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Hawthorne
Nathaniel Hawthorne: „The Ambitious Guest”
Aus: The Hawthorne Treasury: Complete Novels and Selected Tales – Nathaniel LinksNathaniel Literatur
Cole
„The Ambitious Guest” wurde zuerst im Juni 1835 in „The New England Magazine” veröffentlicht und 1841 in die Anthologie Twice-Told Tales aufgenommen.
Thomas Cole: The Notch of the White Mountains, 1839

Inhalt

In einer unwirtlichen Gegend in Neu-England ist eine Familie an ihrem Feuerplatz versammelt. Der Vater, die Mutter, die Kinder, die älteste 17-jährige Tochter und die Grossmuttersind betont glücklich und zufrieden. Ihr Haus klebt in einem Tal an einem steilen Berg. Es dient als Taverne für Durchreisende von Maine zum St. Lawrence Strom.
Da tritt ein Fremder ein und wird warmherzig empfangen. Als er am Feuer Platz nimmt rauscht es vom Berg herunter am Haus vorbei und bis zum gegenüberliegenden Abhang.
Im Gespräch erweist sich der Fremde als besonders ehrgeizig. Noch hat er im Leben noch nichts Besonderes erreicht. Wenn er morgen von der Erde verschwinden würde, bliebe von ihm nichts. Aber davor will er sich noch ein Monument schaffen.
Während der Tochter noch der Platz am fenster genügt, regen sich beim Vater ebenfalls ehrgeizige Pläne. Die Mutter Esther – die einzige, der Vorname genannt wird – warnt. Doch sogar die jüngeren Kinder im Bett werden von den Wünschen erfasst.
Draußen fährt ein Wagen vor, aber der Vater reagiert nicht. Auch bei der Tochter regen sich Wünsche, die sie aber nicht artikulieren will.
Ein neuer Windstoß fegt gleich einem Leichenzug durch das Tal.
Als nächstes hängt Grossmutter ihren Wünschen nach. Sie beziehen sich auf ihre Leichenkleider. Man sagt, wenn dabei nicht alles stimmt, würde das den Leichnam beunruhigen.
Da erzittert das Haus und der Berg röhrt, Mit Geschrei stürzen alle in die vorbereitete Zuflucht außerhalb des Hauses. Doch damit verlassen sie die Sicherheit und fliehen in die Verderbnis., Die Berglawine teilt sich vor dem Haus und überrollt alles andere. Ihre Körper wurden nie gefunden.
Manche sagen, dass an jenem Abend ein Fremder da war, andere sehen dafür keine Anzeichen.

Protagonisten

Drei Hauptakteure treten mehr oder minder gegeneinander an: die Familie, der Gast und die Natur.
  • Die Familie ist am Herd versammelt und genießt den Tagesausklang. Jedes Mitglied der Familie wird erwähnt (die kleineren Kinder kollektiv) und als heiter charakterisiert. Die übergreifende „Happiness” wird durch ein großes „H” personifiziert. Die Familie ist das Sinnbild der Einheit und Harmonie. Sie kann Sinn geben.
  • Das wird vom ehrgeizigen Gast in Frage gestellt. Er wird nach seinem Eintritt von der heiteren Atmosphäre angesteckt. Er wird aber von schwerem Graulen vom Bergabhang kommend begleitet. Das Unglück kündigt sich an.
    Das Leben des jungen Gast war aufgrund seines Naturells bislang einzelgängerisch.
  • Der Erzähler nimmt sich die Mühe den Gegensatz zwischen Familie und dem Einzelgänger herauszustreichen. Die Familie lebt ihr Zusammengehörigkeitsgefühl. Durch die Handelsstrasse ist sie zwar mit der Welt verbunden, aber auch getrennt von ihr.
    Die offene Aussprache am Abend zwischen dem Gast und den Familienmitgliedern schreibt der Erzähler einer prophetischen Sympathie zu. Als wüssten sie, dass es bald mit ihnen zu Ende geht, tauschen sie noch kräftig ihre Wünsche und Pläne aus.
Der junge Gast entspricht damit dem Befund von Alfred Adler über das Menschsein in seinem Traktat über den Sinn des Lebens.
„Menschsein heißt, ein Minderwertigkeitsgefühl zu besitzen, das ständig nach seiner Überwindung drängt.”
Alfred Adler: Der Sinn des Lebens (1933). Frankfurt am Main: Fischer, 1973, S. 55.
Ich halte es dabei mehr mit dem Prinzip Viktor Frankls (Nathaniel Links).
  • Schon im ersten Satz tritt auch der Hauptprotagonist, die Natur, auf. Der Bergabhang liefert Holz fürs Feuer. Die Natur meldet sich während der Erzählung immer wieder zu Wort, wird aber nie direkt als „Nature” genannt. Doch wird der Berg vom Vater personifiziert: „The old mountain has thrown a stone at us, for fear we should forget him”

Themen

Der junge Mann ist vom Ehrgeiz getrieben. Das ist nicht ganz glaubwürdig, da er bislang noch nichts vorweisen kann. Aber halten wir es seiner Jugend zugute, dass er noch nichts vorweisen kann. Übertriebener Ehrgeiz ist schädlich. Es  bleibt offen, was die Familie gemacht hätte, wenn der Gast nicht gekommen wäre.
Heutzutage würde der Gast als Influenzer bezeichnet, die ebenfalls oft Unheil über Menschen und Familien bringen.
Er weckt Wünsche, wo vorher keine waren. Das erinnerte mich an eine Passage aus Vance Packard: The Hidden Persuaders (Hawthorne Ergänzende Literatur) Als die Umsätze eines Versandhauses in 50-er Jahren in den USA zurückgingen, versendete es Kataloge an alle Haushalte. Die Umsätze schnellten empor.

Der Gast will keinesfalls morgen von dieser Welt gehen und keiner weiß etwas von ihm. Es kommt schlimmer. Noch am selben Abend verschwindet er und sogar seine Existenz wird bezweifelt werden.
Wieder einmal geht es bei Hawthorne um die Unsterblichkeit, diesmal nicht die körperliche, sondern die geistige im Gedächtnis der Nachwelt.
Die Willeys erlangten die Unsterblichkeit, der ehrgeizige Gast ist namenlos und bleibt vergessen.
„The Ambitious Guest” erinnert daran, dass die Beherrschung und Zähmung der Natur (»Macht euch die Erde untertan« 1 Mos 1,28) nur begrenzt möglich ist. An diesem Abend schlägt die Natur zurück und zeigt, wer Herr im Hause ist.
Hawthorne stellt damit einen geistigen Pfeiler der USA in Frage. Danach kann der Mensch alles erreichen, wenn er sich die Natur unterwirft.

Zur Diskussion wird auch gestellt: „ Is not the kindred of a common fate a closer tie than that of birth?” Die Antwort würde eine lange extra Diskussion erfordern.

Die Erzählung endet mit der Frage „Wer empfand die Seelenangst dieses Augenblicks des Todes?“ (Whose was the agony of that death-moment?) Sie ist mir nicht ganz klar. Der Erzähler fragt – denke ich – rhetorisch nach demjenigen, der den Sterbenden in ihrem letzten Augenblick die Hand drückte. Es war niemand zugegen.

Ironie

„The Ambitious Guest” steckt voller Ironie. Die schärfste ist wohl, dass am Ende alle ehrgeizigen Wünsche – kaum dass sie geweckt wurden – begraben sind.
Der Gast war besorgt darüber, ob man morgen noch was von ihm übrig bliebe: er ist am selbigen Tag schon so vergessen, dass die Nachwelt nicht einmal weiß, ob er überhaupt existierte. Man fragt also nicht einmal, das vom Gast befürchtete „Who was he?”
Die bislang wunschlos glückliche Familie erreicht dagegen genau das, was der ehrgeizige Gast will: sie wird zur Legende.
Wenn die Familie mit dem Gast im Haus geblieben wäre, wären ihnen nichts passiert. Das Haus wird gelegentlich mit der Arche Noah verglichen, die Schutz gewährt hätte. Man kann aber auch das selbst gebaute Refugium als Arche Noah ansehen. Dann war der Rückzug in diese Arche der entscheidende Fehler.
Die Familie und der Gast meinem dem Tod zu entfliehen und genau dadurch geraten sie ins Verderbnis.
Während der Gast vom unsterblichen Ruhm schwärmt hängt schon der Bergabhang über ihm.

Stil

Die Erzählkraft Hawthornes veredelt die Kurzgeschichte „The Ambitious Guest” zu einem Kleinod. Die zugrunde liegende Tragödie (Hawthorne Tragödie um die Familie Willey) lädt Hawthorne bedeutungsmäßig auf.
„One September night” beginnt die Geschichte und Hawthorne weicht damit bewusst von der zugrunde liegenden Katastrophe (am 26. August) ab.  Im September ist der Sommer vorbei und der Winter nicht mehr weit.
Da keiner überlebte, könnte auch niemand von dem Abend berichten. Der Autor kommt dem entgegen und beginnt den Hauptteil der Erzählung mit „Let us now suppose ...”
„herb, heart's-ease”
Die Familie fand das wildwachsende Veilchen im ödesten Flecken in New England.
Allerdings ist „heart's-ease” auch der Seelenfrieden. Das erklärt noch nicht, warum es Hawthorne in Anführungszeichen setzt. Will er andeuten, dass der Ausdruck nicht wörtlich zu verstehen ist? Das wäre zumindest seltsam, weil Hawthorne ansonsten Metaphern und Vergleiche reichlich ohne Anführungszeichen benutzt.

Dark Romanticism aka Schwarze Romantik
Zu den markantesten Vertretern der Schwarzen Romantik gehören die US-Autoren Edgar Allan Poe, Nathaniel Hawthorne und Herman Melville.
In „The Ambitious Guest” überflutet Hawthorne die Leserinnen mit Vorzeichen der drohenden Gefahr.
Hawthorne „creates a cast of characters with only the mildest of imperfections and then, just as we’re settling in, he kills them all” – „Its overkill is what makes it scary”.
Piepenbring 2015

Fazit: hervorragende und vielschichtige Kurzgeschichte. Hawthorne ist immer (wieder) lesenswert.


Vorgänger– und Vergleichsliteratur
In 1834 war in den USA Edward Bulwer-Lytton: The Last Days of Pompeii ein Bestseller. Der Roman schildert die Zerstörung Pompeiis durch den Ausbruch des Vulkans Vesuv im Jahr 79 n. Chr., siehe Nathaniel Literatur.
Am Ende der Story „The Ambitious Guest” erinnerte ich mich an die ganz kurze Geschichte von
William Somerset Maugham: Nathaniel „The Appointment in Samarra” und an Robert Burns, der schon reimte, dass oft die besten Pläne „o' mice an' men” scheitern und nur „grief an' pain” hinterlassen (Nathaniel Links).
Vergleiche auch Günter Eich: „Geh nicht nach El Kuwehd!”, in Nathaniel Fünfzehn Hörspiele.

Tragödie um die Familie Willey

Die Kurzgeschichte „The Ambitious Guest” beruht auf der wirklichen Tragödie um die Familie Willey. Samuel Willey wohnte mit seiner Familie (Ehefrau, 5 Kinder und 2 Farmarbeiter) in Crawford Notch, New Hampshire. Sein Haus war ein Gasthaus für die Reisenden zwischen den White Mountains und dem Saint Lawrence River.
Nach heftigen Regenstürmen gab es in der Nacht des 28. August 1826 einen gewaltigen Bergsturz. Die Familie wollte sich in einer Höhle in Sicherheit bringen. Sie wurden von der Berglawine verschüttet, während das Haus unversehrt blieb.

Links
Hawthorne Nathaniel Hawthorne
HawthorneThe Ambitious Guest (Wikipedia)
"The Ambitious Guest" by Nathaniel Hawthorne – HawthorneLesung 1HawthorneLesung 2
Text
Hawthornemit ErklärungenHawthorneLOAHawthorneLittle Masterpieces - HawthorneOnline Literature
HawthorneThe Ambitious Guest: Short Questions
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Hawthorne Nathaniel Hawthorne: Kurzgeschichten
HawthorneAusgewählte Links zur Kurzgeschichte – Short Story

Literatur
Marshall, Ian (2011): „Reading the Willey Disaster: An Evolutionary Approach to Environmental Aesthetics in Cole's Notch of the White Mountains and Hawthorne's "The Ambitious Guest"”. The Journal of Ecocriticism 3:2, S. 1–15
Piepenbring, Dan (2015): A Cataract of Ruin. Hawthorne’s scariest story. Paris Review – Hawthorneonline
Sears, J.F. (1982): „Hawthorne's" The Ambitious Guest" and the Significance of the Willey Disaster”. American Literature: A Journal of Literary History, Criticism, and Bibliography 54. S. 354-367.
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Hawthorne HawthorneNathaniel Hawthorne: Twice Told Tales. Independently, 2021. Taschenbuch, 588 Seiten
Hawthorne HawthorneNathaniel Hawthorne: Twice Told Tales. Modern Library Classics, 2001. Taschenbuch, 432 Seiten


Ergänzende Literatur

Adler
Hawthorne Alfred Adler: Der Sinn des Lebens. Anaconda, 2008. Gebunden, 224 Seiten
Bulwer-Lytton HawthorneEdward Bulwer-Lytton: The Last Days of Pompeii.  Independently, 2021. Taschenbuch, 598 Seiten
Packard
Hawthorne Vance Packard: The Hidden Persuaders.  Ig, 2007. Taschenbuch, 200 Seiten
Hawthorne Anfang

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