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Aquino
Marçal Aquino: Flieh. Und nimm die Dame mit
[Eu receberia as piores noticias dos seus lindos lábios] Kurt Scharf, Übs. Frankfurt am Main: Edition Büchergilde, 2009. Gebunden, 284 Seiten – Marcal LinksMarcal Literatur
Hätte man mir vorher gesagt, dass hier ein leidenschaftliches Liebesverhältnis (oder sind es zwei oder mehrere?) im Mittelpunkt des Romans steht, zudem in kurzen Episoden Zeiten, Gedanken und Geschichten gefächert werden, hätte ich den Roman kaum gelesen. Es wäre jammerschade gewesen. Der Roman Flieh. Und nimm die Dame mit ist beeindruckend stark.
Den Journalisten und Fotografen Cauby führt eine Recherche über Prostituierte in eine brasilianische Goldgräberstadt. Schauplatz ist nicht nur diese Stadt sondern auch das Cafe mit Pension von Dona Jane, in das der Leser sofort eingeführt wird. Dort erzählt Altino seine lang zurückliegende Liebesgeschichte mit Marines. Cauby trifft die junge Lavinia und ist ihr von Anfang an verfallen. Er sieht sie zuerst auf einem Foto bei Chang, dem Chinesen, und als er es noch bewundert tritt sie in sein Leben. Dieses Motiv erinnerte mich stark an Gradiva, Hauptperson im gleichnamigen Roman von Wilhelm Jensen (Marcal Links).
Lavinia ist mit einem sehr viel älteren Prediger verheiratet. Ihr Name stammt aus der römischen Mythologie, ist aber auch der Name eines Orts im brasilianischen Bundesstaat São Paulo.
Zuerst wird Chang ermordet, aber dabei bleibt es nicht. Cauby wird gewarnt: "Flieh. Und nimm die Dame mit!" Er schlägt die Warnung in den Wind, wie einst Caesar am Tage seines Todes.
Aufmerksamkeit ist erforderlich, wenn Altino erzählt und der Ich-Erzähler Cauby seine leidenschaftliche Liebesaffäre mit Lavinia einstreut. Diese Verzahnung der Handlungsstränge durchzieht den ganzen Roman. Marçal Aquino gelingt es in der Rahmenhandlung eine dichte Atmosphäre zu schildern, die an die erste schwüle Phase im Film "Lohn der Angst" erinnert.
In den zahlreichen Dialogen findet der Textanstreicher einige merkwürdigen (wörtlich verstanden) Passagen, z.B.
[Viktor] "Weißt du, was Scheiße ist, Cauby? Zurückzublicken und zu entdecken, dass unser Leben keinerlei Bedeutung hatte, verstehst du? Nichts getan zu haben, woran man sich erinnern wird." (S. 171)
Direkte und indirekte Rede wechseln – obendrein ohne äußere Zeichen – ständig. Normalerweise lehne ich dies Verfahren als Manierismus ab, doch hier trägt es stark zur Stimmung bei und ist gekonnt und legitim eingesetzt.
Ein starke Liebesgeschichte vor dem Hintergrund einer Pionierstadt im Goldfieber. Aquino zeigt, dass man das uralte Motiv "Affäre zu dritt" immer wieder neu erzählen kann.
Links
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AquinoMarçal Aquino, * 1958 in Amparo, brasilianischer Schriftsteller, Journalist und Drehbuchautor
AquinoLavinia (römische Mythologie)
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Aquino AquinoMarçal Aquino: Flieh. Und nimm die Dame mit. Frankfurt am Main: Edition Büchergilde, 2009. Gebunden, 284 Seiten. [Eu receberia as piores noticias dos seus lindos lábios] Kurt Scharf, Übs.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 23.11.2009