Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Singer
Isaac Bashevis Singer: The Collected Stories of Isaac Bashevis Singer
New York: Farrar, Straus and Giroux, 1982. Gebunden, 610 Seiten – Isaac Bashevis LinksIsaac Bashevis Literatur
Isaac Bashevis Singer schrieb in Jiddisch über das Leben der Juden in Polen und anderswo. Seine Geschichten mussten daher ins Englische übersetzt werden. So übersetzte "Gimpel der Narr" kein Geringerer als Nobelpreiskollege Saul Bellow ins Englische.
Die Stories sind stark im jüdischen Leben verwurzelt. Sie thematisieren das Leid, das Gott zulässt, ja, anscheinend besonders den ihm Ergebenen zumutet. Und sie thematisieren den Zweifel am (jüdischen) Gott. Daher bevölkern Singers Geschichten auch andere Geister und Symbole. Da uns heute sowohl das Leben im Schtetl fremd ist – das jüdische Leben wurde im 20. Jhdt. nahzu ausgerottet – und auch der archaische Mystizismus für Nicht-Bibelleser unvertraut ist, muss man sich in Singers Geschichten gut einlesen. Dann aber sagen uns die darin gestellten Grundfragen immer etwas und das Lesen lohnt sich.
Inhaltsübersicht
Isaac Bashevis Gimpel the Fool
Isaac Bashevis Yentl the Yeshiva Boy
Isaac Bashevis The Slaughterer
Isaac Bashevis A Crown of Feathers
Gimpel the Fool, dt. Gimpel der Narr
Gimpel wird von den anderen zum Narren gehalten. Er ist leichtgläubig, etwas einfältig und nicht kämpferisch. Der Rabbi bestärkt Gimpel: "It is written, better to be a fool all your days than for one hour to be evil. You are not a fool. They are the fools. For he who causes his neighbor to feel shame loses Paradise himself" (S. 4). Abgesehen vom ersten Satz kann man da wohl zustimmen. Da sich Gimpel seiner Situation bewusst ist, kann er nicht ganz so dumm sein.
Dass Gimpel gerne nachfragt zeigt auch, dass er vielleicht mehr nachdenkt, als andere. Als im Traum ein Geist erscheint (Gimpel ist der Ich-Erzähler und bezeichnet ihn als "Spirit of Evil"), frägt er ihn: "well then, ... is there a God?" He answered, "There is no God either."
"What," I said, "is there, then?"
"A thick mire." (S. 13)
"Gimpel the Fool" ist ein typisches Beispiel für Singers Infragestellung jüdischer Traditionen oder Gottesfragen. Das Merkmal Gimpels ist es, dass er so ziemlich alles glaubt. Die Geschichte wirft die Frage auf, ob man – wie es der Rabbi im obigen Zitat nahelegt – lieber glauben solle, um nicht das Paradies zu verlieren oder ...
• Ziemlich am Anfang formuliert Gimpel seine Einstellung dazu: "What was I to do? I believed them, and I hope at least that did them some good" (S. 4).
• Er verstärkt und begründet (na ja, er reflektiert, dass er keine andere Möglichkeit hat und fügt ein »slippery slope argument« an) diese Haltung an mehreren Stellen: "I resolved that I would always believe what I was told. What's the good of not believing? Today it's your wife you don't believe; tomorrow it's God Himself you won't take stock in" (S. 9).
• Schließlich resigniert er. "I believed, and that's all. The rabbi recently said to me, »Belief in itself is beneficial. It is writtenthat a good man lives by his faith.«" (S. 12).
Nach vielen köstlichen Episoden erkennt Gimpel am Ende: "No doubt the world is entirely an imaginary world, but it is only once removed from the true world" (S. 14). Wer zu dieser Sichtweise gelangt, kann kein Dummkopf sein.
Yentl the Yeshiva Boy, dt. Jentl der Talmudstudent
Yentl fühlt sich mehr als Mann denn als Mädchen. Zudem ist ihr als Frau das Talmudstudium verwehrt. Sie verkleidet sich als Mann, zieht in die Stadt und studiert. In ihren Studienkollegen Avigdor verliebt sie sich und es kommt zu aberwitzigen Konstellationen.  
Es geht um Identität, sinnlose Restriktionen, Gesetz gegen Natur. 
The Slaughterer
Yoineh Meir will eigentlich Rabbi werden, doch man macht ihn – gegen seinen Willen – zum rituellen Schlächter. Seinem Mitleid mit den Tieren wird entgegnet: Man darf mit mitliedsvoller als der Allmächtige sein. Zudem : wenn man ein Tier tötet, befreit man seine Seele. Irgendwo glauben die Juden in Singers Geschichte an die Seelenwanderung in die Körper von Kühen, Federvieh und Fischen, zur Buße für Verfehlungen im frühreren Leben.  
Gehorsam übt Yoineh Meir die übertragene Arbeit aus, doch er erträgt es nicht. Mit jedem getöten Tier leidet er mit. Es geht gegen seine Natur und gipfelt in seiner Absage, ja seinem Aufschrei:  “And even if God almighty commanded it, what of that? I'll do without rewards in the world to come! I want no Paradise, no Leviathan, no Wild Ox! Let them stretch me on a bed of nails. Let them throw me into the Hollow of the Sling. I'll have none of your favors, God! I am no longer afraid of your Judgment!” (S. 214) und er fährt fort: “I have more compassion than God Almighty––more, more! He is a cruel God, a Man of War, a God of Vengeance. I will not serve Him. It is an abandoned world!” (S. 214-15). Die Welt ist ein Schlachthaus und die Rabbis aller Religionen erkären einem, dass man Gott gehorchen muss. Doch Yoineh Meir stellt fest: Wenn das normal sein soll, dann will er lieber verrückt sein (S. 215).
Man kann "The Slaughterer" als Holocaust-Story lesen (Oster 1999, Randzahl #19). Ich lese sie weitaus allgemeiner. Hinzu kommt: Singer war jahrzehntelang ausgesprochener Vegetarier. Man lese dazu den Abschnitt "Meat and Madness" in Charles Pattersons Essay (Isaac Bashevis Links).
A Crown of Feathers
Aksha wächst als einzige Enkelin beim wohlhabenden Grossvater Reb Naftali Holishitzer auf. Bis sie achtzehn Jahre alt wird weist sie alle Ehebewerber ab. Da sucht Reb Naftali einen aus und Aksha springt im letzten Moment ab. Ihre verstorbene Grossmutter erscheint ihr und weist ihr den Weg zur versteckten Krone aus Federn. Sie drängt sie auch zum christlichen Glauben, zu dem sie konvertiert. Doch schon bald ist sie überzeugt (wohl zuviel in der Bibel, insbesondere "Das Buch Hiob" gelesen), dass die Welt von bösen Mächten regiert wird. Sie wendet sich – immer auf der Suche nach der Wahrheit – dem Okkulten zu. Mehrfach wird sie in Versuchung geführt (Hiob!). Der Teufel versichert ihr: "The truth is that there is no truth" (S. 360). Verzweifelt sucht sie Zemach, den sie einst im letzten Moment abgelehnt hat. Er hat sich zu einem fanatischen Widerling entwickelt. Sie heiratet ihn trotzdem. Ihr Martyrium setzt sich fort. Den Tod vor Augen erinnert sich Aksha was den Gottesleugnern, die in der Welt nur eine Kombination aus Atomen sehen, droht. Sie verlangt ein Zeichen und findet wieder die Krone aus Daunenfedern, diesmal bilden sie die vier hebräischen Buchstaben für Gott ab.
Doch weist dieses Zeichen nun zur Wahrheit? Die Geschichte endet mit der Feststellung: wenn es denn eine Wahrheit gibt, bleibt sie unerkennbar. Zemach hatte sich vor Akshas Tod aus dem Staube gemacht. War er ein böser Dämon? Wormwood oder Screwtape (vergleiche C.S. Lewis: The Screwtape Letters, Isaac Bashevis Links)?
"A Crown of Feathers" hat starken Märchencharakter. Die zugrundeliegenden Fragen nach der Wahrheit, besonders der religiösen, sind aufwiegelnd.
Viele der Geschichten Singers würden gut ins Alte Testament passen. Wer sich in den Stoff und den oft biblischen Charakter einliest kann mit hohem Lesevergnügen rechnen.
Links
Isaac Bashevis Singer: Judentum –  SingerWikipedia
SingerZwischen den Sprachen. Zum 100. Geburtstag von Isaac Bashevis Singer, 14. Juli 2004, Neue Zürcher Zeitung
SingerCharles Patterson: "Chapter 7: This Boundless Slaughterhouse. The Compassionate Vision of Isaac Bashevis Singer", in: Eternal Treblinka: Our Treatment of Animals and the Holocaust, siehe Isaac Bashevis Literatur.
Isaac Bashevis Naomi Alderman: "Other People's Gods"
Isaac Bashevis C.S. Lewis: The Screwtape Letters
Literatur
Hadda, Janet (1990): "Gimpel the Full". Prooftexts 10:2, S. 283-295.
Hennings, Tom (1983): "Singer's 'Gimpel the Fool' and »The Book of Hosea«". Journal of Narrative Technique 13:1, S. 11-19.
Kaplan, Johanna (1974): "A Crown of Feathers, by Isaac Bashevis Singer (Book Review), Commentary". Prooftexts 57:2, S. 80-82.
Fraustino, Daniel V. (1985): "Gimpel the Fool': Singer's Debt to the Romantics". Studies in Short Fiction 22:2, S. 228-231.
Oster, Judith (1999): "»God loves stories,« Jews love questions: I.B. Singer questions God". Journal of the Short Story in English 32, S. 9.
Pinsker, Sanford (1974): "Isaac Bashevis Singer: "A Crown of Feathers" (Book Review)". Studies in Short Fiction 11:3, S. 311-312.
Rexroth, Kenneth (1958): "Gimpel the Fool and Other Stories, by Isaac Bashevis Singer (Book Review)". Commentary 26:5, S. 458-460.
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Singer SingerIsaac Bashevis Singer: The Collected Stories of Isaac Bashevis Singer. New York: Farrar, Straus and Giroux, 1983. Taschenbuch: 614 Seiten Singer
Isaac Bashevis Singer: Jentl: Erzählungen. DTV, 2002. Taschenbuch: 128 Seiten. Wolfgang von Einsiedel, Übs. Singer
Patterson SingerCharles Patterson: Eternal Treblinka: Our Treatment of Animals and the Holocaust. Booklight, 2002. Taschenbuch, 312 Seiten Patterson
Charles Patterson: Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka: Über die Ursprünge des industrialisierten Tötens. Frankfurt: Zweitausendeins, 2004. Peter Robert, Übs. Gebunden, 307 SeitenSinger
Singer Anfang

Singer
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 8.2.2010