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Solomons
Natasha Solomons:
Mr. Rosenblum’s List: Or Friendly Guidance for the Aspiring Englishman

London: Hodder and Stoughton, 2010. Broschiert, 326 Seiten – Natasha LinksNatasha Literatur
Im August 1937 flüchtet Jakob Morris Rosenblum, der sich später Jack Rose nennen wird, mit Ehefrau Sadie und Elisabeth (1 Jahr alt) aus Berlin nach London. Als Willkommen erhalten sie das Faltblatt "Useful Advice And Friendly Guidance To All Refugees". Jacob befolgt alle darin aufgeführten Punkte um ein echter Engländer zu werden. Er schafft es wirtschaftlich: seine Teppichfabrik floriert, er kauft sich einen Jaguar, Gemäß Punkt 107: "Der Engländer fährt einen Jaguar".
Fünfzehn Jahre später fehlt ihm zum perfekten Engländer nur noch die Mitgliedschaft in einem englischen Golfclub. Doch er wird überall abgewiesen, sobald sich herausstellt, er ist Jude.
Da beschließt er in Dorset, mitten in der englischen Countryside selbst einen Golfplatz zu bauen. Doch das ist nicht so einfach, er muss zahlreiche Schwierigkeiten überstehen. So zerwühlen ihm Wollschweine (Natasha Dorset woolly pigs) die erstellten Golfbahnen. Doch Jack gibt nicht auf. Er engagiert Einheimische und investiert sein ganzes Geld. Sadie ist anfangs gegen das Vorhaben, doch sie bestärkt ihn, als er schon aufgeben will, weiterzumachen. Der schwerste Schlag steht ihm noch bevor. Jack gibt auf. Doch – wie man sich denken kann – wird am Ende alles – etwas wundersam – gut.
Mit Jack, Sadie und Elizabeth gelingen der Autorin drei ganz unterschiedliche Charaktere.
  • Jack will sich einfügen und nicht auffallen. Er stellt den Flüchtling dar, den sich viele – auch heute noch in Deutschland und anderswo – wünschen: den völlig angepassten.  Jack will sich assimilieren (S. 2). Genau das kann ebenso wenig gelingen, wie der Norddeutsche, der sich am Bairischen und an bairischer Folklore versucht. Das geht nach hinten los. Er ißt dreimal die Woche in den besten der armseligen Restaurants Londons und gibt üppige Trinkgelder. Die Kellner akzeptieren sein ausgefallenes Benehmen, aber verachten ihn dafür (S. 21). Jacks Leitfaden ist das Faltblatt für Flüchtlinge, sein Leitmotiv der Golfplatz. Indem er die 150 Punkte der Liste abarbeitet zeigt er, dass er Deutscher geblieben ist.
  • Sadie will ihre Gewohnheiten und jüdische Gebräuche beibehalten. Damit fällt sie in die Kategorie derjenigen, denen – auch heute noch in Deutschland und anderswo – vorgeworfen wird, nicht loslassen zu können, die neue Staatsbürgerschaft und Kultur nicht voll zu akzeptieren. Von Ausländern wird Integration gefordert, darunter aber oft Assimilation verstanden. Unterschiedliche Kulturen und Religionen werden abgelehnt und behindert. Sie spricht mit ihrer Tochter deutsch und liest ihr Till Eugenspiegel und Struwwelpeter vor (S. 169). Das müssen die beiden vor Jack geheim halten, denn Jack lehnt das ab: „Odd habits are all very well for the English but we must be invisible” (S. 19). Damit weckt die Autorin Assoziationen zu Ralph Ellison: Invisible Man, einem epochalen Roman der Diskriminierung der Afroamerikaner in den USA
    (Solomons Vergleichsliteratur).
  • Sadie hat im Roman die emotional überzeugendste Szene. Sie steht der Schnapsidee ihres Gatten ablehnend gegenüber, als er nach zahlreichen Hindernissen aufgeben will, ist es aber sie, die ihn zum Weitermachen ermutigt.
  • Das Leitmotiv für Sadie und ihre Eingliederungsposition sind die jüdischen Bräuche und die deutschen Kuchen. Sadie backt unentwegt Kuchen um die Erinnerung aufzufrischen und lebendig zu halten. Sie lebt auch nach dem alten jüdischen Kalender (S. 161), wohingegen Jack fragt, was er damit zu tun hätte. Er leugnet seine Herkunft.
  • Elizabeth vertritt die zweite Generation: sie ist – soweit sie im Roman hervortritt – Teil der englischen Gesellschaft und eine Vorzeige-Engländerin. Ob das so reibungslos geht, wie hier dargestellt, sollte freilich bezweifelt werden. Indem Elizabeth in England aufwächst, ist sie ganz natürlich englisch. Zwischen ihr und den Eltern besteht aber eine kulturelle Kluft. Diese Spannung ist permanent.
Besonders Jack und Sadie erscheinen ziemlich klischeehaft. Sie sind aber so einfühlsam und humorvoll beschrieben, dass man darüber hinwegliest.
Themen
  • In der Charakterisierung der Hauptpersonen Jack und Sadie kommt die Konfrontation Assimilation versus Integrierung mit Beibehaltung der kulturellen Vielfalt zum Ausdruck. Was viele an Ausländer tadeln (Festhalten an der eigenen kulturellen Identität) vertreten sie bezüglich der deutschen Kultur, die als Leitkultur auch den anderen aufgezwungen wird (Natasha Links).
  • Durch diese gegensätzlichen Ansichten entfremden sich Jack und Sadie. Er setzt für seinen Golfplatzwahn alles ein, was sie zusammen erwirtschaftet haben und sie sind am Ende pleite. Oberflächlich mag an Jack sympathisch sein, wie konsequent er – trotz zahlreicher Rückschläge – seinen Plan verfolgt. Eigentlich ist er aber ein kleiner Widerling und Tyrann. Nicht unbegründet bezeichnet ihn Sadie ein paar Mal als Arschkriecher.
  • Die wahren Freunde gewinnt nicht der wohlhabende Fabrikbesitzer Jack in der Stadt sondern der unentwegte Kämpfer für seinen Plan auf dem Lande, darunter besonders Curtis Butterworth. Sie kann man charakterisieren mit dem Initiationsmerkmal: „If you see a Dorset woolly-pig you are a true Dorset man”. Etwas stärker erdverbunden ist die Initiation durch Curtis: er gibt Jack das Rezept für den Jitterbug Apfelmost. 
  • Ein weiteres Klischee des Romans: Stadt / reich = unnahbar bis böse – Land / arm = rauh aber herzlich.
  • Wer ein Ziel nur rigoros verfolgt, erreicht es. Dieses Thema könnte einer Geschichte aus Reader's Digest entstammen. Wer es nicht schafft ist selbst schuld. Das entlastet die Allgemeinheit sich um Arme, Behinderte, Außenseiter und Gestrandete zu kümmern. Die Autorin muss am Ende aber ziemlich tricksen, damit sie für das Happy End die Kurve bekommt.
Stil
Der durchgehende Humor entschädigt für manche Durchhänger ab der Mitte des Romans, für viele vorhersehbaren Szenen (man denke an den Besuch der Rosenblums bei Sir William Waegbert, S. 108 ff), für Klischees und den holprigen wunderhaften Schluss.
  • Köstlich beschreibt Natasha Solomons wie Jack mühsam und eifrig die Maulwurfshügel beseitigt. Die Dorfbewohner begaffen von weitem das ungewöhnliche Spektakel (S. 72).
  • Der Besuch bei Sir William läßt die Leser vielfach schmunzeln, besonders als sich Jack darüber begeistert, dass zwei Adelige die ersten Mitglieder seines Golfclubs werden (S. 115).
  • Ein Brüller ziemlich an Ende: der Golfplatzkonkurrent „... Sir William Whatnot seems to 'ave a terrible woolly-pig problem” (S. 280). So ist es mit diesen Viechern, „a pig gave a fig whether the land belonged to a Yid, a Kraut or the Queen of England” (S. 120).
Überzeichnung
  • Jack wird in vielen Punkten überzeichnet. Es ist für einen erfolgreichen Unternehmer kaum glaubhaft, dass er seine Fabrik so extrem vernachlässigt und schädigt. Er setzt die Landbewohner auf die Gehaltsliste (S. 152), zahlt überzogene Stundenpreise und ignoriert alle Warnbriefe und – telegramme aus London.
  • Bei einem winterlichen Ausflug passieren Sadie, Jack und Elizabeth einen abgestorbenen Baum (!), in dem Saatkrähen sitzen, die Botschafter des Todes (S. 194). Kurz darauf unternimmt Sadie einen grotesken Gang in die Winterlandschaft. Es wird dramatisch, aber der Leser ist eher brüskiert über die aufgesetzte Szene.
  • Bis auf weniger als 200 Pfund abgebrannt (S. 259) müssen die Blooms nach London zurück. Sie beauftragen dazu eine Umzugsfirma (! S. 260) und quartieren sich im Ritz ein (! S. 263) und bleiben in diesem sicher nicht billigen Hotel (S. 276-277).
Der Roman erschien unter dem Titel Mr. Rosenblum Dreams in English und ist jetzt unter dem genaueren Titel Mr. Rosenblum’s List: Or Friendly Guidance for the Aspiring Englishman erhältlich. Der deutsche Titel Wie Mr. Rosenblum in England sein Glück fand zielt auf rasante Verkaufszahlen ab: alles mit Sex und/oder Verbrechen und/oder Königshaus und/oder Glück verkauft sich von selbst. Im Deutschen wurde zudem aus der "Sadie" die "Sarah"! 
Eine Nebenbemerkung zu Natasha Solomons: Mr. Rosenblum’s List
„... a backward-looking narrative of comic assimilation [...] about a Jewish man whose rejection by English golf clubs inspires him to build his own [...] modishly nostalgic ...” (Vice 2012, S. 904)
Mr. Rosenblum’s List reiht sich ein in die modischen Romane, die den Konflikt zwschen den Kulturen durch Flucht und Einwanderung humorvoll auf die Schippe nehmen (Jan Weiler: Maria, ihm schmeckt's nicht! – Irene Dische: Großmama packt aus – Marina Lewycka: A Short History of Tractors in Ukrainian, siehe Solomons Vergleichsliteratur) und auch in die Romane von liebenswerten Landbewohnern (John Steinbeck: Tortilla Flat & Cannery Road, siehe Solomons Vergleichsliteratur).
Die zugrundeliegende Idee der Geschichte ist großartig wird aber auf über 300 Seiten arg zerdehnt: zwischendrin stellen sich Längen ein.
Der leicht zu lesende Roman verharmlost die Schwierigkeiten mit denen Immigranten und Flüchtlinge zu allen Zeiten zu kämpfen haben. Das harte Schicksal der Verwandten von Sadie (ihnen wird die Ausreise aus Deutschland verweigert und sie wurden wohl ermordet) wird nur randweise erwähnt. Beim Lesen sollte man also berücksichtigen, das man ein Märchen liest, das von der Wirklichkeit der allermeisten Flüchtlinge weit entfernt ist. Dann steht einer vergnüglichen Lektüre nichts im Wege.
Erläuterungen
Sir John Betjeman (S. 100),
(28 August 1906 – 19 May 1984) was an English poet, writer and broadcaster who described himself in Who's Who as a "poet and hack". – SolomonsJohn Betjeman
Bertram Wilberforce „Bertie" Wooster” (S. 101)
is a recurring fictional character in the Jeeves novels of British author P. G. Wodehouse.
Solomons Bertie Wooster
noggerhead & ninnywally (an etlichen Stellen, z.B. S. 311: „as any noggerhead or ninnywally knows, the Dorset man is the best of all Englishmen”)
noggerhead: Dorset slang for a stupid person – SolomonsProbert Encyclopaedia
  • ninny = ass, blockhead, clown, cretin, dope, fool, idiot, imbecile, jerk, numskull, simpleton
  • wally = ass, blockhead, clot, cretin, excellent, fine-looking, fool, halfwit, idiot, imbecile, jerk, numskull, weakling, well – SolomonsThe Chambers Crossword Dictionary
Dorset woolly-pig
"Pretty Polly Perkins of Paddington Green" (S. 233)
is the title of an English song, composed by the London music hall and broadside songwriter Harry Clifton (1832–1872), and first published in 1864.
SolomonsPretty Polly Perkins of Paddington Green
Vergleichsliteratur
Solomons Lily Brett: Einfach so
Solomons Irene Dische: Großmama packt aus
Solomons Ralph Ellison: Invisible Man
Howard Jacobson: The Finkler Question – Die Finkler-Frage
Solomons Andrea Levy: Small Island
Solomons Marina Lewycka: A Short History of Tractors in Ukrainian – Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch
Solomons Anli Serfontein: From Rock to Kraut
John Steinbeck: Die Strasse der Ölsardinen [Cannery Road]
John Steinbeck: Tortilla Flat
Solomons Paul Torday: Salmon Fishing in the Yemen – Lachsfischen im Jemen
Solomons Jan Weiler: Maria, ihm schmeckt's nicht! Geschichten von meiner italienischen Sippe

Links
SolomonsNatasha SolomonsSolomons@Wikipedia
SolomonsRead of the Weekend: Mr Rosenblum's List by Natasha Solomons, 9.7.2010
SolomonsMr. Rosenblum Dreams in English, August 5, 2011
SolomonsSir John Betjeman (S. 100)
SolomonsBertram Wilberforce „Bertie" Wooster” (S. 101)
SolomonsThe Cumberland Pig – one of the Dorset wooly-pig's close relations
SolomonsMangalitza sheep-pigs
SolomonsQuestions and topics for discussion for Mr. Rosenblum Dreams in English
Solomons Marion Schweizer, Jonas Lanig: Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Rechtsradikale Propaganda und wie man sie widerlegt
Solomons Ausländer & Minderheiten in Deutschland, Schwerpunkt Bayern
Solomons Deutsche Leitkultur
Literatur
Vice, Sue (2012): „Assimilation and Its Discontents. Howard Jacobson’s The Finkler Question”. Journal for the Study of Antisemitism 3, S. 901-901.
Vice, Sue (2013): „‘Becoming English’: assimilation and its discontents in contemporary British-Jewish literature”. Jewish Culture and History 14:2-3, S. 100-111.
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Solomons SolomonsNatasha Solomons: Mr. Rosenblum’s List: Or Friendly Guidance for the Aspiring Englishman. London: Hodder and Stoughton, 2010. Broschiert, 326 Seiten Solomons
Natasha Solomons: Wie Mr. Rosenblum in England sein Glück fand. London: Sceptre, 2010. Broschiert, 384 Seiten. Martin Ruben Becker, Übs. Solomons
Solomons Anfang

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 18.12.2013