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Blixen
Tania Blixen: Babettes Fest
[Babette’s Feast] Zürich: Manesse, 1989. W. E. Süskind, Übs. Gebunden, 85 Seiten
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In zwei mächtigen Zeitsprüngen führt die Autorin zunächst von 1950 (die Novelle Babette’s Feast wurde im Ladies Home Journal 1950 veröffentlicht; sie erschien später innerhalb der Sammlung Isak Dinesen: Anecdotes of Destiny, 1958) 65 Jahre zurück zu zwei älteren Damen Martine und Philippa in einem norwegischen Dorf an einem Fjord lebend. Sie haben ein französisches Dienstmädchen Babette, das einst als Flüchtlingsmädchen zu ihnen kam. Dieser ungewöhnliche Sachverhalt "für zwei pietistische Weibsleute" (S. 7) verlangt eine Erklärung. Diese ist Inhalt der Novelle.
Der zweite Zeitsprung geht zurück auf 1854, als Martine achtzehn Jahre alt ist und ihre Schwester Philippa siebzehn. Ihre Namen führen auf Martin Luther und Philipp Melanchthon zurück. Ihr Vater war Gründer einer pietistischen Sekte. Blixen verstärkt diesen kleinlichen, zurückhaltenden Hintergrund durch die beiden gescheiterten Liebeleien mit dem Offizier Lorens Löwenhjelm und dem Opernsänger Achille Papin. Später stören keine Männerbekanntschaften mehr das Leben der beiden Jungfern. Über ein paar Ecken stößt Babette, französischer Flüchtling, zu ihnen und übernimmt die Rolle der Köchin für Kost und Logis. Den einzigen Luxus, den sich Babette gönnt ist über einen Mittelsmann die Teilnahme an einer Pariser Lotterie. Tatsächlich gewinnt sie dabei und will nun das Essen zum Geburtstag des verstorbenen Sektengründers ausrichten. Widerwillig stimmen Martine und Philippa zu: "Die Damen hatten nie beabsichtigt, überhaupt ein Essen zu geben. Ein karger kalter Imbiß mit einer Tasse Kaffee war die aufwendigste Mahlzeit, zu der sie jemals einen gast gebeten hatten" (S. 36). Babette aber läßt aus Frankreich auffahren.
Geschickt zieht die Autorin die Fäden zwischen den zeitlichen und örtlichen Stationen der Handlung. Babette ist nicht nur mittelloser Flüchtling, sondern hatte in Paris eine herausragende Stellung als Köchin ("das größte kulinarische Genie der Gegenwart", S. 62). Beim Festessen in Berlevaag wird General Löwenhjelm an ein Festessen in Paris erinnert. Sein Tischnachbar dort: Oberst Galliffet (blixen Marquis de Galliffet), der später als General mit blutbefleckten Händen für die Vernichtung von Babettes Familie und ihre Vertreibung sorgte (S. 22).
Vorm Essen hält General Löwenhjelm Lebensbilanz (S. 52ff) und merkt, daß er seinerzeit bei Martine (S. 8 ff) Chancen verspielt hatte. Beim Festessen will er das nachholen, will zeigen, wie weit er es trotzdem gebracht hat.
"Der altgewordene Lorens Löwenhjelm betraf sich bei dem Wunsch, es möchte doch ein kleiner Traum über seinen Weg laufen, und ein kleiner Nachtfalter möchte sich zu ihm verirren, bevor es dunkel würde. Er betraf sich bei der Sehnsucht, das zweite Gesicht zu besitzen, so wie sich ein Blinder nach der normalen Sehkraft sehnt." S. 53
Das Reizvolle ist, daß ihm gezeigt wird, daß man auch im kleinen norwegischen Dorf zu leben versteht.
"General Löwenhjelm stellte das Glas wieder zurück, wandte sich an seinen Nachbarn zur Rechten und sagte: »Aber das ist doch ein Veuve Cliquot 1860?« Der Angesprochene blickte ihn freundlich an, lächelte ihm zu und machte eine Bemerkung über das Wetter."
S. 61
Das Dinner steht seinem erinnerten Mahl, an der Seite des Oberst Galliffet nicht nach. Dafür gibt es auch eine nette Begründung (selbst lesen!). Das Festessen, voran wohl der Wein, läßt die Eingeladenen Rückblick halten, mit "homerischem Gelächter" (blixen Homerisches Gelächter) tauschen sie Kindheitserinnerungen aus. Am Ende des Mahles hat Babette noch zwei faustdicke Überraschungen für ihre Hausfrauen und damit auch Tania Blixen für die Leser.
Reizvoll wäre es Babettes Fest mit Virginia Woolf: Mrs. Dalloway (woolf Rezension) zu vergleichen und die Bezüge zu Edgar Allan Poe (poe Edgar Allan Poe) untersuchen. Tania Blixen wird oft in die Nachfolge von E.T.A. Hoffmann und Poe gestellt. Beim Festmahl wird Amontillado getrunken (S. 58), der Poes ausgezeichneter Erzählung "The Cask of Amontillado" eine wichtige Rolle spielt (Amontillado Amontillado).
Babettes Fest zeigt die seltsame Verbindung zwischen dem Pietismus als einer extremen Form der Askese und den Lüsten des Leibes, hier der Völlerei auf hohem Niveau. Doch steht die Kochkunst stellvertretend für jede Kunst. Achille Papin wollte Philippa zur Sängerin ausbilden. Man kann aber auch in der künstlerischen Diaspora der Kunst huldigen, was Tania Blixen humorvoll schildert. Martine und Philippa pflegten jahrelang die Kunst der Nächstenliebe. Das Fest schließlich stellt die Krönung dar:
"Die eitlen Truggebilde dieser Erde hatten sich vor ihren Augen wie Rauch aufgelöst, und sie hatten das Universum geschaut, wie es wirklich ist. Eine Stunde des Tausendjährigen Reichs war ihnen geschenkt worden." S. 69; blixen Tausendjähriges Reich
Wohl vernehme ich die Botschaft der Autorin. Die radikale Verfolgung des Gedankens durch Babette widerspricht jedoch meinem Naturell. Insgesamt sollte man aber die Kunst und ihre Möglichkeit durch sie das Leben angenehmer zu meistern öfters wahrnehmen, auch wenn es etwas kostet.
Sehr gelungene Kombination einer Novelle mit Aussage, geschrieben mit einem lächelnden Auge.
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Verführungsduett "Là ci darem la mano" ("Reich mir die Hand mein Leben")
Das Verführungsduett aus Don Giovanni ist nicht im zweiten Akt (wie Blixen meint, S. 18), sondern im I. Akt, 9. Szene. (andere Fassung auch: I., 3) Der Titelheld will das Bauernmädchen Zerlina rumkriegen.
Marquis de Gaston Alexandre Auguste Galliffet, Prince de Martignes (1830-1909)
Im Krieg 1870/71 wurde Galliffet zum General befördert, kehrte nach Paris zurück und massakrierte dort die Kommunisten. Seine Grausamkeit wurde ihm lebenslang vorgeworfen. galliffet zurück zum Text
blixenGaston Alexandre Auguste Galliffet
Homerisches Gelächter,
nach Homer (8. Jahrhundert v. Chr. im ionischen Kleinasien); lautes, nicht endendes Lachen Gelächter; Homer schrieb vom »unauslöschlichen Gelächter« (Ilias 1.599) und »ein langes Gelächter erscholl bei den seligen Göttern« (Odyssee 8.326). homer zurück zum Text
Amontillado.
Amontillado ist ein dunkler, vollmundiger, halbtrockener ("medium dry") Sherry.
Erzählung von Poe: AmontilladoThe Cask of Amontillado von 1846. poe zurück zum Text
Tausendjähriges Reich, ursprünglich das Friedensreich nach der Wiederkunft Christi (Chiliasmus) nach Offenbarung 20,1-6; da das offensichtlich nicht eintrat wurden die tausend Jahre im Christentum später nicht mehr wörtlich ausgelegt. Das Ausdruck wurde im Nationalsozialismus wieder aufgegriffen.
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Tania Blixen,
eigentlich Baronin Karen Christence Blixen-Finecke, weitere Pseudonyme: Isak Dinesen, Pierre Andrézel, 17.4.1885 Rungsted (bei Kopenhagen) – 7.9.1962 Rungstedlund (manche Quellen geben für Geburt und Tod denselben Ort: Rungstedlund an); dänische Schriftstellerin, die auch in Englisch veröffentlichte. Sie studierte in Kopenhagen, Paris und Rom Malerei. Nach der Heirat mit dem schwedischen Baron Bror Blixen zog sie 1914 nach Kenia. Sie führten dort eine Kaffeefarm, nach der Scheidung 1921 übernahm Tania Blixen die Farm alleine.
Verfilmung
Babettes Fest: Regie: Gabriel Axel, Dänemark 1987, siehe blixenArte
Links
blixenKaren Blixen/Isak Dinesen
blixenKaren Blixen - Isak Dinesen Information Site
blixenPostcolonial Studies at Emory
blixenBabette's Feast Story by Isak Dinesen; Film by Gabriel Axel
blixenBabette's Feast - Karen Blixen
blixenBabette's Feast
Biografien: blixenDeutsche EnzyklopädieblixenLyrikweltblixenBlixen, Tania
Literatur
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Blixen blixen Karen Blixen: Anecdotes of Destiny. Penguin, 2001. Taschenbuch, 256 Seiten
Blixen   blixen Tania Blixen: Babettes Fest. Zürich: Manesse, 2003. W. E. Süskind, Übs. Gebunden Blixen
Tania Blixen: Schicksalsanekdoten. Reinbek: Rowohlt, 1996 blixen
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