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Pat Barker
Pat Barker: Niemandsland
[Regeneration]. Matthias Fienbork, Übs. München: DTV, 1999. 323 Seiten
Edward Carpenter, Lady Ottoline Morrell, Bertrand Russell

Der Roman Niemandsland startet fulminant mit der Stellungnahme eines Soldaten zum 1. Weltkrieg: "Schluß mit dem Krieg!". Kriegsteilnehmer Siegfried Sassoon veröffentlicht sein Pamphlet im Juli 1917 und wird nicht vor ein Kriegsgericht gestellt, sondern in psychiatrische Behandlung gegeben. Sassoon ist ausgezeichneter Frontoffizier und Öffentlichkeit für seinen Aufruf würde unnötige Diskussionen hervorrufen.
Im schottischen Sanatorium Craiglockhart trifft Sassoon auf zahlreiche seelisch kaputte Frontkämpfer, die mit psychiatrischer Hilfe wieder kriegstauglich gemacht werden sollen. Patient Leutnant Billy Prior freundet sich beim Ausgang mit Sarah an. Sie arbeitet in einer Munitionsfabrik, in der sich die Frauen bei hohem Lohn die Gesundheit ruinieren. Wilfried Owen flüchtet sich ins Gedichte schreiben und wird dabei von Sassoon fachkundig beraten.
Doktor Rivers, Psychologe und Anthropologe, bemüht sich um die Patienten. Gegensätzlich dazu lernt der Leser ziemlich am Ende die schroffere Methode mit Elekroschocks von Doktor Yealland kennen.
Den Personen des Romans liegen echte Lebensläufe zugrunde. Die Autorin erläutert es im Anhang.
In einer Rezension las ich: "Das Motiv der Homosexualität etwa wird in «Niemandsland» mit einer Diskretion umrissen, die in der heutigen Literatur ebenso ungewöhnlich wirkt, wie sie den damaligen repressiven Verhältnissen angemessen ist; allerdings braucht es stellenweise entsprechendes Vorwissen, um die – etwa im Namen von Oscar Wildes Freund Robert Ross – verschlüsselten Hinweise zu dechiffrieren." Richtig. Ich merkte die anscheinend zu dezenten Andeutungen nicht; der Name Robert Ross sagt mir nichts.
Die wenigen Liebesszenen mißglücken der Autorin.
"Ich liebe dich", sagte er.
"Das brauchst du jetzt nicht unbedingt zu sagen."
"Doch Es stimmt."
Sie dachte eine Weile darüber nach. Schließlich holte sie tief Luft und sagte: "Gut. Ich liebe dich auch." (S. 279)
Mich ließ die Lektüre von Niemandsland merkwürdig kalt. Vielleicht bin ich durch die mehrfache Lektüre von Hellers Catch-22 (Joseph Heller Joseph Heller: Catch-22) »verdorben«.
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barker Mir blieb unklar, warum Sassoons Friedensaufruf nicht mittels eines Militärgerichts geheim verhandelt wurde; vielleicht hielt sich Barker hier an historische Begebenheiten. Das ist ein Umstand, der mich historische Romane eher meiden lässt. Der Autor muß sich zu sehr an Tatsachen halten, der Leser kann kaum die Fragen beantworten: was ist wahr, was ist fiktional?
barker Die Dialoge sind oft so unglücklich formuliert, daß ich nicht wußte, wer gerade "am Wort" ist. Die langen Gespräche zum Reimen zwischen Sassoon und Owen sprachen mich nur selten an.
barker Lange grübelte ich, warum der Friedensaktivist Sassoon wieder an die Front in Frankreich will. Der kurze Einwurf "Craiglockhart [das Sanatorium] macht ihm mehr angst als die Front" (S. 87) kann wohl für diesen mir unverständlichen Wunsch nicht maßgeblich sein. Er hat ja seine Position gegen den Krieg keinesfalls geändert. Trotzdem besteht er darauf: "Ich werde mich nicht für den Rest des Krieges hinter einen Schreibtisch setzen lassen, um irgendwelche Formulare auszufüllen" (S. 255). Doch wenn es so ist, warum bleibt er dann noch in Behandlung? Die mögliche Auflösung dieses Rätsels kommt auf Seite 321: "Rivers wußte, obwohl er nie darüber gesprochen hatte, daß Sassoon zurückging, um zu sterben".
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Edward Carpenter beeinflusste Sassoon zum Pazifismus (S. 75). Lady Ottoline Morrell und Bertrand Russell spielen in Niemandsland nur im Hintergrund eine Rolle; sie werden im biografischen Anhang nicht erwähnt. Daher hier meine kleine Ergänzung.
Carpenter, Edward
29. Aug. 1844, Brighton, Sussex, Eng. – 28. Juni 28, 1929, Guildford, Surrey. Schriftsteller und Sozialreformer. Er schrieb zahlreiche Bücher und komponierte den Arbeitersong "England Arise".
Morrell, Lady Ottoline
16. Juni 1873, London – 21. April 1938, Tunbridge Wells, Kent, England. Lady Morrell unterhielt einen berühmten Kreis von Künstlern und Intellektuellen, darunter D.H. Lawrence (Lawrence Mr Noon), Virginia Woolf (Virginia Woolf Mrs. Dalloway), Aldous Huxley und Bertrand Russell (russell Bertrand Russell). Sie heiratete Philip Edward Morrell, Mitglied der Liberalen im Parlament. Ihr Haus in Garsington Manor, Oxfordshire, wurde zur Zuflucht für Kriegsdienstverweigerer im 1. Weltkrieg; beide Morrells waren Pazifisten.
Russell, Bertrand
18. Mai 1872, Trelleck, Monmouthshire, Eng. – 2. Feb. 1970, bei Penrhyndeudraeth, Merioneth, Wales (russell Bertrand Russell). Mit seinen Friedensaktivitäten im 1. Weltkrieg wurden mit einer Strafe von 100 Pfund belegt. Er durfte im Trinity College keine Vorlesungen halten und ging 1918 für sechs Monate ins Gefängnis. Im Gefängnis schrieb Russell die Introduction to Mathematical Philosophy. Russell traf 1910 Lady Ottoline Morrell. Es entwickelte sich eine langjährige Freundschaft.
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Pat Barker Pat BarkerPat Barker: Niemandsland. München: DTV, 1999. Broschiert, 323 Seiten. Matthias Fienbork, Übs. Pat Barker
Pat Barker: Niemandsland. München: Hanser, 1997. Gebunden, 323 Seiten Pat Barker
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Pat Barker
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