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Ransmayr
Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis
Frankfurt: Fischer, 1995. Taschenbuch, 295 Seiten – Christoph LinksChristoph Literatur
Christoph Ransmayr schrieb zuerst Reportagen und Essays für Zeitschriften und warf 1984 seinen ersten Roman Die Schrecken des Eises und der Finsternis aus, der zunächst unbeachtet blieb und erst nach dem großen Erfolg des Romans Die letzte Welt (1988)  entdeckt wurde.
Die Österreichisch-Ungarische Nordpolarexpedition von 1872 bis 1874 sollte das nördliche Eismeer erkunden. Neben der berühmten Nord-West-Passage (Seeweg nördlich von Amerika nach Asien) träumte man auch von der Nord-Ost-Passage, den Seeweg nach Japan und China nördlich der Landmasse Asiens und von der direkten Passage nahe dem Nordpol.
Die Expedition stand unter Leitung von Carl Weyprecht (See) und Julius Payer (Land) und ist daher auch unter dem Namen Payer-Weyprecht-Expedition bekannt. Julius Payer hatte sich schon als Alpenerforscher ausgezeichnet. nach ihm sind heute noch die Payerhütte am Ortler in Südtirol und zahlreiche geografische Orte benannt.
Die Expedition blieb nördlich von Nowaja Semlja im Eis stecken und verbrachte zwei scheckliche Winter im Eis. Payer unternahm von dort aus immer wieder Forschungsexkursionen nach Norden (!). Erst im Mai 1874 entschied Weyprecht das Schiff zu verlassen und übers Eis und Wasser (drei Boote wurden mitgeschleppt) nach Süden vorzustoßen um auf Nowaja Semlja hoffentlich gesichtet zu werden. Das gelang und trotz allen Unglücks hatte die Expedition nur 1 Toten zu beklagen. Allerdings war auch der Nachruhm von Unglück überschattet.
1) Das alles beschreibt Ransmayr dramatisch und hochspannend anhand von historischen Aufzeichnungen. Der Text ist mit essayistischen Einschüben, Fotos, Übersichten und sachkundlichen Abschnitten angereichert, ganz auf den Spuren von Herman Melville: Moby Dick (Christoph Vergleichsliteratur). Der Erzählkunst Ransmayrs ist es zu verdanken, dass dies kein Sachbuch ist.
2) Verzahnt mit den historischen Ereignissen wird von Josef Mazzini erzählt, einem fiktiven Italiener, der sich auf die Spuren der Polarforscher begibt, aber seit 1981 als verschollen gilt. Diese Parallelhandlung tritt im Laufe des Werks etwas in den Hintergrund. Ich meine, davon profitiert der Roman.
3) Auf eines dritten Ebene meldet sich immer wieder der eigentliche Erzähler, der die beiden Geschichten niederschreibt.
Mehrmals wird die Frage aufgeworfen, warum sich an ausgedachten Punkten, wie Nord- und Südpol, aber auch Breitengraden, der Entdeckergeist und Abenteuerdrang entzündet. Die Besessenheit gerade Payers (noch im guten Sinne) kommt hervorragend beim Leser an. Payer bekannte, "ohne Erfolg, ohne Land heimzukehren sei für ihn beschämender als der Tod " (S. 104).
Durch die Zweithandlung mit Mazzini will Ransmayr wohl zeigen, dass es auch für Zeitgenossen reizvoll sein kann für sich Neues zu entdecken oder auf den Spuren grosser Forscher zu reisen. Ransmayr tut es ja literarisch auch. Vielleicht will er aber auch zeigen, dass die Abenteurer heute, trotz enorm besserer Voraussetzungen, manchmal schlechter abschneiden als die Pioniere.
Einen Mythos zerstört man nicht ohne Opfer (S. 91). Wie so oft folgen den Opfern an die Natur hier auch gesellschaftliche Opfer. Payer wurde in Wien lange Zeit als Lügner hingestellt. Vielen Forschern flicht erst die Nachwelt Kränze. Christoph Ransmayr flochte einen für die 24 Mann Besatzung der Admiral Tegetthoff. Er zeigte wie man einen überzeugenden Roman aufgrund und mit Einbezug historischer Vorgänge schreibt.
Links
RansmayrDie Schrecken des Eises und der Finsternis (Wikipedia)
RansmayrAlfred Ohswald: Die Schrecken des Eises und der Finsternis, 30.10.2002
RansmayrLeselust: Die Schrecken des Eises und der Finsternis
RansmayrPerlentaucher: 6 CDs, gelesen vom Autor
RansmayrDieter Wunderlich: Die Schrecken des Eises und der Finsternis
RansmayrDie Österreichisch-Ungarische Nordpolarexpedition = Payer-Weyprecht-Expedition
Vergleichsliteratur
Jack London: "To Build A Fire". ransmayrJuvenile version: Youth's Companion 76, May 29, 1902.
ransmayrAdult version: The Century Magazine 76, August, 1908
Christoph Herman Melville: Moby-Dick or, The Whale
Christoph Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit 
Christoph Robert Trumbull: Das Floss [The Raft, 1942]
Literatur
Car, Milka (2006): „ÖsterreichUngarn in Christoph Ransmayrs Roman Die Schrecken des Eises und der Finsternis”. Zagreber Germanistische Beiträge Beihefte 9, S. 265-264.
Eickelkamp, Regina (2004): "Buchbesprechung: Holger Mosebach, Endzeitvisionen im Erzählwerk Christoph Ransmayrs". Zeitschrift für deutsche Philologie 4, S. 632-635.
Grimm, Reinhold (1981): "Eiszeit und Untergang: Zu einem Motivkomplex in der deutschen Gegenwartsliteratur". Monatshefte 73:2, S. 155-186.
Harbers, Henk (1994): "'Die Erfindung der Wirklichkeit': Zu Christoph Ransmayrs Die letzte Welt". The German Quarterly 67:1, S. 58-72.
Harbers, Henk (2004): "Die Erfindung der Wirklichkeit: Eine Einführung in die Romanwelt von Christoph Ransmayr". In: A. Bosse, L. Decloedt, Hg.: Hinter den Bergen eine andere Welt: Österreichische Literatur des 20. Jahrhunderts. Rodopi, S. 283-306.
Jerochin, Alexander (1996): "Der Kunstler zwischen Isolation und Tod: Paradoxe des Asthetizismus in den Romanen Patrick Süskinds und Christoph Ransmayrs". Orbis Litterarum 51, S. 282-299.
Mosebach, Holger (2004): "Anthropologische Zweifel: Zum Erzählwerk Christoph Ransmayrs". Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 15. ransmayrOnline verfügbar
Müller, Beate (2000): "Sea Voyages into Time and Space: Postmodern Topographies in Umberto Eco's »L'isola del Giorno prima« and Christoph Ransmayr's »Die Schrecken des Eises und der Finsternis«". The Modern Language Review 95:1, S. 1-17.
Pickford, Henry (1993): "Review: The Terrors of Ice and Darkness. By Christoph Ransmayr. The Last Word. By Christoph Ransmayr". Harvard Review 4, S. 194-196.
Sanda, Draga Patricia (2006): "Christoph Ransmayrs Romane "Die Schrecken des Eises und der Finsternis", "Die Letzte Welt" und "Morbus Kitahara": Eine narratologische, historische und rezeptionsästhetische Untersuchung". Diss. The Ohio State University. ransmayrOnline verfügbar (pdf)
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Ransmayr ransmayrChristoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis. Frankfurt: Fischer, 1987. Broschiert, 265 Seiten Ransmayr
Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis. Frankfurt: Fischer, 2006. Gebunden, 368 Seiten ransmayr
Bosse ransmayr Anke Bosse, Leopold Decloedt, Hg.: Hinter den Bergen eine andere Welt: Österreichische Literatur des 20. Jahrhunderts. Rodopi, 2004. Taschenbuch, 367 Seiten büscher
Nick Büscher: Mythos in der Postmoderne: Christoph Ransmayrs Die letzte Welt. Diplomica, 2010. Taschenbuch: 82 Seitenransmayr
Felsch ransmayr Philipp Felsch: Wie August Petermann den Nordpol erfand. Sammlung Luchterhand, 2010. Taschenbuch, 272 Seiten Ransmayr
Manfred Mittermayer, Renate Langer, Hg.: Porträt Christoph Ransmayr. Die Rampe 3, 2009. 191 Seitenransmayr
Bezug via ransmayrStifterhaus
Mosebach ransmayrHolger Mosebach: Endzeitvisionen im Erzählwerk Christoph Ransmayrs. Meidenbauer, 2003. Gebunden 284 Seiten Spitz
Markus Oliver Spitz: Erfundene Welten - Modelle der Wirklichkeit: Zum Werk von Christoph Ransmayr. Königshausen & Neumann, 2004. Taschenbuch, 198 Seiten
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Ransmayr RansmayrChristoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis. RH Audio Editionen, 2007. Christian Berkel (Erzähler) Audio CD

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 31.10.2010