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Mario Vargas Llosa: Tod in den Anden
[Lituma en los Andes, 1993] Elke Wehr, Übs. Frankfurt: Suhrkamp, 1996. Gebunden, 382 Seiten
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In Naccos, einem abgeschiedenen Bergdorf Perus, verschwinden hintereinander drei Menschen. Der strafversetzte Korporal Lituma und sein Helfer Tomás Carreno kommen bei ihren Ermittlungen nicht weiter. Es ist unklar, ob die Einheimischen (nur Indios?) schweigen, weil sie Angst vor der Willkür des revolutionären Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) oder weil sie die magischen Kräfte der Natur fürchten. Kunstvoll verwebt Vargas Llosa die abenteuerliche Liebesgeschichte seines Helfers mit Mercedes, die Tomás seinem Vorgesetzten Nacht für Nacht erzählt.
Am Ende des Romans spitzen sich die Ereignisse zu, da eine Frau in der Wildnis auftaucht.
Korporal Lituma verkörpert das moderne Peru, er kommt aus der Stadt Piura in der Küstenregion (wie auch Mercedes!). Naccos und seine Bewohner sind das zurückständige Peru. Die früher lebendige Bergwerksregion verkommt nach Aufgabe der Mine zur Trostlosigkeit. Ein Strassenbauprojekt durch die Wildnis kommt nicht voran. Die einheimische Bevölkerung schildert Vargas als völlig rückständig und alten Mythen verfallen. Naccos wird zum Gefängnis für die beiden Polizisten. Sie sind sowohl den Terroreinheiten des Sendero Luminoso als auch den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert. Vielleicht droht auch Gefahr von der Bergbevölkerung: einige könnten mit dem Sendero Luminoso in Verbindung stehen oder mit den Geistern der Berge. Ersatzweise träumt Tomás von seinen Flitterwochen mit Mercedes, Lituma begeistert sich mit ihm.
Vargas Llosa verknüft mehrere Handlungsstränge: manche zeitlich auseinanderliegende verzahnt er so eng, dass der Leser gefordert ist, sie auseinander zu halten. (Keine Angst: es sind nur kurze Passagen und für den Leser eher anstachelnd).
Eine folienartige (dieses beliebte Modewort ist hier angebracht) Hintergrundhandlung durchzieht den gesamten Roman. Man wird sofort aufmerksam, als der Kantinenwirt Dionisios auftaucht (S. 13). Später erst (seine Frau, Senora Ariana, ist zu deutlich an Ariadne erinnernd; S. 44) wurde mir die Lage klarer und ich las in den griechischen Mythen nach.
Kantinenwirt Dionisios Dionysos, der Gott des Weines und der Ekstase. Als Naccos noch ein "Frontier"-Ort war, verfügte Dionisios über seine Kantinenfrauen, ähnlich wie Gott Dionysos über die Mänaden, die rasenden Frauen. Die Mänaden tanzten sich in den Bergen in Ekstase.
Senora Ariana Ariadne wurde auf der Insel Naxos (Naccos!) zurückgelassen und von Dionysos gerettet; er heiratete sie.
Timoteo, erster Mann Arianas; kämpft erfolgreich gegen den "pishtaco" in der Höhle, dem die Bevölkerung bisher immer Menschenopfer zuführte Theseus bekam von Ariadne (die sich ihn verliebte) das berühmte Garn um nach der Bekämpfung des Minotaurus (Menschenopfer in dessen Höhle!) wieder aus dem Labyrinth zu finden. Gemeinsam segeln sie von Kreta ab, doch Theseus "vergisst" sie auf der Insel Naxos, wo sie Dionysos findet (siehe oben).
Es tauchen noch einige Namen auf, die vielleicht mythische Bezüge haben: Demetrio, Timoteo, ...
Don Medardo Llantac, stellvertretender Gouverneur von Andamarca, entkommt den Schergen und Plünderer des Leuchtenden Pfades, da er wegen seines Durchfalls gerade hinterm Haus sitzt und sich in ein offenes Grab retten kann. Dasselbe Rettungsmotiv benützt D. B. C. Pierre in Vernon God Little (2003; vargas Rezension).
Stereotype in Tod in den Anden
Mario Vargas Llosa unterlag 1990 bei der Präsidentschaftswahl; man sagt, weil ihn die Bewohner des Hochlands nicht wählten. Drei Jahre später legte er diesen Roman vor: Lituma en los Andes. Die Dorfbewohner kommen dabei denkbar schlecht weg. Sie sind durchweg verschlagen, undurchsichtig, primitiv religiös und gewalttätig. Das Motiv des Kannibalismus taucht schon früh auf. So zieht Vargas Llosa bezüglich der Landbevölkerung einige Stereotypen-Register und mehr. Die Exkursion des weißen Stadtbewohners in die tiefe Wildnis mit primitiver Bevölkerung lassen mich denn auch an Joseph Conrad: Heart of Darkness (vargas Joseph Conrad: Heart of Darkness [Herz der Finsternis]) denken. In der Tat scheint mir Tod in den Anden ein großartiger Roman zu sein, dem aber der Vorwurf des diskriminierenden Rassismus nicht erspart bleibt. Näheres dazu unter vargas Anke Laufer: Rassismus, ethnische Stereotype und nationale Identität in Peru.
Der Autor oder die Übersetzerin hätten einige Fremdwörte in einem Glossar erläutern sollen. Ich habe es für künftige Leser nachgeholt: vargas Glossar.
Fazit
Ein spannender Roman mit beklemmender, oft brutaler Handlung, wie es wohl dem Wirken des Sendero Luminoso entspricht. Die völlig negative Darstellung der Hochlandbevölkerung muß man beiseite schieben.
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Links
Mario Vargas Llosa (* 28. März 1936 in Arequipa, Südperu), Nobelpreiskandidat;
1990 unterliegt er bei den Präsidentenwahlen gegen Alberto Fujimori;
lebt heute überwiegend in London.
1996 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – vargasOffizielle Website des Autors
vargasPostcolonial Studies at Emory
vargasSuhrkampvargasWikipediavargasTom`s KrimitreffvargasBR: Poetische Welten
vargasKatrin Hillgruber: Literatur muß sich mit Zeitgeschichte beschäftigen, Tagesspiegel 23. Februar 1998
vargasMarko Martin: Ein Interview mit dem peruanischen Schriftsteller, Tagesspiegel 17. Juni 1998
vargasThomas M. Scheerer: Postmoderne Identität? Bemerkungen zu Mario Vargas Llosa
vargasEberhard Falcke: Der Meister des Common Sense. Mario Vargas Llosas Kommentare zum Zeitgeschehen - Die Zeit 51/2002
vargas"Es gibt keine marxistische Erotik" Marko Martin im Gespräch mit Mario Vargas Llosa
vargasVargas Llosa zum Ehrendoktor ernannt, NZ Netzeitung 13. Okt 2005; Ehrendoktorwürde der Berliner Humboldt-Universität
Rezensionen: vargasportuñol 12 – ZDF Literarisches Quartett 13. Juni 1996 (kein Link verfügbar)
vargasSpanish ConquestvargasAnnotated Bibliography
vargasAnthroSourcevargasList of JournalsvargasJournal of Latin American Anthropology
vargas Anke Laufer: Rassismus, ethnische Stereotype und nationale Identität in Peru
vargas Hintergrundinformation zu Peru
vargas Joseph Conrad: Heart of Darkness [Herz der Finsternis]
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Literatur
Adorno, Rolena (1994): "The Art of Survival in Early Colonial Peru". In: William B. Taylor, Franklin Pease G.Y., Hg.: Violence, Resistance, and Survival in the Americas: Native Americans and the Legacy of Conquest. Washington. S. 67-97.
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Urban, Greg, Joel Sherzer, Hg. (2001): Nation-States and Indians in Latin America. Tucson, Arizona.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 22.2.2006