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Gallant
Mavis Gallant: The Selected Stories of Mavis Gallant
London, Berlin, New York: Bloomsbury, 2004. Taschenbuch, 887 Seiten – Mavis LinksMavis Literatur
Mavis Gallant (* 11 Aug 1922, Montreal – 18. Februar 2014, Paris) schrieb Romane und viele Kurzgeschichten, die überwiegend zuerst in The New Yorker erschienen sind. Sie wird von Kritikern und Autor(inn)en hoch gelobt ist aber – wenn ich es richtig überblicke – beim breiten Publikum unbekannt. Zum Teil liegt es an ihrem eigenwilligen Stil.
Sie gehört zu den vielen nordamerikanischen Künstlern, die für immer oder für viele Jahre nach Paris oder Frankreich zogen: Chester Himes, Scott F. Fitzgerald, Richard Wright, Sidney Bechet, Dexter Gordon, ...
Vergleiche sind oft mit Vorsicht zu behandeln, was Wahres ist aber daran am Vergleich der beiden großen kanadischen Kurzgeschichtenerzählerinnen Mavis Gallant und Alice Munro:
„Mavis Gallant uses a telescope to Alice Munro’s microscope; she gives you wide panoramic views of European capitals.”
J.S. Porter: On Going to Hear Mavis Gallant, The Hamilton Spectator, September 3, 1999
Mavis Gallant scheint mehr eine Favorit unter anderen Autoren zu sein, nicht so sehr bei den Lesern:
Obwohl Mavis Gallant seit Jahrzehnten in Paris lebt beherrscht sie die englische Sprache ausgezeichnet. Wortreich gestaltet sie in ihren Geschichten Personen und Momente. Während man beim Lesen noch meint, das ist aber eine lange Einleitung, ist man schon mittendrin. Man muss enorm aufpassen um Gallants elegante zeitlichen Sprünge nicht zu verpassen. Man ist geneigt sie als nicht so wichtig flüchtig zu bemerken und in Wirklichkeit ist das schon die Story, man ist mittendrin und es ereignet sich – entgegen dem oberflächlichen Eindruck – sehr viel.
Preface
The Thirties and Forties
The Moslem Wife 1976
The Four Seasons 1975
The Fenton Child 1993
The Fifties
The Other Paris 1953
Across the Bridge 1993
The Latehomecomer 1974
Señor Pinedo 1954
By the Sea 1954
When We Were Nearly Young 1960
The Ice Wagon Going Down the Street 1963
The Remission 1979
The Sixties
The Captive Niece 1969
Questions and Answers 1966
Ernst in Civilian Clothes 1963
An Unmarried Man’s Summer 1963
April Fish 1968
In Transit 1965
O Lasting Peace 1972
Ann Alien Flower 1972
The End of the World 1967
New Year’s Eve 1970
The Seventies
In the Tunnel 1971
Irina 1974
Potter 1975
Baum, Gabriel, 1935-( ) 1979
Speck’s Idea 1979
From the Fifteenth District 1978
The Pegnitz Junction 1973
The Eighties and Nineties
Luc and His Father 1982
Overhead in a Balloon 1984
Kingdom Come 1986
Forain 1991
A State of Affairs 1991
Mille Dias de Corta 1992
Scarves, Beads, Sandals 1995
Linnet Muir
The Doctor 1977
Voices Lost in Snow 1976
In Youth Is Pleasure 1975
Between Zero and One 1975
Varieties of Exile 1976
The Carette Sisters
1933 1985/8
The Chosen Husband 1985
From Cloud To Cloud 1985
Florida 1985
Edouard, Juliette, Lena
A recollection 1983
The Colonel’s Child 1983
Rue de Lille 1983
Lena 1983
Henri Grippes
A Painful Affair 1981
A Flying Start 1982
Grippes and Poche 1982
In Plain Sight 1993
The Moslem Wife 1976
Jack und Netta Asher, verheiratet, obwohl Cousinen, führen ein Hotel im Süden Frankreichs an der Riviera. Sie gehören zu einer eingewanderten Hotel-Dynastie. Während ich noch glaubte die einführende Beschreibung zu lesen breitete sich bereits das Leben des Familienclans aus. Netta wurde von einem befreundeten englischen Doktor (der ihr zeitlebens nachstellte) "the little Moslem wife" (S. 9) genannt. Warum und warum das zum Titel der Story wurde ist mir unklar.
Netta hat die Trennung von Jack zu überstehen und muss außerdem das Hotel durch die Wirrnisse des Zweiten Weltkriegs lotsen.
In einer Kurzgeschichte gelingt hier die Verbindung einer psychologischen Ehestudie mit einem Kurzroman über Südfrankreich unter verschiedenen Besatzern. Noch vom Wiedersehensgespräch zwischen Jack und Netta heißt es: “Neither could quite hear what the other had to say. They were partially deaf to each other” (S. 34).
The Latehomecomer 1974
Ein Spätheimkehrer aus Gefangenschaft in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg nach Westdeutschland ist dort ein Fremdkörper. Sein ganzes Erscheinen, sein Körper und seine Leiden zeugen vom Krieg, doch die Heimgebliebenen wollen davon nichts wissen. Die psychologische und politische Aufarbeitung des Nazi-Debakels hinkt dem wirtschaftlichen Aufschwung hinterher. Die Nazizeit ist den Deutschen unmittelbar nach Kriegsende und auch noch in den Fünfzigern (Thomas Bestermann ist ein Spätheimkehrer in den frühen Fünfzigern) eine ferne Zeit, an die sich nicht zurück erinnern wollen. Wie in Draußen vor der Tür von Wolfgang Borchert empfindet sich auch Thomas als draußen. Bestermann war mal bester Mann: bei Kriegsende war er noch ziemlich jung. Durch bürokratischen Kram verbrachte er länger als nötig in Gefangenschaft.
"The Latehomecomer" ist eine erstaunliche Studie deutscher Verhältnisse für eine Autorin, die erst 1950 nach Frankreich auswanderte.
When We Were Nearly Young 1960
Eine Frau blickt auf ihre jungen Jahre zurück. Zusammen mit drei einheimischen jungen Leuten (alle vier in ihren Zwanzigern) warten sie in Madrid der 50-er Jahre des 20. Jhdts. auf Geld oder dass etwas passiert. Nicht nur die Umgebung erinnert an Ernest Hemingway. Gallant fängt im lakonischen Ton den Übergang zwischen Jugend und Erwachsensein ein. Was sich damals als bedeutender, hoffnungsvoller Übergang darstellte verblasst in der Erinnerung der Ich-Erzählerin. War also doch nicht so wichtig, wie die Vier es damals meinten.
From the Fifteenth District 1978
Es kostete mich etwas Überwindung zu akzeptieren, dass sich hier Geister aus dem Jenseits beschweren. Sie fühlen sich auch nach dem Tode noch ungerecht oder unwürdig behandelt und sozusagen von den Lebenden heimgesucht (statt – wie in Gespenstergeschichten üblich – umgekehrt). Wenn man das weggesteckt hat liest man eine amüsante dreiteilige Story. Wer sich über einen Toten denkt, der kann sich eh nicht mehr wehren oder, ihm schadet ja nichts und mir hilft's, wird hier zumindest fiktional eines anderen belehrt. Und: da solche Beschwerden aus dem Jenseits noch nie vorkamen ist das ein sehr starker Beleg dafür, dass es das Jenseits so nicht gibt.
"From the Fifteenth District" ist die Titelgeschichte der 1979 erschienen Sammlung von Kurzgeschichten Gallants.
The Pegnitz Junction 1973
Brandt, Di (2004): „Fascists, Mothers and Provisional Others in Mavis Gallant's The Pegnitz Junction”. In: Gunnars 2004. S. 29-48
Hatch, Ronald (1986): „Narrative Development in the Canadian Historical Novel”. Canadian Literature 110, S. 79-96.  „The Pegnitz Junction”: S. 90-92.
Wilkshire, Claire (1997): „Narrative Modulations in Mavis Gallant's »The Pegnitz Junction«”. In: Analysing voice in the contemporary Canadian short story. Diss. University of British Columbia, Vancouver, Kanada. S. 129–188
Voices Lost in Snow 1976
»Voices Lost in Snow« gehört zu den sechs Stories im Linnet Muir Zyklus, die besonders autobiographisch fundiert sind. Alle handeln sie von Linnet Muir, der titelgebenden weiblichen Figur. In »Voices Lost in Snow« ist Linnet noch sehr jung.
Neben Mutter. Vater und Onkel Raoul werden der Reihe nach 3 Geburtspat(inn)en kurz charakterisiert. Im Hause selbst gibt die Grossmutter den Ton an. Im Mittelpunkt der Handlung stehen Besuche der kleinen Linnet mit ihrem Vater bei der Patin Georgie Henderson. Was es damit auf sich hat kann der Leser nur vermuten. Diese Story würde sich gut in James Joyce: Dubliners einfügen. Sie ist ein Studie der Konventionen im bürgerlichen Haus nach 1920. Der Ton hat sich bis heute geändert, aber die Verbote und ihre fadenscheinigen Begründungen nicht.
Es passiert einiges, trotzdem ist keine eigentliche Handlung erkennbar. Trotzdem verfolgt man die wenigen Absätze gebannt.
Sampson, Denis (2004): „Mavis Gallant’s »Voices Lost in Snow«: The Origins of Fiction”. Journal of the Short Story in English 42, S. 135-145.

Links
Mavis Mavis Gallant
GallantLisa Allardice: "A life in books: Mavis Gallant - »I felt that the only thing I was on earth to do was to write«". The Guardian, 21 November 2009
GallantSteven W. Beattie: “The Latehomecomer” by Mavis Gallant, May 19, 2010
GallantRandy Boyagoda: In Paris with Mavis Gallant, Writer. The Walrus, July/August 2007
GallantJim Breslin: Mavis Gallant Short Story: A Review, August 26, 2011
GallantContradicting Views of Heaven in "From the Fifteenth District"
GallantGoodreads: Paris Stories by Mavis Gallant, Michael Ondaatje (Introduction)
GallantMavis Gallant, Interviewed by Daphne KalotayThe Paris Review, The Art of Fiction No. 160
Gallant Kurzgeschichtenanthologien, Kurzgeschichtensammlungen und Besprechungen dazu
GallantHermione Lee: "Lost in transit - Hermione Lee delights in Mavis Gallant's acutely observed stories about people on the edge of society".  The Guardian, 6 March 2004
GallantLemon Hound: Mavis Gallant, Montreal Stories, June 22, 2009
GallantJ.S. Porter: On Going to Hear Mavis Gallant, The Hamilton Spectator, September 3, 1999
GallantKaren Vanuska: Second Glance: The Wit and Woe of Mavis Gallant
Literatur
Allen, Brooke (1996): “Brownout in the City of Light - Review of The Collected Stories of Mavis Gallant”. The New Criterion.
Besner, Neil K. (1988): The Light of Imagination: Mavis Gallant's Fiction. University of British
Columbia,.
Boucherie, Marijke (2008): “Painting what is not there: vision and narrative in Mavis Gallant’s story »The Doctor«”. Anglo-saxónica 2:26, S. 71-87.
Collinge, Linda, Emmanuel Vernadakis (2003): “Louis De Bernieres b. 1954 - Mavis Gallant - David Madden”. Journal of the Short Story in English 41, S. 233-242.
Condé, Mary (1999): “»Pichipoi« in Mavis Gallant’s »Malcolm and Bea«”. Journal of the Short Story in English 32, S. 2-7.
Condé, Mary (2001): “Mavis Gallant and the Politics of Cruelty”. The Yearbook of English Studies 31, S. 168-181.
Gunnars, Kristjana, Hg. (2004): Transient Questions: New Essays on Mavis Gallant. Editions Rodopi
Martens, Debra Kay (1986): “Continuity and discontinuity in the short fiction of Mavis Gallant”. Diss. McGill University, Montreal. – Gallantonline
Ondaatje, Michael (2002): “Introduction. Paris Stories - Mavis Gallant”. Paris Stories. New York: New York Review of Books, S. v-x.
Schaub, Danielle (1992): “»Small Lives of Their Own Creation«: Mavis Gallant’s Perception of Canadian Culture”. Critique 34:1, S. 33-46.
Schenk, Leslie (1998): “Celebrating Mavis Gallant”. World Literature Today 72:1, S. 18-26.
Shanefield, Irene Deborah (1977): “Alienation : the dilemma of the individual in the modern world as portrayed in the fiction of Mavis Gallant”. Diss. McGill University, Montreal.
Somacarrera, Pilar (2000): „Genre transgression and auto/biography in Mavis Gallant’s “When we were nearly young””. Journal of the Short Story in English 35, S. 69-84. – Gallantonline
Wilkshire, Claire (1997): Analysing voice in the contemporary Canadian short story. Diss. University of British Columbia, Vancouver, Kanada. – Gallantonline
Wolf, Doris (2011): “Beyond Repression: German Women’s War History and Hysteria in Mavis Gallant’s »O Lasting Peace« and »An Alien Flower«”. Contemporary Women’s Writing 5:1, S. 1-17.
Anmerkung zu den Buchausgaben
Wem die Stories gut gefallen hätte sie gern in Hardcover. Das Hardcover ist aber derzeit (11/2011) nur antiquarisch erhältlich. So sollte man sich gleich auf die umfassende Taschenbuchausgabe von Bloomsbury 2004 (neueste Story ist von 1995) stürzen oder die von McClelland & Stewart. Diese sollte nach Titel und Seitenzahl geurteilt dieselben Stories enthalten.
Deutsche Ausgaben gibt es nur sehr selektiv und derzeit (11/2011) nur antiquarisch.
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Gallant GallantMavis Gallant: The Selected Stories of Mavis Gallant. London, Berlin, New York: Bloomsbury, 2004. Taschenbuch, 887 Seiten Gallant
Mavis Gallant: The Cost of Living: Early and Uncollected Stories. Jhumpa Lahiri (Einleitung). New York: New York Review Books Classics, 2009. Taschenbuch, 368 Seiten Gallant
Gallant GallantMavis Gallant: The Selected Stories of Mavis Gallant. McClelland & Stewart, 1997. Taschenbuch, 912 Seiten Gallant
Mavis Gallant: Paris Stories. Michael Ondaatje (Einleitung). New York: New York Review Books Classics, 2002. Taschenbuch, 400 Seiten Gallant
Gallant GallantMavis Gallant: Montreal Stories. Russell Banks, Hg. McClelland & Stewart, 2004. Taschenbuch, 344 Seiten Montreal
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Mavis Gallant: Montreal Stories. Unabridged audio book edition. Narrated by Margot DionneGallant
Besner GallantNeil K. Besner: The Light of Imagination: Mavis Gallant's Fiction. University of British Columbia,  1988. Gebunden, 200 Seiten
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