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Mansfield
Katherine Mansfield: In einer deutschen Pension
Frankfurt am Main, Wien, Zürich: Edition Büchergilde, 2012. Elisabeth Schnack, Übs. & Joe Villion: Illustration, Gestaltung, Gebunden, 272 Seiten [In a German Pension] – Katherine LinksKatherine Literatur
In einer deutschen Pension [In a German Pension] war das erste von Katherine Mansfield publizierte Buch. Es erschien 1911. Die Geschichten und Sketche darin waren zuerst in der Zeitschrift The New Age erschienen. Mansfield verarbeitete darin ihre Eindrücke vom Aufenthalt in Bad Wörishofen. Im Jahr 1909 war sie von ihrer Mutter in ein bayerisches Kloster geschickt worden um unauffällig zu entbinden. Sie wechselte in eine Pension nach Bad Wörishofen. Der Aufenthalt endete vorzeitig mit einer Fehlgeburt.
Mit diesen 13 Erzählungen fand die Autorin in der literarischen Welt Beachtung und sie wurde damit und den Folgebänden zur Speerspitze der modernen englischen Short Story.
Vorbemerkung
Die doppelten Seitenzahlen beziehen sich auf die deutsche Ausgabe der Edition Büchergilde und die Collected Stories of Katherine Mansfield. London: Constable, 1976.
Enthalten sind:
Germans at Meat Deutsche beim Fleisch
The Baron Der Baron
The Sister of the Baronesse Die Schwester der Frau Baronin
Frau Fischer Frau Fischer
Frau Brechenmacher Attends a Wedding Frau Brechenmacher nimmt an einer Hochzeit teil
The Modern Soul Die moderne Seele
At Lehmann's Bei Lehmanns
The Luft Bad Das Luftbad
A Birthday Ein Geburtstag
The Child-Who-Was-Tired Das KIND-DAS-MÜDE-WAR
The Advanced Lady Die Fortschrittliche Dame
The Swing of the Pendulum Der Pendelschlag
A Blaze Eine Feuersbrust
Elisabeth Schnack: Katherine Mansfield – Eine biographische Skizze

Katherine Mansfield beschreibt alltägliche Situationen im deutschen Kurbetrieb von 1909. Die Gäste im fiktiven Ort (Bad Wörishofen) sitzen bei Tisch und führen Gespräche, oft über Verdauungs- und andere Gesundheitsprobleme, über Schwangerschaft und Geburt und über nationale Besonderheiten. In den meisten Geschichten teilt uns eine Ich-Erzählerin ihre Beobachtungen mit. Sie beschreibt scheinbar objektiv und doch in gewisser Weise mitfühlend. Nie fällt von ihr selbst ein böses Wort über andere, allenfalls eine absetzende oder überhebliche Bemerkung.
Sie erzählt Merkwürdigkeiten und Banalitäten. Die Stories haben keinen Plot, entfalten sich nicht, kommen ohne Pointe daher, all dies allenfalls sehr subtil.
Allerdings schwingt überall eine gewisse Ironie mit und durch die Häufung und Hervorhebung banaler oder skuriller Verhaltensweisen ergibt sich ein Überlegenheit der Ich-Erzählerin. Das hat man der Mansfield gehörig angelastet.
Lebensumstände
Um die Thematik der Stories richtig einzuordnen, sollte man die Lebensumstände der Autorin kennen. Ihr reicher Vater schickte sie mit einer knappen Leibrente von Neuseeland nach London, in ein Heim für Musikstudentinnen. Bald schon musste sie ihre Cello weit unter Preis verkaufen. Sie verliebte sich in den Künstler Garnet Trowells. Sie wollten heiraten. Doch Garnet schloss sich als Geiger einer herumreisenden Operngruppe an. Katherine machte anfangs mit, dann aber schloß sie sich dem Gesangslehrer George Bowden an, den sie im März 1909 heiratete. Nach einem Tag und einer Nacht verließ sie ihn. Sie war von Garnet schwanger und wollte das Kind haben. Ihre Mutter wusste davon nichts, wollte sie aber wegen der geplatzten Ehe weg haben und reiste mit ihr in ein Kloster in Bayern. Katherine blieb dort und wechselte bald in eine Pension in Bad Wörishofen. Dort wollte sie gebären, hatte aber beim Koffer heben eine Fehlgeburt. Im Januar 1910 kehrte Mansfield nach London zurück.
Schwangerschaft, Geburt, Mutter-Kind Beziehung
Schwangerschaft, Geburt und Kleinkinder werden von der Erzählerin in einigen Stories angetsprochen und bestenfalls als hinderlich dargestellt.
Der Student aus Bonn findet Gefallen an der Schwester der Baronin von Gall, doch sie hat ein behindertes Kind, um das sie sich kümmern muss (S. 31, S. 708; „Die Schwester der Frau Baronin”). Der Text impliziert: damit fällt sie für den Studenten aus.
Die Ich-Erzählerin urteilte in „Frau Fischer”: „Aber ich halte Kinderkriegen für den allerschmachvollsten Beruf” (S. 47, S. 717).
Sonia Godowska, die Sängerin und Schauspielerin, die moderne Seele, drückt ihre Tragik der Beziehung zur Mutter so aus: „Meine Tragödie ist meine Mutter. Indem ich mit ihr lebe, lebe ich mit dem Sarg meiner ungeborenen Wünsche” (S. 78, S. 733; „Die moderne Seele”)
Ironie
Ironie setzt gleich vom Beginn der ersten Geschichte die Tonart an. Nach einer typischen Bemerkung des Herrn:
„»Wie interessant!«, erwiderte ich und bemühte mich, das genau richtige Maß an Begeisterung in meine Stimme zu legen.” (S. 9, S. 697; „Deutsche beim Fleisch”). Diese Ironie setzt sich durch alle Geschichten fort.
Der Briefträger, dr aussah wie ein deutscher Offizier, unterscheidet zwischen den Briefen an die Ich-Erzählerin – er warf sie in ihren Milchpudding – und der Karte an den Baron. Sie wurde ihm auf einem Tablett ehrerbietig überreicht. Die Ich-Erzählerin hakt dazu nach: „Was mich betrifft, war ich enttäuscht, dass nicht aus fünfundzwanzig Kanonen Salut geschossen wurde” (S. 21, S. 702; „Der Baron”).
In der dritten Geschichte „Die Schwester der Frau Baronin” tritt ein Student als Bonn auf. Er hatte sich darauf verlassen mit drei Schmissen und dem Coleurband Wirkung zu erzielen, „doch die  Schwester einer Baronin verlangte mehr” (S. 32, S. 708).
Vorurteile
Heute dampfen die Stammtische von dumpfen Vorurteilen, oft nationaler Art. Damals wohl auch, doch Katherine Mansfield führt sie in den Kurgesprächen vor die Augen der Leser. Da werden die Engländer auf Kricket und Hundezüchten reduziert. Der Frau Baronin bleibt es unverständlich, wie Engländerinnen geheiratet werden. Da fragt sich die Ich-Erzählerin und manch ihrer Leser: „Breitete der Geist der Romantik seine rosigen Schwingen nur über das aristokratische Deutschland aus?” (S. 35, S. 709; „Die Schwester der Frau Baronin”)
Die Russin Frau Godowska zitiert ihren Mann: „England ist nichts als eine Insel Rindfleisch, die in einem warmen Golfstrom aus Soße schwimmt” (S. 72, S. 729; „Die moderne Seele”).
Gesprächsthemen
Die Gespräche kreisen um Schwangerschaft, Schicklichkeit, Vorurteile und Verdauung. Gelegentlich werden sie itnellektuell und philosophisch. Die Fortschrittliche Dame fragt nach dem magischen Herz der Natur. Doch Herr Langen konstatiert sehr modern: „Die Natur hat kein Herz”. Daraufhin wird er von der Ich-Erzählerin als unterernährt und mit Philosophie überfüttert abqualifiziert (S. 151, S. 771; „Die Fortschrittliche Dame”). So lesen  ist In einer deutschen Pension eine Vorstudie zu Thomas Mann: Der Zauberberg.
Schach
Die Ich-Erzählerin spielte drei Wochen lang Schach mit einer Frau (S. 100, S. 744; „Das Luftbad”). Daran ist bemerkenswert:
  • Im Kurbetrieb von Bad Wörishofen wurde um 1909 ganz selbstverständlich Schach gespielt.
  • Fraun sind im Jahr 2013 im Schach noch sehr unterrepräsentiert, aber 1909 spielten zwei Frauen, offensichtlich ohne Aufsehen zu erregen.
  • Die Ich-Erzählerin hat das Schachspiel – wenn wir sie mit der Autorin gleichsetzen – wohl in London gelernt, damals eine Schachhochburg.
  • In Bad Wörishofen finden heutzutag jährlich grosse Offene Schachturniere satt. Einmal nahm ich selbst daran teil.
Das KIND-DAS-MÜDE-WAR
wird als Plagiat zu einer Tschechow-Geschichte getadelt. Das bezeichnet Elisabeth Schnack in ihrer engagierten Biografie als nicht stichhaltig (S. 230).
Man lese dazu Schneider 1935, KatherineLiteratur.
Elisabeth Schnack: „Katherine Mansfield – Eine biographische Skizze”
Katherine Mansfield hatte krankheitsbedingt ein kurzes Leben, das in mehreren Sinnen sehr bewegt war:
  • häufige Wechsel der Wohnorte
  • künstlerisches Auf und Ab
  • wechselnde Partner beiderlei Geschlechts.
Elisabeth Schnack schrieb dazu in der hier besprochenen deutschen Ausgabe der Edition Büchergilde eine meinungsfreudige Biografie. Zahlreiche Hinweise tragen zum Verständnis der Prosa Katherine Mansfields bei. Ihr Urteil: „In ihren größten Erzählungen ist jeder Satz bedeutungsschwer. Die unscheinbarste Bemerkung darf nicht »überlesen« werden” (S. 200).
Kritik
Die Geschichten aus In einer deutschen Pension werden von der Kritik gegenüber den späteren Stories derselben Autorin als noch nicht so gelungen eingestuft. Das mag sein: doch um so besser für die späteren Stories, von denen ich bisher keine kenne. Den Tenor der Kritik trifft (abgesehen vom Plagiatsvorwurf): „a journalistic touch, a cynical exaggeration, a delight in smart cleverness for its own sake, all of which was later very definitely outgrow” (S. 279, Wagenknecht 1928).
Der journalistische Erzählton trägt eher dazu bei die Emotionen nicht hochkochen zu lassen. Die Vorurteile werden den Personen in den Mund gelegt. Die zynische Übertreibung ist selbst übertrieben. Ironie und Zynismus machen gerade die Qualität dieser Geschichten aus. Jeder – in einem fremden Land auf sich gestellt – findet vieles Sonderbare. Genau das fällt auf und ist berichtenswert, da es vom Gewohnten des Lesepublikums abweicht. Viele Gespräche könnten ähnlich auch heute geführt werden: triviale Inhalte, Tratsch, banale Verallgemeinerungen sind auch heute weit verbreitet.
In einer deutschen Pension enthält grossartige Sketche aus dem Kurbetrieb, die durchaus heute noch bestehen. Man lernt vieles aus dem Leben des gehobenen Bürgertums am Ende der Kaiserzeit in Deutschland kennen. Gar manches ist auf heutige Gespräche und Verhaltensweisen übertragbar. Höchst amüsant zu lesen!
Links
Katherine Mansfield:
MansfieldKatherine Mansfield: website dedicated to the life and work of Katherine Mansfield.
MansfieldBooks and Writers
MansfieldKatherine Mansfield @ The Poetry Foundation
Wikipedia: MansfielddeutschMansfieldenglisch
MansfieldThe Katherine Mansfield Society
MansfieldKatherine Mansfield Biography
MansfieldKatherine Mansfield, 1888-1923
MansfieldDevilder, Albertine (2008): „Das Skepsis-Reservat: Vom Leben: Literarische Seitenpfade. In einer deutschen Pension: Katherine Mansfield” (pdf)
MansfieldIsolation, Disillusionment and Death: A Thematic Study of Katherine Mansfield’s Short Stories Posted on May 27, 2010 by China Papers
MansfieldAnnette Merbach: Moderne Seelen beim Fleisch. Katherine Mansfields frühe Erzählungen neu übersetzt. Die Berliner Literaturkritik, 05.07.07
MansfieldAnnette Meyhöfer: Die Meisterin der Short Story. Katherine Mansfield: "Sämtliche Erzählungen in zwei Bänden", Diogenes. DLF, 7.10.2012
MansfieldKatherine Mansfield-Three stories from In A German Pension, May 31, 2010
MansfieldMansfield, Katherine: In A German Pension: 13 Stories - Literature Annotations
MansfieldPhilip Steer: Introduction to In A German Pension, Victoria University February 2004
Mansfield Anton Tschechow: Meisternovellen
Mansfield Ausgewählte Links zur Kurzgeschichte – Short Story
Mansfield Besprechungen von Kurzgeschichtensammlungen
Literatur
Carpentier, Martha C. (2012): „Katherine Mansfield’s Satiric Method from »In a German Pension« to »Je ne parle pas français«”. Genre 45:2, S. 299-327.
Choi, Young Sun (2010): „Writing food (for thought): Katherine Mansfield’s in a German pension”. Journal of Postcolonial Cultures and Societies 1:1, S. 2-7.
Cooper, Lucille (2008): „Is There a Woman in the Text? A Feminist Exploration of Katherine Mansfield’s Search for Authentic Selves in a Selection of Short Stories”. Diss. University of South Africa.
Else, Anne (1985): „From Little Monkey to Neurotic Invalid: Limitation, Selecton and Asumption in Antony Alpers’ Life of Katherine Mansfield”. Womcn’s Studics International Forum 8:5, S. 497-505.
Garlington, Jack (1956): „An Unattributed Story by Katherine Mansfield?”. Modern Language Notes 71:2, S. 91-93.
Garver, Lee (2001): „The Political Katherine Mansfield”. Modernism/modernity 8:2, S. 225-243.
Moran, Patricia (1991): „Unholy Meanings: Maternity, Creativity, and Orality in Katherine Mansfield”. Feminist Studies 17:1, S. 105-125.
Murray, Heather (1988): „Katherine Mansfield and Her British Critics: Is There a ‘Heart’ in Mansfield’s Fiction?”. Journal of New Zealand Literature: JNZL 6, S. 99-118.
Schneider, Elisabeth (1935): „Katherine Mansfield and Chekhov”. Modern Language Notes 50:6, S. 394-397.
Wagenknecht, Edward (1928): „Katherine Mansfield”. The English Journal 17:4, S. 272-284.
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Katherine Mansfield: The Collected Stories of Katherine Mansfield. London: Penguin, 2007. Taschenbuch, 816 Seiten Mansfield
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Katherine Mansfield: Selected Stories. Angela Smith, Hg. Oxford: Oxford UP, 2008. Taschenbuch, 396 Seiten Mansfield
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Katherine Mansfield: Sämtliche Werke: In einer deutschen Pension. Das Gartenfest /Das Taubennest /Etwas Kindliches. Frankfurt am Main: 2001, 2009. Ute Haffmans, Sabine Lohmann, Heiko Arntz, Übs. Gebunden, 1049 Seiten Mansfield
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 4.2.2013