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Carver
William Stull, Maureen Carroll, Hg.: Raymond Carver: Collected Stories
Library of America, 2009. Gebunden, 960 Seiten – John LinksJohn Literatur
Raymond Carver, 25.5.1938 Clatskanie/Oregon – 2.8.1988 Port Angeles/Washington,
gilt als Höhepunkt (?) des Minimalismus. Allerdings gab es eine postume Kontroverse, ob sein minimalistischer Stil (hauptsächlich) durch Eingriffe seines Verlegers entstand.
Literarischer Minimalismus
Der literarische Minimalismus wird durch Kurzgeschichten vertreten, die nahezu keine Handlung haben. Die Geschichten sind kurz und zumindest an der Oberfläche einfach. Sie fordern die Fantasie des Lesers (und ist deshalb bei Schnelllesern - wie mir - eher verpönt).
Der literarische Minimalismus wird auf die 1980/1990-er Jahre verortet, mit Raymond Carver als einem der populärsten Autoren dieses Genre. Aber auch Ernest Hemingway bediente sich dieses Genres. Genannt wird immer wieder sein "Cat in the Rain".
Inhalt zum schnellen Auffinden der Besprechungen
Die Besprechungen sind dann streng ("The" undter "T") alphabetisch sortiert.
Will You Please be Quiet, Please?
"Fat"
"Neighbors"
"The Idea"
"They're Not Your Husband"
"Are You a Doctor?"
"The Father"
"Nobody Said Anything"
"Sixty Acres"
"What's In Alaska?"
"Night School"
"Collectors"
"What Do You Do in San Francisco?"
"The Student's Wife"
"Put Yourself in My Shoes"
"Jerry and Molly and Sam"
"Why, Honey?"
"The Ducks"
"How About This?"
"Bicycles, Muscles, Cigarettes"
"What Is It?" ("Are These Actual Miles?")
"Signals"
"Will You Please Be Quiet, Please?"
What We Talk About When We Talk About Love
"Why Don't You Dance?"
"Viewfinder"
"Mr. Coffee and Mr. Fixit"
"Gazebo"
"I Could See the Smallest Things"
"Sacks"
"The Bath"
"Tell the Women We're Going"
"After the Denim"
"So Much Water So Close to Home"
"The Third Thing That Killed My Father Off"
"A Serious Talk"
"The Calm"
"Little Things"
"Everything Stuck to Him"
"What We Talk About When We Talk About Love"
"One More Thing"
Cathedral
"Feathers"
"Chef's House"
"Preservation"
"The Compartment"
"A Small, Good Thing" (= erweiterte Version von "The Bath")
"Vitamins"
"Careful"
"Where I'm Calling From"
"The Train"
"Fever"
"The Bridle"
"Cathedral"
Beginners = The Manuscript Version of What We Talk About When We Talk About Love
"Why Don't You Dance?"
"Viewfinder"
"Where Is Everyone"
"Gazebo"
"Want to See Something?"
"The Fling"
"A Small, Good Thing"
"Tell the Women We're Going"
"If It Please You"
"So Much Water So Close to Home"
"Dummy"
"Pie"
"The Calm"
"Mine"
"Distance"
"Beginners" (wurde zu: "What We Talk About When We Talk About Love")
"One More Thing"

"Cathedral"
Vorab: "Cathedral"ist unrer den starken Raymond-Carver-Stories nochmals besonders stark.
Kurz zum Inhalt:
Der blinde Robert, für den die Frau des Erzählers früher (noch bevor sie den Erzählner kennen lernte) gearbeitet hat, kommt zu Besuch. Der erzählende Ehemann ist davon – um es vosichtig auszudrücken – nicht begeistert. In seinen Augen (Anspielung auf blind ist beabsichtigt) kann der Blinde nur ein erbärmliches Leben führen.
Während sie trinkend und rauchend herumsitzen schauen sie TV.  Robert schut – trotz Blindheit – gerne. Der Erzähler berichtet, dass sie gerade eine Dokumentation über Kathedralen sehen. Um dem Blinden klar zu machen, wie eine Kathedrale aussieht, zeichnet der Erzähler eine. (Nicht er kam auf diese Idee, sondern Robert!) Robert tastet die Zechnung ab. Dann läßt er dem Erzähler die Augen schließen und fährt mit ihm die gezeichnete Kathedrale nach. Jetzt lernt der Erzähler zu "sehen", er hat sein Erweckungserlebnis: Robert: „You’re cooking with gas now” [*] und Erzähler: „It was like nothing else in my life up for now” (S. 528) und als letzten Satz der Story:  „It‘s really something” (S. 529).
[*] „cooking with gas”
Efficiently performing a task after a long period of inefficient performance. (urban dictionary)
Ohne es sich einzugestehen oder sich dessen bewusst zu werden ist der Erzähler ein Ignorant. Kaum etwas interessiert ihn. Er fühlt sich dem Blinden überlegen. Eine gute Unterhaltung zwischen den beiden entsteht nicht. Erst mittels dem Sehmedium TV sprechen sie über Gott und Kathedralen. Schließlich wird mit treibender Hilfe des Blinden aus dem blind-für-alles Ich-Erzähler ein Sehender.
Carver stellt dem herablassenden Erzähler keinen überhöhten Blinden gegenüber. Ähnlich wie in "Feathers" (siehe Besprechung) ist das Gegenstück zu ihm ein ganz normaler Mensch, der aber keineswegs so bedauernswert ist, wie es sich der Erzähler ausmalt.
Die Kathedrale strebt nach oben in den Himmel, zu Gott. Sie verbindet die Menschen mit Gott (oder zumindest glauben dies viele). Mittels der Kathedrale gelingt gelingt Robert eine Verbindung zum Erzähler.

Einwand zum Point of View
Wenn der Ehemann erzählt, ist alles vorüber: er hatte sein Erweckungserlebnis. Das bedeutet aber auch, dass er die Geschichte nicht mehr vorurteilslos erzählen kann. Er verändert sich am Ende der Story und kann den Beginn nicht mehr aus der Sicht des Ich-Erzählers zum Beginn der Geschichte erzählen. Er tut es aber.
Da wäre meines Erachtens ein neutraler Beobachter als Erzähler besser gewesen. Das ändert aber wenig an der Großartigkeit dieser Story.
Eine Bemerkung kann ich mir nicht verkneifen: die empfindsame, Gedichte schreibende Ehefrau fiel schon mal auf einen Militärmann herein. Es war so schlimm, dass sie einen Suizidversuch unternahm (der bei Frauen in der Literatur fast immer scheitern). Die Ehe wurde geschieden. Dann heiratet sie die nächste Niete. Nichts gelernt?
So gesehen wäre der erzählende Ehemann besser dran: er lernt am Ende der Story.

CarverCathedral (short story collection)
CarverCathedral (short story)
CarverCathedral Summary and Analysis of "Cathedral"
CarverCathedral Raymond Carver (Audiobook) read by Michael DuBon
CarverCathedral by Carver - What the drawing means!
CarverAdam Crowley: Module Lecture: Raymond Carver's Cathedral
CarverSpark Notes
CarverText online


"Feathers"








"Neighbors"
Es geht um zwei benachbart wohnende Paare: Bill und Arlene Miller und Jim und Harriet Stone. Das zweite Paar verreist und hat die Millers beauftragt nach der Wohnung, Pflanzen und der Katze zu sehen.
Das Stone-Paar reist gerne und viel, die Millers sind mehr ihrem Job verbunden und beneiden ihre Nachbarn ob des großzügigeren Lebenswandels.
Bill ist fasziniert von der Wohnung der Stones. Er probiert alles aus, läßt auch was mitgehen und agiiert teilweise bizarr. Er ist damit so beflissentlich beschäftigt, dass er sich sogar einen Tag Urlaub nimmt um noch intensiver die Wohnung zu erkunden. Arlene Miller gerät in ein ähnliches Fahrwasser.
Am Ende der Story passiert ihnen ein Mißgeschick: sie sperren sich aus. Der Schlüssel liegt in der Stone-Wohnung.
Wenn ich es richtig interpretiere haben sie Spuren hinterlassen, die sie jetzt nicht mehr beseitigen können. Die Stones werden mehr als erstaunt sein.
Wie in dem späteren "Feathers" beleuchtet Carver in dieser Geschichte den nachbarlichen Vergleich, den Neid auf andere Lebensarten, die man bewundert aber scheinbar nicht realisieren kann. Im Amerikanischen ist das "Keeping up with the Joneses" sprichwörtlich.
Es geht aber auch um Vertrauen, Neugierde und Voyeurismus.
Miller und Stone sind zwei Allerweltsnamen. Carver will wohl zeigen: sie sind typisch und können überall auftreten. 
Der Schluß, als das Millerpaar den vergessenen Schlüssel und die möglichen Konsequenzen (welche bleibt offen) bemerkt, ist theatralisch:

"They stayed there. They held each other. They leaned into the door as if against a wind, and braced themselves."

Die Leser erfahren weder, was die Folge sein wird, wenn die Stones zurückkommen, noch, ob die Millers ihre Lebensweise ändern werden.
CarverNeighbors (short story)
CarverNeighbors by Raymond Carver (Sitting Bee)


"The Student's Wife"





"What We Talk About When We Talk About Love"
Die für den urprünglichen Short-Story-Band titelgebende Geschichte ist in vielerlei Hinsicht typisch für Carver und den literarische Minimalismus. Sie beschänkt sich auf ein (scheinbar nutzloses) Gespräch zwischen zwei Ehepaaren, die währenddessen dem Gin gut zusprechen. Das Gesprächsthema ist die Liebe (Carvers Hauptthema, eigentlich: erloschene Liebe) und es zeigt: man kann darüber reden, aber es bringt nichts.
Carver reichte zum Druck eine weitaus umfangreichere Geschichte ein, die aber von seinem Lektor  Gordon Lish stark verändert und gekürzt wurde.
Im hier besprochenen Sammelband sind die unveränderten Stories ebenfalls abgedruckt (siehe letzten Abschnitt "Beginners").
Zwei Paare sitzen beim Gin in Albuquerque, New Mexico, zusammen.
Mel McGinnis, ein Kardiologe, und seine zweite Ehefrau Teresa, kurz Terri.
Der Erzähler Nick und seine Frau Laura.
Eher zufällig kommt ihr Gespräch auf die Liebe.
Terri erzählt von ihrer früheren Beziehung mit dem äußerst gewalttätigen Ed. Sie besteht darauf, dass Ed sie liebte, Mel bestreitet es.
Er stellt fest, dass die Liebe eines Paars weder absolut noch einzigartig ist. Wenn einer der beiden stirbt, wird der andere trauern und sich früher oder später wieder verlieben.
Mel erzählt dann von einem älteren Ehepaar. Es wurde von einem angetrunkenen Jugendlichen angefahren. Dieser war auf der Stelle tot, sie kamen schwer verletzt in das Hospital in dem Mel arbeitet. Der Ehemann auf der Intensivstation war entrüstet, weil er wegen der vielen Bandagen und Stilllegung seine Frau nicht sehen konnte.
Am Ende der Geschichte geht der Gin aus, alle hören ihre Herzen schlagen und Nick bezeichnet ihr Gespräch als "menschliches Geräusch".
Hier spielt Nick den Ball zu niedrig. Man kann darüber streiten, ob das Gespräch das Thema Liebe adäquat behandelte, man kann aber kaum bestreiten, dass beide Binnengeschichten außerordentlich sind.

CarverWhat we talk about when we talk about love (Kurzfilm auf youtube)
CarverWhat We Talk About When We Talk About Love

"Why Don't You Dance?"





Links
CarverRaymond Carver
CarverStephen King: "Raymond Carver’s Life and Stories", The New York Times, 19.11.2009
CarverKurzgeschichtenanthologien, Kurzgeschichtensammlungen und Besprechungen dazu
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 7.1.2020