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Xinran
Xinran: Miss Chopsticks
Ester Tyldesley, Übs. London: Vintage, 2008. Taschenbuch, 240 Seiten
[Die namenlosen Töchter, Michaela Grabinger, Übs.]
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Chinesische Eltern ohne Söhne fallen tief in der Achtung. Das Familiengebäude gilt als ohne "Firstbalken". Drei von sechs Töchtern einer Familie auf dem Lande (ohne Bruder; die Töchter haben keine normalen Namen, sondern sind nur durchnummeriert) versuchen ihr Glück in Nanjing, der nahen Grossstadt. Von der Mutter wurden sie mit vielen Warnungen und Sprichwörtern versehen ins Grossstadtleben entlassen.
"Drei" findet schnell einen annehmbaren Job. "Fünf" und "Sechs" kommen nach und finden ebenfalls rasch einen Platz. Alle drei haben Fähigkeiten, die gefragt sind. Freilich ist für die Töchter vom Lande nahezu alles in der Stadt verwunderlich und ungewohnt. Das führt zu manch komischen und missverständlichen Situationen.
Die "Essensstäbchen" (chopsticks) bewähren sich in der Stadt und kommen nach ein paar Jahren als "Firstbalken" zurück aufs Land. In Abwandlung des New-York-Spruchs: wer es dort geschafft hat, schafft es überall.
In vielen Episoden ohne eigentlichen Handlungsstrang erzählt Xinran von den Unterschieden zwischen Land und Stadt in China. Die drei Schwestern – zu denen später noch Onkel Zwei auf Besuch kommt – müssen viel lernen. Das betrifft nicht nur Bildung und Technik sondern vor allem die Moral. Was auf dem Land moralisch unmöglich ist lockt in der Stadt nicht mal Erstaunen hervor. Das Stadtleben entlarvt nahezu alle Sittengesetze des Landes als prüde und rigide. Einige dieser Moralvorstellungen galten auch bei uns bis in die 60-er Jahre des 20. Jhdts. (z.B. das verbotene Zusammenwohnen Unverheirateter, S. 8, 86; Freitod gefallener Mädchen, S. 18; vergleiche dazu Walter Lassauer: Annas Schwester; Ausgrenzung und Bestrafung der Homosexualität, S. 133-134; eine Frau soll den Mund nicht öffnen, S. 146, 1. Kor. 14,34; Ausschluss von Schwangeren von der Universität, S. 163).
Dieser Gegensatz gilt auch zwischen der erzählten Zeit und der Vergangenheit. Wenngleich die Autorin auch zeigt, dass manche Volksbräuche und -gewohnheiten selbst harte "Kulturrevolutionen" überdauern.
Doch auch die Stadt wandelt sich. Das wird nur im Nachwort angesprochen: das "Happy Fool"-Restaurant weicht einem Kentucky Fried Chicken, angedeutet wird, dass der Konfuzius-Tempel in eine katholische Kirche verwandelt werden könnte.
Modernes Schach
Der Roman spielt wohl im 21. Jhdt. so kann man die zahlreichen Schachspieler im Romangeschehen als Anhänger des internationalen Schachsports ansehen, nicht mehr Xiangqi-Spieler, eine (früher?) verbreitete, chinesische Form des Schachs. Seit 1990 hat das Schachspiel in China einen Popularitätsschub ohnegleichen. Dieser Siegeszug wirkt sich besonders bei den Frauen aus: seit 1990 gab es vier chinesiche Weltmeisterinnen: Xie Jun, Zhu Chen, Xu Yuhua und derzeit (2012, seit 2010): Hou Yifan (* 1994). Der derzeit (5/2012) beste männliche Schachspieler Wang Hao (* 1989) belegt den 14. Platz in der Weltrangliste.
Xinran zeichnet ein falsches Bild: es sind immer nur (alte) Männer die Schach spielen (S. 3, 5). Andrerseits werden die Schachspieler oft positiv konnotiert: mit hilfreichen Verbindungen, fähig zum Müßiggang und in heftige Debatten verwickelt (S. 9, 25, 236).
Nach einigen Kapiteln hatte ich freilich die "Message" kapiert und las nur noch lustlos weiter. Die zahlreichen Anekdoten und Sprüche sind oft Allgemeingut bis trivial.
Die Mythen fernöstlicher Weisheit und Heilkunst werden zerstört
Im Grunde werden viele Sitten, Gebräuche und Einstellungen im ländlichen China und mancher Ersatz in der Stadt als fragwürdig hingestellt. Ein Beispiel: Nur weil die Mutter keinen Sohn gebar wird sie niedriger als ein Tier angesehen (S. 168). So kann man den Roman auch als ein Plädoyer für moralischen Pluralismus, Relativismus und Toleranz lesen. Explizit wird dies im Nachwort thematisiert. Eine junge Frau fragt die Autorin rhetorisch: „You tell me, what's good and what's bad?” Die Standards zwischen Land und Stadt, zwischen China und anderen Ländern, zwischen Mutter und Grossmutter sind verschieden (S. 235). Warum sollte man – so wird weiter gefolgert – sich diesem Standard unterwerfen und sich – beispielsweise – als Mädchen auf dem Lande für den guten Ruf töten? „... what's the use of a good name if you're dead?” (S. 235) Ja, genau: ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert (unbekannte Herkunft, siehe Xinran Links).
Die in der Stadt und Gegenwart leben gewiss nicht schlechter als auf dem Lande oder in früheren Zeiten, haben aber ein angenehmeres, freieres und reichhaltigeres Leben.
Dass die drei Töchter des einfachen Bauern in der Stadt extrem aufgeschlossen, wissensbegierig und bildungsbeflissen sind, ist eine starke Idealisierung.
An drei Töchtern zeigt Xinran exemplarisch die Anpassung der chinesischen Frauen an die Moderne. Das ist an sich erfreulich, doch bringt der Roman zuviel Friede, Freude, Eierkuchen. Indirekte Kritik erfolgt nur an den überholten, teils haarsträubenden Sitten und Gebräuchen auf dem Lande. Die Leser müssen sich fragen, ob nicht auch viele ihrer derzeitigen Moralvorstellungen woanders oder in späteren Jahren Unverständnis ernten.
Dem Roman fehlt es an Dramatik. Die Botschaft hat man nach hundert Seiten verstanden. Man lese diese 100 Seiten und das Nachwort.
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Xinran Ist der Ruf erst ruiniert, lebste nachher ungeniert
Xinran Walter Lassauer: Annas Schwester - Das Mädchen vom Inn: Historischer Roman
Literatur
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Xinran: Die namenlosen Töchter [Miss Chopsticks] Michaela Grabinger, Übs. Droemer, 2007. Gebunden, 336 Seiten Xinran
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Xinran: Miss Chopsticks. Chatto & Windus, 2007. Gebunden, 240 Seiten. Ester Tyldesley, Übs.  Xinran
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