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Bennett
Alan Bennett: The Laying On Of Hands. A Story
London: Profile & London Review of Books, 2001. Gebunden, 110 Seiten [dt.: Handauflegen, Ingo Herzke, Übs.] – Alan LinksAlan Literatur
Begräbnisse sind in der Literatur oft der Ausgangspunkt für Reflexionen über das Leben des Verstorbenen oder/und die Reibungen im Familien- oder Bekanntenkreis. Als der 34-jährige Clive Dunlop zu Grabe getragen wird, geschieht genau dieses, wenn auch zunächst recht zurückhaltend.
Dabei erweist sich Alan Bennett als ausgezeichneter Beobachter. Viele Begräbnisteilnehmer kennen sich mehr oder weniger, bekunden dies aber gegenseitig nur sehr verhalten. Jeder bringt zum Ausdruck, dass er den Toten nur flüchtig kannte oder dass er/sie nur eher zufällig an diesem gesellschaftlichen Ereignis teilnimmt. Die gezwungene Fröhlichkeit wird bis nach der Zeremonie aufgespart. Die Begräbnisse sind wie „sad cocktail parties without the drinks” (S. 22).
Der Fokus ist zunächst auf Treacher, einem merkwürdigen Beobachter, da er den Verstorbenen nicht mal gekannt hatte. Aber – wie sich herausstellt – ist er nur da um den Geistlichen Geoffrey Jolliffe zu beobachten und zu beurteilen: es geht um eine mögliche Beförderung. Treacher selbst ist Geistlicher in Zivil, er ist sogar Erzdekan. Sein Auftrag ist es zu weltliche Gleichgültigkeit in der Durchführung der Begräbnisfeier zu registrieren (S. 28).
Clive starb etwas unerwartet bei einem Aufenthalt in Peru. Er war Masseur, ein Schwarzer und Handheiler (S. 34). Dem Leser wird klar, dass er heterosexuell war und viele der Zeremonieteilnehmer – männlich oder weiblich – mit ihm öfters oder weniger oft verbandelt waren.
Allmählich verschiebt sich der Fokus der Erzählung auf den Priester Jolliffe, selbstverständlich auch ein Bettgenosse Clives. Während das Begräbnis im Hintergrund abläuft reflektiert der Erzähler oder Treacher oder Jolliffe über den Glauben, den Tod und das Schuldzuschieben (S. 44).
Trotz des ernsten Hintergrunds und der brisanten Thematik ist die Erzählung voller Witz und Groteske. Die Demaskierung der Begräbnisteilnehmer und -zeremonie ist köstlich.
Hier eine kurze Szene. Ein Kirchengänger legt sich die Zigartetten zurecht. Eine Nachbarin ermuntert ihn:
„You can smoke,” she whispered.
Her companion shook her head. „I don't think so.”
„I see no signs saying not. Is that one?”
Das stellt sich nur als Bild des Kreuzweges in der Kirche heraus. Die Freundin meint, am Eingang wäre ein Aschenbecher gewesen. Doch dies war das Weihwasserbecken (S. 14).
Die Figur der über achtzigjährigen Miss Wishart (weise und Herz klingen an) belebt: sie lädt sich als vermeintliche Verwandte auf Begräbnisse ein und feiert herzhaft mit. Ein Gipfel der Komik ist freilich dann der junge Carl (S. 57).  Er ergreift das Wort, spricht Clives Homosexualität offen aus, führt seinen Tod auf AIDS zurück (irgend etwas muss schuldig sein!) und regt die Versammlung an über Clives Körper und Sexualleben zu reden (S. 58). Ihm folgt Hopkins, ein Augenzeuge von Peru, der die AIDS-These zurückweist (S. 69). Jetzt fällt vielen Bettbekannschaften ein Stein vom Herzen: er starb also nicht an AIDS. Die Trauergäste greifen zum mobilen Telefon und posaunen alles in die Welt hinaus (S. 77). Sie loben Clive in höchsten Töne, Priester Jolliffe im Tone von Walt Whitman:
„I sing his body, I sing his marble back, his heavy legs, I sing the absence of preliminaries, the curtness of desire” (S. 80: Walt Whitman: „The Female equally with the Male I sing”, in: “One’s Self I Sing”, 1867)
Die Gäste gehen nach Hause und geben ihre sexuelle Enthaltsamkeit auf, viele erproben gleich hinter der Kirche das neue Freiheitsgefühl: das Begräbnis geht in eine Orgie über (S. 84).
Hintergründig, witzig, nur die Anderen, die Reichen und Berühmten betreffend Bennett.
Was will man mehr?
Links
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Alan Bennett: The Laying on of Hands: Stories. Picador USA, 2003. Taschenbuch, 208 SeitenBennett
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Alan Bennett: Laying on of Hands, BBC Radio Collection. Audiogo, 2001. Audiobook. 1 Audio CDBennett
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