machen, immerhin vergisst Julia eine Zeitlang ihren Ehemann und das Kind (nach zehn Jahren ohne Michael!), andrerseits ist dann unklar,
  • warum Michael vor zehn Jahren Julia ohne Benachrichtigung in Wien zurückließ und
  • er erst nach zwei Monaten zum ersten Mal schrieb
  • er sich ein Jahr lang nur halbherzig um Wiederaufnahme bemühte und
  • sich die weiteren neun Jahre offensichtlich überhaupt nicht bemühte (S. 104-105; u.a.).
Julia verteidigt den Lehrer Käll und Michael fasst das als Verrat auf, den er schwerer einschätzt als das Verhalten des Lehrers (S. 104). Das erscheint mir zu schwach und unglaubwürdig. Julia andrerseits wagte es nicht – als Michael sich endlich bequemte zu schreiben – seine Briefe zu öffnen (S 138).
Insgesamt kann man – um es milde auszudrücken – Michael keine glückliche Hand bescheinigen. Wenn man es scharf sieht ist er ein schlimmer Egoist:
  • Julia läßt er wortlos in Wien zurück (Näheres siehe obige Auflistung)
  • Virginie serviert er am Telefon kurz ab (S. 210-211)
  • über Julia witzelt er, nachdem er von ihrer Taubheit erfuhr, sie sei seine Zugehfrau ("charlady", S. 212)
  • Julia erzählt ihm, dass sie im Forellenquintett den Klavierpart übernehmen wird (S. 231). Michael unterbricht das Gespräch, belügt sie und telefoniert mit Piers (dem ersten Geiger es Quartetts); auch diesen behandelt er unwirsch (S. 232-235)
  • Dabei ist Michael auch ohne jegliche Einsicht in sein Verhalten. Julia: "Don't let me down again" Er: "Again?" (S. 272). Dabei hat er sie nicht nur in Wien sitzen gelassen, sondern auch entgegen Absprache ihre Taubheit an Piers verraten.
  • mehrfach tritt er gegenüber Julia ziemlich fordernd, ja gar aufdringlich, auf; so als sie ihn in Venedig verlässt (S. 370).
  • Obwohl Julia ihn zu sich nach Hause einlädt – vielleicht um ihm ihr intaktes Zuhause mit Ehemann James und Sohn Luke zu zeigen – ist Michael ungeduldig oder ignorant. Z.B. hier: "Julia stand before me, her son at her side. I hear the qualities in her voice. For the words I care nothing" (S. 418). Oder hier:
    "I look at it [the LP of Beethoven's string quintet], and at her, and fling the wretched taunting thing into the pond.
    It sinks. I do not turn to see her expression. I leave her there and walk away." (S. 422)
Michaels mysteriösen, mehrfachen Zusammenbrüche und zum Ende deliriumartigen Fantasien werden nie aufgeklärt. Das erwarte ich von so einem wichtigen Handlungselement jedoch.
Leider gelingt Seth keine so starke Szene mehr wie die Busverfolgung: annähernd noch die Versteigerung von Musikalien.
Der vorangestellte Auszug aus der Sermon XV. von John Donne und der Romanausgang lassen mich vermuten: Michael muß sich mit der Musik begnügen, Julia bleibt unerreichbar. Sofern er gläubig ist kann er aufs Jenseits hoffen. Nur: was ist da mit James und Luke?
Ein reichhaltiger Musik- und Liebesroman mit Stärken und Schwächen. Wenn man an Seths eingangs genanntes Mammutwerk A Suitable Boy denkt, kommt der Leser von An Equal Music gut weg. Allerdings lässt Seth Julia und Michael in London, Wien und Venedig zu ausgiebig herumtapsen. Nochmals straffen, Vikram, dann wird's großartig.
Anmerkungen
"And into that gate they shall enter, and in that house they shall dwell, where there shall be no cloud nor sun, no darkness nor dazzling, but one equal light, no noise nor silence, but one equal music, no fears nor hopes, but one equal possession, no foes nor friends, but an equal communion and identity, no ends nor beginnings; but one equal eternity." (moderne Schreibweise; Original siehe nachfolgenden Link)
sethJohn Donne: Sermon XVseth John Donne
seth Musik in Vikram Seth: An Equal Music
Das Gedicht auf den Seiten 410-411 ist aus Percy Bysshe Shelley: "To a Skylark" (sethBartleby.com), das auf S. 469 ist aus Samuel Taylor Coleridge: "Christabel" (sethetext).
"Fresh woods and pasture new" (S. 455) ist aus:
Thus sang the uncouth swain to the oaks and rills,
While the still morn went out with sandals gray;
He touched the tender stops of various quills,
With eager thought warbling his Doric lay.
And now the sun had stretched out all the hills
And now was dropped into the western bay;
At last he rose, and twitched his mantle blue:
Tomorrow to fresh woods and pastures new.
John Milton: Lycidas, 186 -193. Lycidas
"Apart from that, Mrs Lincoln, how did you enjoy the play?" (S. 478)
Sprichwort unbekannten Ursprungs (seth Zitate unbekannter Herkunft). In einem Internet-Log wurde es Tom Lehrer zugeschrieben. Ähnliche Formulierungen, wie "Besides that, Mrs. Lincoln, how did you like the play?" sind gebräuchlich. Es wird verwendet, um jemand, der zu lange über Nebensächliches erzählt, aufzufordern, zum Kern der Sache zu kommen.
Abgesehen von diesen Zitaten und Sprichwörtern, die schwierig zu übersetzen sind, hat ein Übersetzer auch mit Lukes Witzen und Wortspielen seine Plage.
"A dog goes quick on her legs
A duck goes quack of her eggs" (S. 180)
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Links
Vikram Seth
sethWikipedia
sethAn Interview with Vikram Seth
Postcolonial Studies at Emory
Rezensionen
seththe complete review
sethKapur, Akash: Vikram Seth: An Equal Music
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seth sethVikram Seth: Verwandte Stimmen. Reinbek: Rowohlt, 2001. Broschiert, 477 Seiten. Anette Grube, Übs. seth
Vikram Seth: An Equal Music. London: Phoenix, 1999. Broschiert, 483 Seiten seth
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