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Sinha
Indra Sinha: Menschentier
Frankfurt am Main: Büchergilde, 2011. Gebunden, 508 Seiten. [Animal's People] Susann Urban, Übs.
Aus der Reihe „Weltlese“, hrsg. von Ilija Trojanow
Indra LinksIndra Literatur
Animal, der fledermausohrige Affe (S. 310), war früher mal ein Mensch. Nach einem grossen Chemieunfall in Khaufpur ist er verkrüppelt. Mit ihm hat es ziemlich alle Einwohner der Grossstadt getroffen, zumindest die Armen. Seit mehr als 20 Jahren warten sie auf Entschädigung oder überhaupt auf eine Prozess gegen die Kampani.
Da trifft die amrikanische Ärztin Elli ein und errichtet auf eigene Kosten eine Klinik im Armenviertel. Die medizinische Versorgung ist umsonst! Doch keiner kommt. Die Armen befürchten einen Trick der amrikanischen Kampani. Sie halten eisern durch. Als es kurz vorm neuen Prozessauftakt möglichwerweise zu einem Deal zwischen der eigenen Regierung und der Kampani kommt, tretten etliche Betroffene in den Hungerstreik.
Vor diesem Szenario beschreibt Animal das Geschehen um ihn und seinem Viertel. Seit dem Unfall kann er nicht aufrecht gehen und bewegt sich auf allen Vieren, deshalb der Spitzname. Trotzdem hegt er mit etwa 20 Jahren Gefühle zu den Damen in seiner Bekanntschaft. Auch die Ärztin Elli (er soll sie ausspionieren) hat es ihm angetan, vor allem als sie andeutet, er könne in Amrika vielleicht operiert werden. Dann aber entdeckt er Ungeheures.
Die Erzählung folgt 23 von Animal besprochenen Tonkassetten. Die letzten beiden ist er im Delirium oder Fiebertraum oder im Paradies oder  ... Sie bringen die Handlung weder voran noch zu einem annehmbaren Abschluss. Man weiß nicht, sind es Wunsch- oder Wahnvorstellungen.
Die Erzählung ist zudem stilistisch eigenwillig und zwar bereits im Original. Einige Kritiker stöhnten ob der verhunzten Sprache. Das hat die Übersetzerin Susann Uraban ausgezeichnet mitgenommen. Man wird ziemlich bald gewarnt: „Wenn du meine Geschichte hören willst, mußt du meine Art zu erzählen ertragen“ (S. 11).
Die Balance zwischen Tragik und Schelmenroman gerät außerordentlich gut. Das Elend der Hauptpersonen wird greifbar und verständlich. Bei Demonstrationen gegen die Gerichtsgebaren und die Regierung wird schon zu Steinen gegriffen und man bleibt auf der Seite der Werfer. Der tragische Unfall wird nicht genau erläutert, es genügt das, was er anrichtete. Das Gift ist immer noch im Boden, im Wasser und in den Herzen der Betroffenen (S. 274).
Reflexion über Religion
Animal reflektiert gelegentlich. Der religiöse Glaube gibt den anderen Trost (dafür gibt es den ja), doch Animal fragt: „Wo war Gott, der Arsch, als wir ihn gebraucht haben?“ (S. 28). Er erkennt: „Hoffnung ist eine Krücke für Schwächlinge. Die Starken kommen ohne aus“ (S. 110). Noch genauer formuliert er es später: „der Hauptgrund, einer Religion anzugehören ist, den Tod zu betrügen und wieder zu leben, entweder hier oder im Himmel, wo auch immer. Ich will aber kein nächstes Leben, ...“ (S. 289).
Gleich anschließend bringt Animal ganz knapp das Argument für den Agnostizismus.
„Wenn Religionen wahr wären, würde es nichtso viele von ihnen geben, bloß eine für alle. Klar behauptet jeder, daß seine die einzig wahre ist, die Trottel merken nicht, daß das sogar noch unlogischer ist“ (S. 289). Siehe Argument für den starken religiösen Agnostizismus, Indra Links.
Drei Feuerhöllen
Kurz nach der Mitte des Romans streben drei Feuerhöllen zusammen. Das ist das Inferno des Unfalls vor zwanzig Jahren, das alles beherrschende Thema des Romans. Ellis Vater arbeitete sich in Amrika in der Feuerhölle eines Eisenhochofens krank und die Überlebenden praktizieren als Feuertaufe den religiösen Feuerlauf über glühende Kohlen (S. 296ff).
Sprache
Die Sprache ist durchgehend recht derb und – bevor ich es vergesse – die sparsamen stilistischen Eigenheiten stören überhaupt nicht.
Jane Austen Zitat (S. 58)
„It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife.“ [Jane Austen: Pride and Prejudice – Stolz und Vorurteil ist Jane Austens zweites Buch. Die Erstausgabe erschien 1813.]
„Es ist eine weltweit anerkannte Wahrheit, daß ein alleinstehender Mann, der im Besitze eines ordentlichen Vermögens ist, nach nichts so sehr Verlangen haben muß wie nach einem Weibe.“ (Ilse Krämer, Übs. 1948)
„Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein Junggeselle im Besitz eines schönen Vermögens nichts dringender braucht als eine Frau.“ (Andrea Ott, Übs.) 
Menschentier ist ein grossartiger Roman über das Leben nach einer großen zivilisatorischen Katastrophe und der Umgang damit in einem Land, dem man keine grosse Bedeutung beimisst. Personen, Beziehungen und Handlung im Stadtviertel sind durchwegs glaubhaft und ins Mark gehend. Wären da nicht die unnötigen Kassetten 22 und 23 wäre es ein überragendes Werk der Weltliteratur.
Links
SinhaIndra Sinha – Wikipedia: SinhadeutschSinhaenglisch
SinhaIndra Sinha: Menschentier – Weltlese – Lesereisen ins Unbekannte, Band 7 
SinhaKarl-Markus Gauss: "Ein Hundeleben", SZ, 28.3.2012, S. 14
SinhaNilanjana S. Roy: „Bhopal revisited: Animal`s Story“. Business Standard New Delhi August 14, 2007
Sinha Argument für den starken religiösen Agnostizismus
Vergleichsliteratur
Sinha Aravind Adiga: The White Tiger – Der weiße Tiger
Kiran Desai: Inheritance of Loss (2006) – Erbin des verlorenen Landes
Nikita Lalwani: Gifted
Gautam Malkani: Londonstani
Anuradha Marwah: Dirty Picture
Salman Rushdie: Midnight’s Children (1981) – Mitternachtskinder
Sinha Vikram Seth: An Equal Music (1999) – Verwandte Stimmen
Vikram Seth: Suitable Boy (1993) – Eine gute Partie
Hubert Skidmore: Hawk’s Nest
Literatur
Goh, Robbie B. H. (2011): “Narrating “Dark” India in Londonstani and The White Tiger: Sustaining Identity in the Diaspora”. The Journal of Commonwealth Literature 46:2, S. 327-344.
Rajan, Rajeswari Sunder (2011): “After Midnight’s Children: Some Notes on the New Indian Novel in English”. Social Research 78:1, S. 203.
Snell, Heather (2008): “Assessing the Limitations of Laughter in Indra Sinha’s Animal’s People”. Postcolonial Text 4:4, S. 1-15.
Westerman, James W., Jennifer Hughes Westerman (2009): “Social Protest Novels in Management Education - Using Hawk’s Nestto Enhance Stakeholder Analysis”. Journal of Management Education 33:6, S. 659-675.
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Sinha SinhaIndra Sinha: Menschentier. Frankfurt am Main: Büchergilde, 2011. Gebunden, 508 Seiten. [Animal's People] Susann Urban, Übs. Sinha
Indra Sinha: Animal's People. Pocket, 2008. Taschenbuch, 374 Seiten Sinha
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 29.3.2012