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Fischer
Josef Fischer:
Kamerun oder der Belltownaufruhr. Roman aus der deutschen Kolonialgeschichte

Borsdorf: winterwork, 2014. Broschiert, 200 Seiten – Josef LinksJosef Literatur
Der Bremer Kaufmann Roland Terboven hatte sich von seiner Handelsfirma nach Kamerun versetzen lassen. Der historische Roman Kamerun oder der Belltownaufruhr setzt mit seiner Ankunft dort ein. In Rückblende wird sein Versetzungswunsch motiviert: als Behinderter blitzte er bei einer Dame ab. In Belltown, dem Gouverneurssitz in Kamerun, wird er in die dortige Gesellschaft der Kolonialherren und die Gepflogenheiten eingeführt. Die Dünkelhaftigkeit der weißen Schutzherren gegenüber den Einheimischen manifestiert sich in zahlreichen Vorurteilen. Alle streben ein angenehmes Leben in Gutsherrenart an und hoffen auf Karrierne nach der Rückkehr nach Deutschland. Nur der Kaufmann Gustav Pettersen ist von etwas anderem Schlag und Terboven neigt seinen oft zur weißen Herrenschicht gegensätzlichen Positionen zu.
Zunächst scheint sich Terbovens Fehlschlag mit dem weiblichen Geschlecht in der Heimat in Kamerun zu wiederholen, Die Krankenhelferin Elsa Lindquist weist mit ihrem Stottern auch einen Mangel auf und im Laufe des Geschehens nähern sie sich an. Doch Terboven pflegt auch eine handfeste Affäre mit Solombe, einer Fürstentochter vom Volk der Dahomey.
Unter dem Deckmantel der heilen Welt in der Kolonie braut sich Unbill zusammen. Er entlädt sich im titelgebenden Belltownaufruhr, dem die weißen Besatzer fast zum Opfer fallen, wenn nicht rechtzeitig das rettende Schiff aus der Heimat käme.
Wie der Autor im Nachwort kundtut sind fast alle Personen des Romans frei erfunden. Für den Freiheitskampf („Meuterei”, S. 197) beansprucht der Autor, dass er so ähnlich abgelaufen sei.
Im Dezember 1893 rebellierten tatsächlich fünfzig Dahomeysoldaten. Der Aufruhr wurde von der Mannschaft des Kreuzers S.M.S. Hyäne niedergeschlagen (siehe Dahomey-Aufstand unter Josef Links).
Die Charaktere werden glaubhaft geschildert. Der Roman ist stark gesprächslastig, was ja oft zur Lebendigkeit beiträgt. Allerdings legt Fischer den Personen häufig lange Berichte in den Mund. Die Leser sind nicht dabei, sondern erfahren es erst später durch mündlichen Bericht.
Dem Autor gelingt mit seinem Erstlingsroman zweierlei:
  • Etliche Male glaubt man ihn beim Klischee zu ertappen, doch die Leser werden überrascht, wenn der Autor es in eine andere Richtung wendet.
  • Der durchgehende Ton entspricht einem Abenteurerroman Anfang des 20. Jahrhunderts.

„Neger”: ein rassistisches Schimpfwort
Allerdings geht dem Autor dabei der Gaul durch: der Erzähler (also im Grunde der Autor) diffamiert mit „Neger”, „Negerkaff”, „Bande”, „Pack”, „Gesindel”, das primitive heidnische Kunstwerke (S. 105) produziert. Wohlgemerkt, dass sind nicht Begriffe aus den zahlreichen Dialogen (dort gehören sie hin, denn die Kolonialherren und alle anderen sprachen damals nicht anders), sondern aus dem Erzähltext. Dabei dürfte es heute  (nach Eliminierung von „Negerküssen” und anderem) jedem klar sein, dass „Neger” heutzutage als abwertende, rassistische Bezeichnung für schwarze Menschen gilt. Dafür gilt, „daß der Ausdruck Neger heute als explizite Diffamierungsvokabel fungiert und im öffentlichen Sprachgebrauch außer bei den Rechtsextremen vermieden wird.” ( Wengeler 1995, S. 707)

Weitere Stimmen zum Gebrauch von „Neger” im heutigen Deutschland
  • Prof. Dr. Wolfgang Karcher vom Fachbereich Erziehungswissenschaften der Technischen Universität Berlin: "Es ist vor allem eine Frage der politischen Bewertung. Neger konnte man vor 80 Jahren sagen, aber nicht heute."
  • Dr. Ali Fathi, Büro gegen Diskriminierung in Berlin, meint, dass „Neger” ein Schimpfwort ist, das in der Nazizeit in die Amtssprache übernommen wurde.
  • Carola Kusch, Mitarbeiterin des Europa-Afrika Kulturzentrums, Berlin, sieht „Neger” „eindeutig als rassistisches Schimpfwort” an.
  • Angelika Peters, Sprecherin des Deutschen Richterbundes: „Neger” entspricht nicht dem heutigen Sprachgebrauch, da es etwas Herabsetzendes habe.
Alle Stimmen aus Deckwerth 1998, siehe Josef Literatur.

„Aufstand” versus  „bewaffneter Konflikt” / „Krieg”
Ein weiterer heikler Punkt ist die korrekte Bezeichnung für die militärischen Konflikte in den Kolonialgebieten. Ich weiß nicht, ob „Belltownaufruhr" ein gängiger Begriff in der historischen Literatur ist. Autor Josef Fischer stellt im Nachwort einiges in den richtigen historischen Kontext. Für „Aufruhr” scheint mir ähnliches zu gelten, wie es Florian Hoffmann für „Aufstand” darlegt:

Die bewaffneten Konflikte werden in „der zeitgenössischen europäischen Perzeption meist nur als »Aufstände« gegen die deutsche Kolonialherrschaft wahrgenommen.” [...] „ Selbst in der Forschung findet dieser Terminus bis in die Gegenwart rege Verwendung.” (Hoffmann 2007, Teil 1, S. 9)

„Als »Aufstand« gilt gemeinhin die öffentliche Widersetzung zur Beseitigung der (verfassungsmäßigen) Ordnung oder der Versuch einer gewaltsamen Revision sozialer Mißstände.” (Hoffmann 2007, Teil 1, 9-10)

Eine alternative, wertneutrale Terminologie ist beispielsweise »bewaffneter Konflikt« oder »militärische Operation«. In einigen Fällen ist es sogar richtig »Krieg« zu verwenden. (Hoffmann 2007, Teil 1, 12)

Abgesehen von diesen begrifflichen Fehlgriffen und zu vielen langen Berichten aus dem Mund der Protagonisten liest sich der gut strukturierte historische Roman angenehm. Er beleuchtet ein eher unbekanntes Kapitel der immer noch weitgehend verklärten Kolonialgeschichte des Deutschen Reichs.
Links
FischerDahomey-Aufstand – Wikipedia
FischerKamerun (deutsche Kolonie) – Wikipedia
FischerKamerun - ehemalige deutsche Kolonie in Afrika
FischerGeschichte Kameruns – Wikipedia
FischerGelungener erster Roman von Josef Fischer aus der deutschen Kolonialgeschichte - "Kamerun oder der Belltownaufruhr", OVB 19.12.2014
FischerJosef Fischer stellt sein neues Buch vor. Wasserburger Stimme, 28. Oktober 2014
FischerNeger
Fischer Afrika in der Literatur
Fischer Ahmadou Kourouma: Die Nächte des großen Jägers
Fischer Wasserburger Autoren und ihre Werke
Literatur
Austen, Ralph A. (1983): "The Metamorphoses of Middlemen: The Duala, Europeans, and the Cameroon Hinterland, ca. 1800-ca. 1960". The International Journal of African Historical Studies 16:1, S. 1-24.
Austen, Ralph (1992): "Tradition, Invention and History: The Case of the Ngondo, (Cameroon) (Tradition, invention et histoire: le cas du Ngondo (Cameroun))." Cahiers d'Études africaines. 32:126, S. 285-309.
Deckwerth, Sabine , Joachim Krätschell (1998): „In einem Prozeß gegen Rechte hat der Richter kein Problem mit einem umstrittenen Begriff »Wieso haben Sie den Neger angemacht?«”
Berliner Zeitung, 5.8.98. FischerOnline verfügbar
Eckart, Wolfgang U. (1988): "Malariaprävention und Rassentrennung. Die ärztliche Vorbereitung und Rechtfertigung der Duala-Enteignung 1912-14". History and Philosophy of the Life Sciences. 10:2, S. 363-378.
Hoffmann, Florian (2007): Okkupation und Militärverwaltung in Kamerun: Etablierung und Institutionalisierung des kolonialen Gewaltmonopols. Teil 1. Cuvillier.
Wengeler, Martin (1995): „Von der Hilfe für unterentwickelte Gebiete über den Neokolonialismus bis zur Entwicklungszusammenarbeit. Der sprachkliche Umgang mit dem Nord–Süd–Konflikt”. In: Georg Stötzel, Martin Wengeler, Hg.: Kontroverse Begriffe. Geschichte des  öffentlichen Sprachgebrauchs in der Bundesrepublik Deutschland.
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Fischer
FischerJosef Fischer: Kamerun oder der Belltownaufruhr. Roman aus der deutschen Kolonialgeschichte. Borsdorf: winterwork, 2014. Broschiert, 200 Seiten


Aitken FischerRobbie Aitken, Eve Rosenhaft: Black Germany: The making and unmaking of a diaspora community, 1884–1960. Cambridge: Cambridge UP, 2013

Hoffmann FischerFlorian Hoffmann: Okkupation und Militärverwaltung in Kamerun: Etablierung und Institutionalisierung des kolonialen Gewaltmonopols. Teil 1. Cuvillier, 2007. Broschiert, 440 Seiten Hoffmann
Florian Hoffmann: Okkupation und Militärverwaltung in Kamerun: Etablierung und Institutionalisierung des kolonialen Gewaltmonopols. Teil 2. Cuvillier, 2007. Broschiert, 266 SeitenFischer
Nuhn
FischerWalter Nuhn: Kolonialpolitik und Marine. Die Rolle der Kaiserlichen Marine bei der Gründung und Sicherung des deutschen Kolonialreiches 1884–1914. Bonn, 2002. Gebunden Petschull
Jürgen Petschull: Der Wahn vom Weltreich. Die Geschichte der deutschen Kolonien. Pawlak, 1990. Gebunden, 255 Seiten ISBN-10: Fischer

Political FischerGeorg Stötzel, Martin Wengeler, Hg.: Kontroverse Begriffe. Geschichte des öffentlichen Sprachgebrauchs in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin: De Gruyter, 1995. Taschenbuch, 860 Seiten Wierlemann
Sabine Wierlemann: Political Correctness in den USA und in Deutschland. Erich Schmidt, 2002. Taschenbuch, 246 Seiten Fischer
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