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Amos Oz: Der perfekte Frieden
[Menuhah nekhonah]. Frankfurt am Main: Insel, 1987. Ruth Achlama, Übs. 479 Seiten – oz Zitate Amos Oz
Jung und Alt leben im Kibbuz Granot munter zusammen. Es ist die zweite Hälfte der 60-er Jahre des 20. Jahrhunderts. In Israel die Zeit des perfekten Friedens. In 1967 häufen sich die Zwischenfälle an der Grenze zu Syrien. Im November 1967 überfallen israelische Einheiten palästinensische Grenzdörfer in Jordanien. Diese kriegerischen Aktionen und die Vorbereitungen dazu sind im Kibbuz immer präsent. Der perfekte Frieden bezieht sich auch auf die Bewohner des Kibbuz, die zwar liebevoll geschildert werden, aber doch ihre Eigenarten haben. Das gilt besonders für den jungen Asarja Gitlin, der eines Tages in den Kibbuz aufgenommen werden will. Er darf bleiben und landete beim Ehepaar Rimona und Jonaton Lifshitz: der perfekte Frieden als Dreiecksverhältnis. Es ist so perfekt, daß man am Ende nicht weiß, von wem die neugeborene Naama ist.
Trotz Perfektion will Jonatan ausbrechen und ein neues Leben ausprobieren. Seine Vorstellungen davon sind reichlich diffus. Mir als Leser blieb völlig unklar, warum er in ein einsames Wüstental im Grenzgebiet oder schon dahinter will. Jedenfalls kehrt er nach wenigen Monaten zurück.
Oz Sonderbar (und für mich neu) war die untergeordnete Rolle der Frau im Kibbuz und in der Familie. Rimona fragt, ob sie den Radio einschalten soll (sie will die Elf-Uhr-Nachrichten hören), doch Asarja findet das unnötig (S. 461). Allerdings scheint die ältere Chawa, Mutter von Jonatan und Frau des Kibbuzsekretärs Jolek, im Hintergrund einige Fäden zu spinnen.
Oz Am packendsten, vielleicht da so ungewöhnlich, waren die Passagen, in denen Ministerpräsident Eschkol (oz Levi Eschkol) ins Kibbuz Granot kam und sich die Sorgen der Leute anhörte. Man stelle sich vor, ein Bundestagsabgeordneter oder gar Kanzler käme auf diese Idee. Doch auch dies blieb schattenhaft, da es offen bleibt, ob Eschkol, bei aller Jovialität, das im Kibbuz Vorgebrachte überhaupt juckte.
Oz Wohltuend empfand ich, daß die Religion kaum eine Rolle spielte. Sie kommt nur in erstarrten Riten (Kibbuzküche, Sabbath) vor.
Oz Die lange geplante Flucht Jonatons aus dem Kibbuz ist merkwürdig. Es wird eine irrsinnige Exkursion daraus: in die feindliche Wüste; dort ballert herum und kehrt zurück ins Kibbuz. Er hat bewiesen, daß er aus der Gemeinschaft ausbrechen kann und das genügt ihm. Oder merkt er, daß es ohne behütetes Kibbuz nicht geht? Dies wird nicht thematisiert, nicht einmal angedeutet.
Oz Trotz der fast fünfhundert Seiten erfährt man wenig über die Funktionsweise eines Kibbuz. Trotz 14 Stunden Arbeit (?) haben die Bewohner Zeit zum Schach spielen und Klassik hören. Jonatan spielt gelegentlich Schach mit Rimona (S. 80), steckt Asarja mit seinem Hobby an (S. 132) und dieser verbessert sich sogar mit Studium von Schachzeitschriften (oz Schach in der Literatur).
Nur schemenhaft wurde die Diskrepanz zwischen Eigennutz (freie Zeit) und Arbeitszwang angedeutet. Deutlich wird der ständige Kampf in einer feindlichen, arabischen Umgebung, der den Alltag bestimmt. Am 14. Mai wird ein arabischer Eindringling getötet, am 17. die Gerstenernte beendet (S. 473).
Der Erzähler des Romans wechselt gelegentlich seinen Standpunkt. So kommen auch Tagebucheintragungen in den Roman, man verfolgt das Geschehen im Kibbuz und die Reise Jonatans. Man spürt die Parteinahme des Erzählers, wenn er von "unserem" Kibbuz spricht.
Die verschmitzten, ironischen Szenen sind selten. Auf drei valentineske Einlagen will ich hinweisen.
[Asarja Gitlin kommt im Kibbuz an.]
„Sein Name, vielleicht habe er's schon gesagt, sei Asar Gitlin. Und jetzt vor wenigen Wochen – drei, dreieinviertel Wochen –, also vor ungefähr 23 Tagen sei er aus dem Militär entlassen worden.“ (S. 58) Hier war ein Hinweis auf Karl Valentin. Die Enkelin des Künstlers Anneliese Kühn will Karl Valentin hier öffentlich nicht sehen / lesen. Der Hinweis wurde daher am 20. Juli 2005 entfernt.
Die zweite Anlehnung an Karl Valentin ist das mehrmalige Schreiben und Verwerfen eines Briefes. Das ist die umwerfende Pointe in paraphrasiert: Brief eines Freundes (München, 19.11.1940)
„Auch eine kaputte Uhr geht zweimal am Tag richtig“ (S. 232), ein angeblich russisches Sprichwort. Die zugehörige Stelle bei Valentin ist mir derzeit nicht greifbar (für Hinweise bin ich dankbar). Woody Allen griff es mit „Selbst eine kaputte Uhr geht zweimal am Tag richtig“ in Anything else ebenfalls auf. Tiefere philosophsiche Überlegungen zur Funktion eines Geräts erweisen den Satz aber als falsch. Eine kaputte Uhr ist funktionslos (im Sinne der vom Ersteller und Käufer erwarteten Funktion) und geht damit nie richtig.
Die ersten hundert Seiten ließen auf einen wunderbaren Roman hoffen. Oz hatte die Personen und Dialoge im Griff und erzeugte Spannung durch den gleich zu Beginn angekündigten Weggang Jonatans. Nachdem Asarja Gitlin ins Kibbuz kam läßt das Werk aber deutlich nach. Skurrile Eigenarten der Kibbuzbewohner tragen keinen Roman, der Weggang Jonatans läßt auf sich warten und da er so plan- und ziellos erfolgt schlägt das auf die Lektüre nieder. Erst als sich im Kibbuz einiges verändert (Jolek erkrankt, neuer Sekretär, Rimona erwartet ein Kind) und die Suche nach Jonatan aufgenommen wird, gewinnt die Handlung wieder an Fahrt. Diese guten letzten hundert Seiten können den schwachen Gesamteindruck kaum noch aufhellen.
Levi Eschkol
* 25.10. 1895 Oratowo (bei Kiew)
Eschkol beteiligte sich an der Gründung eines der ersten Kibbuzim. Er war Mitbegründer der Gewerkschaftsorganisation Histadrut und der sozialistischen Mapai-Partei. Nach der Gründung des Staates Israel (1948) war er von 1951 bis 63 Finanzminister.
Am dritten Tag seines Besuchs in der Bundesrepublik fliegt der US-amerikanische Präsident John F. Kennedy für sieben Stunden nach Berlin. Am selben Tag, Mittwoch 26. Juni 1963, bestätigt das israelische Parlament, die Knesset, in Tel Aviv die neue Regierung unter Levi Eschkol, dem Nachfolger von David Ben Gurion. Im November 1965, etwa zu Beginn des Romans Der perfekte Frieden, wird Levi Eschkol erneut Ministerpräsident.
Januar 1967 Ministerpräsident Levi Eschkol beschuldigt die Araber der Kriegsvorbereitung und warnt die arabische Guerilla-Organisation Al-Fatah vor Sabotageakten.
26. Februar 1969 Levi Eschkol stirbt in Jerusalem. Im März wird die frühere Außenministerin Golda Meir zu seinem Nachfolger gewählt.
OzAmos Oz (Amos Klausner)oz Zitate Amos Oz
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oz OzAmos Oz: Der perfekte Frieden. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005. Broschiert oz
Amos Oz: Der perfekte Frieden. Frankfurt am Main: Insel, 1992. Gebunden Oz

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 10.2.2005