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James Sallis: Drive
[deutsch: Driver]. Orlando u.a.: Harvest, 2006. Taschenbuch, 158 Seiten – Sallis LinksSallis Literatur
Hart ist die häufigste Vokabel in den Besprechungen zur deutschen Ausgabe Driver. Da "drive" ein gängiger Anglizismus ist (zumindest so bekannt wie "driver"), so a) wäre der Originaltitel gut übernehmbar gewesen und b) ist "drive" die zweite Haupteigenschaft dieses Thrillers.
Nun mag ich ja Action-Thriller eher nicht, im Kino sind sie mir ein Gräuel. Doch Drive ist ein echter Hammer.
Der Protagonist heißt Driver, man errät es: er ist Berufsfahrer, aber nicht mit Trucks – wie einst Elvis Presley – sondern er fährt Stunts für Hollywood und nimmt auch sonst heikle, da illegale Aufträge an. Driver erwacht in einem Hotelzimmer, hat drei Leichen um sich liegen und einen lädierten Arm. Beim letzten Coup ging etwas schief. In kurzen Kapiteln erfahren wir Leser die Vorgeschichte und die Biografie Drivers.
Beim letzten Coup gab es nicht nur drei Tote, die Beute war mit $ 250.000 so nicht einkalkuliert. Driver weiß, dass er damit nicht glücklich wird. Er will sie ohne lange Faxen den hinterm letzten Auftrag stehenden Gangsterbossen übergeben. Driver bekräftigt den Deal gegenüber Boss Nino am Telefon: "We're professionals. People make deals, they need to stick to them. That's the way it works, if it's going to work at all." Und Nino stimmt zu: "My old man used to say the same thing" (S. 91). Nach ein paar Details der Geldübergabe wird der Deal geschlossen.
Driver: "We have a deal, then?"
Nino: "We have a deal. Within the hour ...?"
Driver: "Right. Just remember what your old man said" (S. 92).
Trotz dieser Erinnerung halten sich die Gangster nicht an die Vereinbarung. Da sieht Driver rot und dreht den Spieß um. Das Motiv des Betrogenen, der sein Recht selbst in die Hand nimmt, ist sattsam bekannt. Sallis reitet darauf nicht herum, sondern läßt Driver die Sache präzis zu Ende bringen.
Auf 158 Seiten erzählt Sallis aus der Position des Drivers eine Story wie der US-amerikanische Film Driver (Sallis Links) aus dem Jahr 1978. Die chronologisch durcheinander gewürfelten Kapitel sind hier nicht postmoderner Kram sondern erhöhen die Spannung und das Lesevergnügen. Man kann sie in etwa zeitlich ordnen, wenn eine der drei Leichen noch lebendig auftritt.
Dabei entpuppt sich Driver als Auto- und Filmfan, der sich schon in seiner Jugend an Thunder Road, den legendären Schnapsbrenner- und Schmugglerfilm mit Robert Mitchum (Sallis Links), orientiert. Trotz seines Jobs und seiner knochenharten Berufsausübung, über der immer der Ganovenehrenkodex waltet, ist Driver den Lesern sympathisch. Das kommt durch seine skizzenhaft beschriebene Kindheit und Jugend und seinem intellektuellen Anstrich. So ist er Jazzfan und obwohl er ansonsten immer cool bleibt, wird er sauer, wenn im Radio (im geklauten Auto – er nennt es ausgeliehen – ) "Jumpin' Jack Flash" von den Rolling Stones kommt (S. 104). Elf Seiten später findet er eine Station mit seiner Musik: Charlie Parker, Lonnie Johnson (sollte jedem bekannt sein: Sallis "Tomorrow Night"), Eric Dolphy und andere (S. 115). Noch intellektueller erweist er sich, als er auch Robert Frost mit "Nothing Gold Can Stay" (S. 85; Sallis Links) und Paul Celan drauf hat: "Es war Erde in ihnen, und sie gruben" (S. 150).
Für mein Lesevergnügen war es förderlich, dass Sallis die Stunt-Szenen nur spärlich einsetzt und seinem gesamten Stil entsprechend knapp beschreibt.
Umso erfreulicher sind Sallis kurze und seltene Abschweifungen wie zur Beschreibung der Grossstadt: "Like most cities, L.A. became a different beast by night" (S. 17), "Anonymity was the thing he loved most about the city, being a part of it and apart from it at the same time" (S. 18). Auch einige Nebenfiguren zeichnet Sallis knapp und trotzdem einprägsam, so die beiden Gangsterbosse und den heruntergekommenen Doc.
Selbst mit 6 Infusionen in der Intensivstation bleibt Doc – einer auf den sich Driver verlassen kann, der aus demselben Holz geschnitzt ist (doch nicht so erfolgreich war) – gelassen: "Back in med school we always said you have six chest tubes, six IVs, it's all over. You got to that point, all the rest's just dancing" (S. 129). Doc war eh immer ein Philosoph: "If in our lives we have one or two of those, one or to bright segments, Doc thought, we're fortunate. Most don't" (S. 95).
Vorausgesetzt man mag den lakonischen Stil und man verträgt die zahlreichen Morde, Überfälle und Hinterhältigkeiten, die ohne jede Anteilnahme für die Opfer geschildert werden, dann ist Drive [Driver] ein rasanter, aufregender Kurzroman. Wenn jemand einer oder mehr der nachfolgenden Vergleichsromane gefallen hat der sollte sofort zugreifen und lesen.
Vergleichsliteratur
Sallis Eric Garcia: Ein brillanter Bluff, [Matchstick Men] - gemeinsam: Witz
Sallis Donald Goines: Daddy Cool - gemeinsam: Kühle
Jack Kerouac: On the Road [deutsch: Unterwegs]
Sallis Carlo Lucarelli: Laura di Rimini - gemeinsam: Tempo
Jim Thompson: The Getaway [deutsch: Getaway]
Links
Meyer28. Deutscher Krimi Preis 2008: Platz 1 international
Rezensionen
sallisTobias Gohlis: "Einsamer Held", Die Zeit 27.9.2007
sallisKarsten Herrmann: "Knallhart und kompromisslos", Titel-Magazin
sallisHinternet
sallisClaus Kerkhoff: "Driver", Rezension auf X-Zine
sallisKrimi-Couch
sallisKolja Mensing: "Auf der Flucht vor dem amerikanischen Traum", Dradio 22.10.2007
sallisGerhard Moser: "Driver. Diesmal ist alles anders", OE1
sallisPerlentaucher
sallispoetenladen

sallisJames Sallis
sallisAn Interview with James Sallis
Filme
sallisDriver, 1978
sallisThunder Road, 1958 – Robert Mitchum: "Ballad of Thunder Road" auf Sallis That Man.

Robert Frost: “Two roads diverged in a wood” – Sallis Robert Frost
––– “Nothing Gold Can Stay”: sallisAlfred R. FergusonsallisDana GioiasallisWikipedia
Literatur
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sallis sallisJames Sallis: Drive. Orlando u.a.: Harvest, 2006.  Taschenbuch: 158 Seiten sallis
James Sallis: Drive. Oldcastle 2007. Taschenbuch, 160 Seiten sallis
sallis sallisJames Sallis: Driver. Liebeskind 2007. Jürgen Bürger, Übs. Gebunden, 160 Seiten
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