Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Desai
Kiran Desai: The Inheritance of Loss
New York: Grove, 2006. Broschiert, 357 Seiten – Kiran LinksKiran Literatur
Hauptort der Handlung ist die Gegend um Kalimpong an den Hängen des Himalaya ziwschen Nepal und Indien. Jemubhai Patel, ein pensionierter Richter lebt in Cho Oyu zurückgezogen mit seinem Koch, der erst auf der vorletzten Seite seinen Namen erhält: Panna Lal. Er spielt alleine Schach und liebt seinen Hund Mutt. Seine Frau hatte er während eines Streits nahezu ermordet und dann an ihre Famile zurückgegeben. Zu ihm stieß seine Enkelin Sai, die sich in ihren Mathelehrer Gyan verliebt. Dieser schließt sich aber den Rebellen an, die für ein unabhängiges Gurkha-Land die Regierungsstellen foppen und die Bevölkerung terrorisieren.
Der zweite Hauptort ist New York. Der Koch sandte seinen Sohn Biju dorthin.
Der historische indische Ghurka-Aufstand Mitte der achtziger Jahre positioniert den Roman zeitlich.
Am Ende kehrt Biju heim, sein erspartes Geld an verschiedenen Stellen an seinem Körper versteckt. Er wird in Indien ausgeraubt und kehrt ärmer heim als weggegangen.
Indien ist in diesem Roman noch auf dem Sprung von der ehemaligen Kolonie zur größten Demokratie der Welt. (Zur Zeit meiner Lektüre gilt Indien mit 1,2 Milliarden Einwohnern noch als das zweitbevölkerungsreichste Land der Erde. Flächenmässig steht Indien auf Platz 7.)
Der Richter hatte seine Ausbildung in Cambridge, Grossbritannien, erhalten und dort die Engländer verachten gelernt. Eine Ausbildung im Westen garantiert nicht die Preisgabe der eigenen Werteinschätzungen. Man erkennt es am deutlichsten am Richter und seinem Umgang mit Bediensteten und seiner eigenen Frau und im Unterschied dazu seine übersteigerte Nachsicht mit der Hündin Mutt.  Bei seiner Frau nutzt er das "Rückgaberecht" und gibt sie wie ein Stück Ware einfach an deren Familie zurück. Harry Belafonte gab 1957 seine Angelique-O zurück:
„Mama's got to take you back
Teach you all the things you lack“
Harry Belafonte: "Angelique-O", 1957
Trotz allem ist Indien noch stark am einstigen Mutterland orientiert. Die Inder suchen ihr Heil aber überall in der Welt: auf dem Subkontinent selbst finden nicht alle ihr Auskommen.
Dabei erfahren sie, dass woanders auch nicht nur Honigschlecken ist. Um die Wichtigsten zu benennen:
• der Richter bringt von seiner Universitätsausbildung – bei der er starke Ausgrenzung erlebt – eine Abneigung gegen den "Westen" mit
• Sai ist mit ihren Eltern in der Sowjetunion und kehrt gerne in die Heimat zurück
• Biju hat zwar in den USA einiges angespart, aber auch dort das Hierarchie-Denken erlebt.
Dass Biju das Ersparte im eigenen Land verliert, zeigt, dass es der Inder allein aus sich auch nicht schafft. Eine brutale Hans-im-Glück Story.
Die Autorin verschränkt die Ereignisse in Indien mit den Erlebnissen Biju in den USA und vergangenen Ereignissen in Indien oder Grossbritannien. Ausgebeutet, unterdrückt und verschaukelt wird man überall. Nicht nur der Koch sondern auch Frank Sinatra auch meint, wer es in New York schafft, schafft es überall.
„If I can make it there
I'll make it anywhere
It's up to you
New York, New York“
Frank Sinatra: "Theme from New York", 1980
Obwohl Biju als Illegaler in New York nicht weniger malochen muss als zu Hause, übermittelt er in Briefen nach Hause eine Erfolgsstory.
„Home folks think I'm big in Detroit city,
From the letters that I write they think I'm fine,
But by day I make the cars,
By night I make the bars,
If only they could read between the lines.“
Bobby Bare: "Detroit City", 1963
Zumindest sein Vater fasst es so auf.
Trotz vieler grossartigen Szenen und einiger guten Kapiteln (z. B. Demonstration der Gurkhas und Gyans Wandel vom Hauslehrer zum Rebell und anschließenden Streit mit Sai; Kap. 26-27) zerfledderte für mich die Handlung zu stark. Vielleicht muss man den Roman ein zweites Mal lesen um die Verschränktheit der Bruchstücke zu durchschauen.
Die Botschaft dieses postkolonialistischen Romans ist für mich: die Inder müssen sich von Grossbritannien und dem Westen abnabeln und ihren eigenen Weg gehen. Wie sehr sie dabei westliche Einflüsse integrieren sollen oder können bleibt offen. Inzwischen befinden sie sich ja auf diesem Weg.
Mal zog es mich in die Handlung, mal musste ich mich erinnern, dass da noch eine Lektüre offen ist. Ich gebe daher eine bedingte Leseempfehlung. Indien kommt dem Leser sicher authenischer näher als mit Martin Mosebach: Das Beben. Aufgrund der Struktur und der reservierten Erzählhaltung ist nicht ganz einfach zu lesen. Indra Sinha: Menschentier würde ich eher empfehlen.
Booker Prize 2006: Kiran Desai: The Inheritance of Loss
Links
DesaiDoris Kratz: Kiran DESAI: Erbin des verlorenen Landes (10/2006)
DesaiLeselust: Kiran Desai - Erbin des verlorenen Landes
DesaiHans Peter Röntgen: Erbin des verlorenen Landes
DesaiPerlentaucher
DesaiDesai bekommt Booker-Preis, Spiegel Online, 11. Oktober 2006
DesaiGurkha
Desai Schach in der Literatur
Vergleichsliteratur
Desai Aravind Adiga: The White Tiger [Der weiße Tiger]
Desai Martin Mosebach: Das Beben
Desai Arundhati Roy: The God of Small Things [Der Gott der kleinen Dinge]
Desai Indra Sinha: Menschentier
Desai Vikas Swarup: Q and A [Rupien! Rupien!]

Literatur
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Desai DesaiKiran Desai: Erbin des verlorenen Landes. Bloomsbury, 2007. Taschenbuch, 432 Seiten. Robin Detje, Übs. Desai
Kiran Desai: The Inheritance of Loss. London: Penguin, 2008. Taschenbuch, 336 SeitenDesai
Desai Anfang

Desai
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 24.2.2012