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Martinez
Guillermo Martinez: Roderers Eröffnung
Berlin: Eichborn, 2009. Gebunden, 118 Seiten [Acerca de Roderer] 1992 Angelica Ammar, Übs.
Guillermo LinksGuillermo Literatur

Nach der Lektüre erkannte ich den Sinn der eingangs ausführlich geschilderten Schachpartie des Ich-Erzählers gegen Gustavo Roderer. Der als Schachspieler versierte Erzähler (er hält sich sogar für einen großen Schachspieler) findet in dem Neuen in der Kneipe Club Olimpo seinen Meister. Roderer setzt ihm eine lupenreine Aljechin-Verteidigung vor und findet auf die buchmässigen Züge des Weißen stets die richtigen Antworten. Nichts ist mit Schacholymp.
Die assimilierende Intelligenz, die alles aufsaugt, sitzt der genialische Intelligenz (Roderer) gegenüber. Dem setzt Roderer die Krone auf, als er später dem Ich-Erzähler bekennt, dass ihn Schach eigentlich nicht so interessiere.
Ab diesem Sachspiel in der Kneipe wirft Roderer seinen Schatten auf den Lebensweg des Ich-Erzählers, wo immer dieser auch ist.
Roderer bricht die Schule ab und zieht sich immer mehr in sein Bücherzimmer zurück. Natürlich liest er den Faust von Goethe in der Originalsprache und diskutiert über schwierige mathematische, logische und  philosophische Probleme. Er arbeitet an einem universalen Denksystem, das alles bisherige in den Schatten stellt. Das dachten freilich von Kant bis Wittgenstein viele Philosophen und andere Geister. Ob sich Roderer dazu mit Drogen aufpeitscht bleibt im Ungewissen.
Der Ich-Erzähler überspringt eine Klasse und geht sofort zum Mathematikstudium an die Universität in Buenos Aires, später wird ihm Cambridge, England angeboten und er bereitet sich dafür vor. Die letzten Tage vor der Abreise verbringt er zu Hause im Dorf Puente Viejo.
Guillermo Martinez hält auf 118 Seiten einen teilweise beklemmenden Exkurs über Hochbegabung. Neben den zwei Protagonisten gibt es noch den zwielichtigen Lehrer Dr. Rago, der gleich zu Beginn im Unterricht Akzente setzt und damit das spätere Geschehen vorab erläutert. Auch ganz am Ende greift er nochmals entscheidend ein.
Viele Fragen werden verhandelt, so auch die, ob man sich den Konventionen beugen soll und Gesellschaft pflegen und über Belangloses reden soll, oder ob man sich heruashalten und zurückziehen soll – wie Roderer – um an den wichtigen Fragen des Seins zu arbeiten. Jeder muss für sich entscheiden, was ihm wichtig ist.
Roderer wählt statt Schach und Schule sein Genie im stillen Denkerzimmer. Der extrem gute Schachspieler (das "extrem" wird dem Leser nur nahe gelegt; ein Sieg über einen Dorfmeister belegt es kaum) wird in der Literatur oft als weltfremder Sonderling dargestellt. Paradigmatisch dafür steht Fischerle in Die Blendung von Elias Canetti. Obwohl: eigentlich es gibt für Roderer kaum eine Wahl, er muss einfach sein Gedankengebäude in aller Konsequenz verfolgen.
Der Ich-Erzähler steht ganz am Ende vor der Wahl: Roderes Gedankenbäude anzuhören und weiterzugeben oder das familiäre Abschiedsessen über sich ergehen zu lassen.
Das Faust-Motiv steht zur Diskussion: was darf / soll man opfern um zur höchsten Erkenntnis vorzudringen? Wie hoch darf der Einsatz sein? Ist es richtig (oder nichtig?), sein Können dem Schachspiel hinzugeben? der Mathematik? der allem Irdischen entrückten Philosophie?
Manche Phrasen wie „Aber die Welt ist nur ein Beispiel“ sind keineswegs hohl. Martinez gibt Denkfutter, hier kann man beispielsweise an die Mehr-WeltenTheorie denken. Witzig ist der letzte Satz, der von Gustafo stammt: „Öffne mir, ich bin der erste“. Er ist ja überzeugt als Erster die Theorie von Allem gefunden zu haben (auch wenn es die, das führen sich Ich-Erzähler und Gustavo in Diskussionen vor Augen, gar nicht geben kann).
Der Vater des Ich-Erzählers kommt zur Einsicht – obwohl er eigentlich so alt noch nicht sein kann, aber was soll's: „Das ist die Gnade des Alters: es macht einen des Lebens müde“ (S. 107).
Man darf nicht alles in die Waagschale werfen. So ist ein Dorfschachmeister in Puente Viejo 1300 Kilometer südlich von Buenos Aires sicherlich kein Massstab für einen einigermaßen guten Schachspieler. Der Autor verrät nichts von den Vorkenntnissen Roderers. Das passt, denn auf etwas mehr als 100 Seiten kann und darf man nicht alles auswälzen. So bleibt auch unklar, wen Cristina, die Schwester des Ich-Erzählers, eine langjährige Verehrerin Gustavos, eigentlich heiraten wird.
Roderers Eröffnung ist elegant erzählt, wenn auch etwas kopflastig. Das heißt nicht, dass die Handlung zu kurz kommt. Im Gegenteil: recht viel mehr kann man in 118 Seiten nicht packen. Da der kurze Roman auch stilistisch (Unebenheiten der Übersetzung beim Schach fallen nicht ins Gewicht) grossartig ist: unbedingt lesen.
Links
Guillermo Martínez: MartinezSobre Guillermo MartínezMartinezWikipedia
MartinezFranz Birkenhauer: Jugend und Wahn, - sf magazin 30.03.2009
MartinezMartin Halter: Guillermo Martínez: Roderers Eröffnung Die Welt ist nur ein Beispiel. FAZ 26.06.2009
MartinezRicarda Ingel-Pérez Guillermo MARTÍNEZ: Roderers Eröffnung (04/2009)
MartinezPerlentaucher
MartinezUwe Stolzmann: Kräftemessen zweier Hochbegabter
MartinezDoris Wieser: Eifersucht des Klugen auf das Genie
Vergleichsliteratur
Martinez Henri Alain-Fournier: Der große Meaulnes
Honoré de Balzac: Das unbekannte Meisterwerk
Honoré de Balzac: Louis Lambert (wird auf S. 20 diskutiert)
Martinez Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
Martinez Vladimir Nabokov: Lushins Verteidigung

Martinez Guillermo Martinez: Die Pythagoras-Morde
Martinez Schach
Martinez Schach in der Literatur
Literatur
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Martinez MartinezGuillermo Martinez: Roderers Eröffnung. Berlin: Eichborn, 2009. Gebunden, 118 Seiten [Acerca de Roderer] 1992 Angelica Ammar, Übs. Martinez
Guillermo Martinez: Roderers Eröffnung. Frankfurt: Fischer, 2011. Broschiert, 118 Seiten Martinez
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