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Updike
John Updike: „A&P”
The New Yorker, 22. Juli 1961 – John LinksJohn Literatur
Der im April 19 Jahre alt gewordene Sammy arbeitet in einem A&P Supermarkt. Eines Tages kommen drei weibliche Teenager in den Laden, mit nichts an außer ihren zweiteiligen Badeanzügen.
Sammy und sein 22-jähriger Kollege Stokesie sind fasziniert. In den Laden, nördlich von Boston, fünf Meilen vom Strand entfernt, kommen hauptsächlich ältere Damen, die fuchsig auf die Preise achten und die Kassierer penibel überwachen.
Sammy, der Ich-Erzähler, beschreibt die drei Mädchen sehr genau. Ihm hat es besonders die offensichtliche Anführerin angetan, die er in seinen Gedanken „Queenie” nennt.
Die drei Teenager ziehen zwischen den Warenzeilen herum und landen an der Fleischtheke, an der sie etwas erfragen. Schließlich kommen sie – welch ein Glück für Sammy – an seine Kasse. Da aber taucht auch Mr. Lengel, der Manager auf, und weist die Mädchen darauf hin, dass sie nicht angemessen gekleidet sind.
Sie erwidern, dass sie nur schnell einen Artikel holen wollten, und dass sie sich angemessen fühlen. Sammy kassiert wie im Trance den Artikel ab und bevor das Trio den Laden verläßt, teilt er Mr. Lengel mit, dass er kündigt.
Nach kurzem Wortwechsel verläßt Sammy den Laden, doch die Mädchen sind schon weg. Ihm wird bewusst, dass ihm jetzt die Härte des Lebens bevorsteht.

„A&P” teilt sich in zwei Teile. Im ersten Teil ist der Ich-Erzähler passiver Beobachter und ohne Namen. Im zweiten Teil wird er aktiv und die Leser erfahren seinen Namen Sammy.
Seine Haltung zu den weiblichen Kunden ist geprägt von Herablassung und Frauenfeindlichkeit. Die weiblichen Kundinnen („house-slaves in pin curlers”, „pigs”, „sheep”) sind für ihn hexenartig: „ if she'd been born at the right time they would have burned her over in Salem”.
Gegnüber drei M;ädchen ist er geteilt zwischen seiner gerade genannten Einstellung („do you really think it's a mind in there or just a little buzz like a bee in a glassjar?”) und andrerseits Zuneigung und Bewunderung, besonders für Queenie. Er vermutet sie aus einer besseren Schicht abstammend, als er selbst.
Sammy legt sich zurecht, warum die Drei ihn an– und aufregen:
„You know, it's one thing to have a girl in a bathing suit down on the beach, where what with the glare nobody can look at each other much anyway, and another thing in the cool of the A & P, under the fluorescent lights, against all those stacked packages, with her feet paddling along naked over our checkerboard green-and-cream rubber-tile floor.”
Ein wichtiger Moment der Story kommt hier zu Tage. Am Strand würden die Mädchen nicht auffallen, aber im ganz gewöhnlichen A&P werden sie zu etwas Besonderem. Sie stechen gegen die gewöhnlichen Waren  ab (Sammy zählt viele davon mit ihrem Markennamen auf). Andrerseits gilt: was im Supermarkt ist, kann man jederzeit kaufen und mit nach Hause nehmen.
Diese Diskrepanz betont auch Lengel. „This isn‘t the beach”. Was an einem Ort völlig in Ordnung ist, kann an einem anderen Ort anstößig sein. Wie kann das sein? Sind die moralischen Urteile ortsabhängig?
Ähnlich wie Sammy die älteren Kundinnen als Hexen ansieht, die einst auch  aufgrund ihrer Sexualität in Salem gejagt und verbrannt wurden, so sieht Lengel in den drei Mädchen eine Gefahr. Er kann sie freilich nicht verbrennen, aber demütigen, indem er sie als nicht anständig herabwürdigt. Hinter ihm steht die Macht der Wirtschaft (A&P) und der Kirche (Sonntagsschule).
Mit seiner Kündigung schlägt sich Sammy von der Seite der „kingpins” auf die Seite der „juvenile delinquents”. Er setzt sich nicht nur dem Manager und A&P entgegen, sondern auch seinen Eltern, die mit Lengel, dem Lehrer der Sonntagsschule, bekannt sind. Mit den Erwachsenen verknüpft Sammy eine Gegenbild zu den drei Mädchen: die etwa 50-jährigen Kundinnen sind nur künstlich auf Schön getrimmt, während die Mädchen natürliche Schönheit ausstrahlen.
Deutlich arbeitet Updike die gegensätzlichen Lebensentwürfe, mit denen Sammy konfrontiert wird, heraus:
  • Stokesie, sein Kollege, mit 22 Jahren kaum älter als er, aber verheiratet und mit 2 Kindern und die Aussicht in 30 Jahren den Posten des Managers übernehmen zu können.
  • Lengel, als Manager eine Autorität der Konsumgesellschaft und als Lehrer in der Sonntagsschule, eine Autorität der moralischen Instanz und Konformität.
  • Im letzten Abschnitt erfahrt Sammy nochmals, was er gerade über Bord geworfen hat: ein junges Ehepaar mit quengeligen Kindern und einem Falcon Kombi-Auto, einem typischen Mittelklasse Familienwagen.
  • Dagegen stehen die drei Töchter aus besserem Hause, die es ganz nonkonform wagen im Badeanzug in den A&P zu kommen.
Die Story spielt sich – ausgenommen ganz am Ende, also Sammy hinausgeht – nur im Supermarkt ab. Der A&P und die Stadt, die man durch die Fenster sieht, spiegelt die US-amerikanische Gesellschaft wider: Konsum, Banken, Kirche, Medien, Bürojobs, Handwerk. Sammy protestiert nicht nur gegen die Autorität der Eltern und anderen Erwachsenen, sondern gegen die Gesellschaft insgesamt. Diese sieht er auf töneren Füßen, da er der UdSSR zutraut, sie in ein paar Jahrzehnten zu übernehmen. Die Story erschien 1961, mitten im Kalten Krieg zwischen den USA und der UdSSR.
Themen
Alles dreht sich um die Fragen, warum hat Sammy so spontan gekündigt und hat er damit richtig gehandelt?
Es geht um den Konflikt zwischen Autorität und Jugend, zwischen der bestehenden Ordnung und einer möglichen anderen.
Es geht um die Abwägung zwischen impulsivem Begehren und langfristigen Sicherheiten. Ist die von Professor Gerd Gigerenzer propagierte Bauchentscheidung, der rationalen Überlegungsentscheidung wirklich vorzuziehen? Am Ende erkennt er vielleicht schon, dass seine Kündigung überhastet war: die Mädchen sind weg, der Jobverlust bleibt und der Ärger mit seinen Eltern steht ihm noch bevor. Er erzählt die Geschichte nach dieser Aussprache, denn den Höhepunkt der Story im Laden stuften sie als traurig ein. Anscheinend ist er aber nicht dieser Auffassung: „here comes the sad part of the story, at least my family says it's sad but I don't think it's sad myself.”
Denkt man weiter geht es allgemeiner um den American way of life der Fünfziger und Sechziger des vorigen Jahrhunderts.
Die Geschichte stellt auch die Frage, wann ziviler Ungehorsam angebracht ist. Ein Motto der kommenden Jahre nach dem Erscheinen war „ Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt” (If you don't complain you're part of the problem). Damit geht es auch darum, wieviel des Spießertums (philistinism [filisteinism]) kann und soll man hinnehmen und dabei sogar mitmachen.
Man kann Sammy zugute halten, dass er schon länger von seinem eintönigen Job genug hat. Es ist so langweilig, dass er sich zum Rattern der Registrierkasse schon Begleitmelodien ausgesucht hat. Ein eigenes Kapitel wäre Sammys Einstellungen zu den Kundinnen im A&P und der Bevölkerung seines Ortes allgemein. Sie sind für ihn wie Schafe, er beschreibt sie als häßlich und sie haben wohl für Schönheit wenig übrig: „there's people in this town, haven't see the ocean for twenty years”.
Sprache
John Updike beherrscht alle Register des schriftstellerischen Schreibens. Er versetzt sich hervorragend in die Position Sammys (er selbst war zu diesem Zeitpunkt erst 29 Jahre als) und gibt seine Überlegungen überzeugen wider. Er wechselt geschickt zwischen Präsens und Imperfekt. Schon im ersten Satz zeigt er seine eigene Nonkonformität: „In walks these three girls in nothing but bathing suits”. Mit der dritten Person Singulars („walks”) erklärt er die drei Mädchen zu einer Einheit, die die Langweile des Establishments aufmischen.

Sammy hat für mich vieles mit Holden Caulfield aus The Catcher in the Rye gemeinsam. Wie er entwickelt er seine eigene Sprache (z.B. „oaky”). Updike läßt ihn umgangssprachlich reden und denken. „A&P” ist eine stark verknappte coming-of-age-Story. Seine Einsichten sind an mehreren Stellen spürbar oder ausgesprochen, wie in: „once you begin a gesture it's fatal not to go through with it”.
Jedenfalls ist die Provokation der drei Mädchen ein Vorbote (und im Vergleich nahe zu nichts) des Verhaltens der Generationen nach 1960. Die Geschichte wiederholt sich, die Probleme sind ähnlich. In „A&P” erregen drei Bikinis im Supermarkt Anstoß, heute diskutiert man, wie weit sich Frauen in der Öffentlichkeit verhüllen dürfen. Das Thema der Rebellion gegen die vorhandene Moral und Autorität wird seit Sokrates verhandelt. Außer der Literatur stehen auch Filme dafür, von „Blackboard Jungle” über „Rebel Without a Cause” und „Easy Rider” zu „American Beauty”.  John Updike sagte über Kurzgeschichten:
„I want stories to startle and engage me within the first few sentences, and in their middle to widen or deepen or sharpen my knowledge of human activity, and to end by giving me a sense of completed statement.”
Vergleiche dazu, das Sam Goldwyn zugesprochene Bonmot über Filme.
Die Kurzgeschichte „A&P” erfüllt seinen eigenen Anspruch exemplarisch. Sie zeigt exemplarisch, dass Ralph Waldo Emerson recht hatte:

„Whoso would be a man, must be a nonconformist. ...
For nonconformity the world will whip you with its displeasure.”
Ralph Waldo Emerson: Self-Reliance

So gesehen wurde Sammy zum Mann und wurde dafür bestraft.
„A&P” erschien zuerst am 22. Juli 1961 in The New Yorker, später in der Kurzgeschichtensammlung Pigeon Feathers.
Links
UpdikeText online
UpdikeText gelesen von Michael DuBon
UpdikeText gelesen von Matthew Seppi
UpdikeText gelesen von Professor May
UpdikeText gelesen von Allegra Goodman mit Diskussion
UpdikeJohn Updike's Interview on A&P
UpdikeA&P (short story) Wikipedia
UpdikeA&P John Updike, Spark Notes
UpdikeA&P, Bruce R. Schwartz film
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UpdikeRebecca Balca‘rcel: „A&P” Analyse
UpdikeNick Courtright: A & P, by John Updike (Analysis & Interpretation)
UpdikeKathleen Cuyler: Lecture on "A & P" by John Updike
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Updike The Catcher in the Rye
Updike Kurzgeschichtenanthologien, Kurzgeschichtensammlungen und Besprechungen dazu
Literatur
M. Gilbert Porter (1972): „John Updike's "A&P": The Establishment and an Emersonian Cashier”. The English Journal 61. 8, S. 1155-1158.
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