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Munro
Alice Munro: Too Much Happiness
London: Vintage, 2010. Taschenbuch, 303 Seiten – Alice LinksAlice Literatur
Dieser Kurzgeschichtenband der grossen kanadischen Erzählerin enthält:
Dimensions
Fiction
Wenlock Edge
Deep-Holes
Free Radicals
Face
Some Women
Child’s Play
Wood
Too Much Happiness
Dimensions
Der Einstieg in diesen Short Story Band präsentiert mit Dimensions gleich eine typische Munro-Geschichte.
Wir begleiten eine sehr junge Frau Doree (die trotzdem schon Mutter von drei Kindern ist) auf einer langen Busfahrt (ich vermute stark, mit der Ortsangabe London ist London, Ontario, Kanada gemeint). Allmählich lichtet sich für die Leser die Vergangenheit.
Doree und Lloyd lernten sich im Krankenhau kennen, heirateten und es kamen drei Kinder dazu. Doch Lloyd ändert sich innerhalb kurzer Zeit, oder Doree und die Leser haben seine wahre Art vorher nicht gemerkt.
Es geht jedenfalls um die Dominanz des Mannes in der jungen Ehe. Er will Doree kontrollieren. Da stellt die Autorin – ganz typisch für sie – Doree eine selbständige, emanzipierte Ehefrau Maggie zur Seite. Die Katastrophe bahnt sich an. Ähnlich wie in der Story "Runaway" stellt sich die Frage: sind die Ehebande so stark, dass sie auch weiter binden? Doree befindet,
• „No matter how worn out she got with him, he was still the closest person in the worl to her, and she felt that everything would collapse if she were to bring herself to tell someone exactly how he was, if she were to be entirely disloyal“ (S. 14).
• „she was put on earth for no reason other than to be with him and try to understand him“ (S. 29). Das klingt arg biblisch und erzkatholisch.
Nach der Katastrophe muss Doree ihren Lebensinhalt finden, sie muss ihrem Leben neuen Atem geben und sie tut es ziemlich wörtlich bei einem Verkehrunfall am Ende der Story.
Länger über den Titel der Geschichte zu räsonieren würde zuviel preisgeben. Nur die Frage: Leben wir nicht alle in anderen Dimensionen?
Hervorragender Einstieg in den Band!
„Know thyself“ (S. 22) – „To Thy Own Self Be True“ (S. 23)
Diese beiden Phrasen ordnet Lloyd eine vermutlichen biblischen Ursprung zu. Da liegt er falsch.
• „Know thyself“ stand am Tempel des Apollo in Delphi und ist damit antiken griechischen Ursprungs.
• „To Thy Own Self Be True“ stammt aus „This above all: to thine own self be true“ von Polonius, Wilhelm Shakespeare: Hamlet I, 3, 78-82
Gekettet an London, am Ende befreit
Gleich zu Beginn steigen die Leser mit Doree in den Bus nach London, Ontario. Doree ist noch an Lloyd gekettet, sie erhält – wie sie es öfters betont (z.B. „what was she here for if not at least to listen to him“, S. 28) – ihren Lebensodem von ihm. In der letzten Szene beatmet sie das Verkehrsopfer und wiederbelebt es. Daher kann sie ganz am Ende auf die Frage „You don't have to get to London?“ mit einem eindeutigen „No“ antworten.
Eine stimmige Reprise, siehe Das Ende der Kurzgeschichte als Echo des Anfangs, unter Alice Links.
Fiction
Joyce und Jon führen ein normales Leben in Rough River: sie essen zusammen und trinken eigen gemachten Wein. Auf drei Seiten erfahren wir ihre Situation und ihr bisheriges Leben. Selbst als die Hilfskraft Edie eingeführt wird, ahnte ich nichts. Als Munro-Leser hätte es besser wissen müssen: binnen weniger Absätze zerbricht die Ehe. Jon bleibt mit Edie, einer einfältigen, vorurteilsreichen Person (Ex-Prostituierte?) zurück. Ein letzter Versuch bei einem Konzert (die Tochter Edies, von der privaten Musiklehrerin Joyce unterrichtet, nimmt teil) scheitert. Joyces „life gone. A commonplace calamity“, S. 40.
Doch der längere zweite Teil folgt. Joyce ist mit Matt verheiratet, der mit einer grossen Party seinen 65. Geburtstag feiert. Joyce wird auf eine junge Frau aufmerksam, die ihr bekannt vorkommt. Sie erfährt, dass es die lokal gefeierte Autorin eines autobiografischen Buchs ist. Sie liest die Kurzgeschichtensammlung und merkt, dass es auch von ihr selbst handelt. Die Autorin scheint die Tocher Edies zu sein. Bei einer Autogrammstunde will sie das Wiedererkennen bei der Autorin provoziern. Doch diese bleibt geschäftigt, erkennt Joyce nicht mal als Gastgeberin der Party wieder.
An einer Stelle im zweiten Teil meinte ich, die Munro überzieht hier: immer neue Personen, neue "points of view", keine Richtung erkennbar. Die selten thematisierte Erfahrung Joyces: Freude über Wiedersehen nach Jahren wird vom anderen nicht geteilt, versöhnte aber. So ziemlich jeder kann davon berichten.
Den entscheidenden Hinweis gibt der Storytitel: Fiktion. Joyce Erinnerung ist eine völlig andere als die der erwachsenen gewordenen Musikschülerin. Für die Autorin (die fiktive in der Story) war der Verkauf ihres Buches wichtig, etwaige Erinnerungen an die Kindheit nebensächlich. Joyce sieht es am Ende ähnlich und tröstet sich, dass alles Geschehene eine nette Geschichte ergibt, die sie später mal erzählen kann.
Munro ist sich nicht zu schade an der – für den Leser eher unsympathischen – Autorin in der Story über sich selbst zu reflektieren. Joyce kauft das Buch: „A collection of short stories, not a novel. This in itself is a disappointment. It seems to diminish the book’s authority, making the author seem like somebody who is just hanging on to the gates of Literature, rather than safely settled inside.“, S. 49-50.
Wenlock EdgeThe New Yorker, Dec 5, 2005
Die Ich-Erzählerin studiert Englisch und Philosophie und beurteilt andere anhand deren Lektüre oder dem Verhalten dazu. Als ihr entfernter Verwandter Ernie erklärt, er liest gerne Seriöses, stuft sie das bei ihm als die Buchkondensate von Reader's Digest ein (S. 63). Von ihren studierenden Wohnungsnachbarn ist sie enttäuscht: „Kay and Beverly were a disappointment to me. They worked hard at Modern Languages, but their conversation and preoccupations seemed hardly different from those of girls who worked in banks or offices.“ (S. 64) Wer Sprachen oder Literatur studiert sollte sich nicht, wie andere, am Samstag ins übliche Treiben stürzen.
Die Story grenzt ans Groteske, als die Ich-Erzählerin vom Gönner Mr. Purvis zum Dinner eingeladen wird und sich letztendlich selbst ins übliche Treiben stürzt. Die Gehilfin Mrs. Winter fordert sie auf sich zu entkleiden. Als sie zögert meint Mrs,, Winter abschätzig: “So you’re just a bookworm. That’s all you are.” (The New Yorker; in der Buchversion der Story gestrichen). Das fordert sie heraus und sie legt tatsächlich alles ab bevor sie Mr. Purvis gegenüber tritt. Anstelle von Nina tritt sie nackt dem Voyeur Mr. Purvis gegenüber. Vielleicht erfordert ihr Stolz, dass es der Bücherwurm mindestens so gut kann wie die lebenslustige Nina.
Mrs. Winter Abschätzung wurde in der Buchversion der Story geändert in: „Do you think you're made any different from the rest of us? You tink I haven't seen all you got before now?“ (S. 75)
Der intellektuellen, Literatur beflissenen Erzählerin wird die lebenshungrige, aber etwas naive Nina entgegen gestellt. Mit 21 Jahren hat sie bereits drei Kinder. Beide ändern am Ende ihre Einstellung. Nina verläßt Ernie und der nimmt es gelassen. Und die Ich-Erzählerin verliert ihr Selbstvertrauen in das akademische Leben. Stipendien und Essays schreiben ist doch nicht alles (S. 90). Zuletzt schreibt sie Mr. Purvis und nennt ihm Ernies Telefonnummer. Ob es wegen Nina ist (die Mr. Purvis suchen läßt; die aber zu dieser Zeit nicht mehr bei Ernie ist) oder wegen ihr selbst (eben weil sie weiß, dass Nina nicht mehr dort ist), bleibt unklar.
Wenlock Edge
Munronear Much Wenlock, Shropshire, England
Munro"On Wenlock Edge the wood's in trouble..." by A. E. Housman (1859-1936)
Munro"Wenlock Edge", The New Yorker, Dec. 5, 2005
MunroReading the Short Story: Alice Munro, "Wenlock Edge" and Metafiction, Feb. 16,2009
Joanna Luft (2010): "Boxed In: Alice Munro’s “Wenlock Edge” and Sir Gawain and the Green Knight". Studies in Canadian Literature 35:1
Deep-HolesThe New Yorker, June 30, 2008
Alice Munro variert eines ihrer Lieblingsthemen: Jemand – diesmal der junge Mann Kent – rennt von zu Hause weg und verschwindet nahezu.
Die Story "Deep-Holes" startet aber mit der ausführlichen Beschreibung eines Picknicks der Familie des Geologen Alex. Dabei fällt der Junge Kent in ein Loch, sein Vater Alex rettet ihn, weist aber die Zuneigung des Jungen von sich: “Ich hätte jeden gerettet”. Munro spart die Absonderung Kents aus. Nach Jahren sieht ihn seine Schwester Savanna im Fernsehen als Retter bei einem Brand in Toronto. In ihm spiegelt sich der Vater, der es aber die väterliche Wärme  missen ließ.
Sally die Mutter sucht ihn schließlich auf und findet ihn in einer Wohnsituation, die man als Loch bezeichnen kann. Kent ist das ob seiner besonderen mönchischen, einsiedlerhaften Lebenseinstellung egal. Seine Lebensferne (religös abgedriftet?) und Jesus-Ähnlichkeit erinnert Sally an die herzlose Frage Jesus gegenüber Maria „Woman, what have I to do with thee?” (S. 114; „Was willst du von mir, Frau?”, Joh 2,4).
Sally wäre keine Mutter, wenn sie am Ende der Story nicht Hoffnung hegte. Sie will Kent einen Scheck ausschreiben, doch die richtige Höhe ist problematisch.
Wie schon in den drei zusammenhängenden Stories "Chance", "Soon", und "Silence" aus Runaway kämpft hier eine Mutter um ihr Kind. Kent wurde vom Vater kühl wie dessen Steine (Geologe!) behandelt, kam ohne Familienkontakt in alles Heil und Glück versprechende Kreise bis er seine Mutter zurückweisen kann: „Since I realized this I've been happy” (S. 113).
Die Unterschiedlichkeit von Alex (Wissenschaftler) und Sally deutet Munor in Kleinigkeiten an, am deutlichsten wohl in durch eine Karte Kents aus Needles, California. Er schreibt, dass sie ihn nicht suchen sollen, da er überall nur Durchreisender ist, wie Blanche. Bei Alex fällt da kein Groschen, bei Sally kann man es vermuten. Blanche DuBois meintt in Tennessee Williams: A Streetcar Named Desire: „Please don't get up. I'm only passing through”.
Munro"Deep-Holes", The New Yorker, June 30, 2008
MunroThe New Yorker: "Deep-holes" by Alice Munro, Besprechung im Blog
"Chance", "Soon", "Silence" in: Alice Alice Munro: Runaway
Alice Tennessee Williams: A Streetcar Named Desire
Free RadicalsThe New Yorker Feb. 11, 2008
Nita (62 Jahre) bekam die Diagnose unheilbaren Krebs, dann verunglückt ihr Mann Rich (81 Jahre) tragisch. Sechs Seiten lang kreist die Story um diese beiden Sachverhalte. Munro wie üblich? Nein, da tritt ein junger Mann an ihre Tür und überprüft den Verteilerkasten im Keller. Mir schwante noch nichts, und doch hätte ich stutzig werden müssen. Ganz allmählich gleitet die Geschichte in eine Gangsterstory über. Bilder und Ideen aus Flannery O’Connor: "A Good Man Is Hard to Find" tauchen auf. 
Wie man es von Alice Munro gewohnt ist, bleibt vieles offen. Man darf spekulieren:
• Hat Nita den Mann in den Tod getrieben oder gar aktiv umgelegt (sie serviert ihm Tee und Wein)?
• Ist die Story, die Nita dem Eindringling erzählt geflunkert?
Meine Antwort auf die erste Frage ist nein. Allenfalls kann man belegen, dass die Flasche Wein nahezu leer war. Der Fahrer war wohl akoholisiert. Meine Antwort auf die erste Frage ist ja. Nita ist ein Mehrfach-Leser, genannt werden “The Brothers Karamazov”,”The Mill on the Floss”, “The Wings of the Dove”, “The Magic Mountain” (S. 122). Sie ist mit Fiktion vertraut und wird durch die Bekenntnisse des Mannes und um aus ihrer besonderen Situation zu gelangen, bewogen eine annähernd gleiche Lebensepisode preiszugeben. Das Geschichtenerzählen rettet sie. Ich vermute, dass der Mehrfachmörder deshalb von ihr ablässt und sich mit dem Fluchtauto zufriden gibt. Das mysteriöse wird verstärkt durch Nitas Meldung an Bett (1. Frau von Rich): “Dear Bett. Rich is dead and I have saved my life by becoming you” (S. 136). Dazu passt in der erzählten Räuberpistole Nitas, dass Rich und Nita fast zwanzig Jahre Altersabstand haben.
Was mir noch inhaltlich imponierte: kurz überlegt Nita, ob sie überhaupt in Gefahr ist. Kann jemand mit Krebs im forgeschrittenen Stadium noch geschreckt werden? Ihre Lebensgeister etzen sich durch und wir lesen eine spannende Story.
Alice Flannery O’Connor: "A Good Man Is Hard to Find"
MunroFree Radicals, The New Yorker, Feb. 11, 2008
MunroThe New Yorker: "Free Radicals" by Alice Munro, Besprechung im Blog
MunroFree Radicals by Alice Munro, Besprechung im Blog
Patricia Demers (2007): "Structure and Serendipity". English Studies in Canada 33:1-2, S. 17-22
FaceThe New Yorker Sept. 8, 2008
Ein männlicher Ich-Erzähler blickt zurück auf seine Bezeihung zu seinem Vater und zu Nancy. Er hat sein Geburt eine Art Feuermal, ziemlich groß, auf einer Gesichtshälfte. Es bleibt unklar: hat sich hier die Gemeinheit des Vaters auf den Sohn verkörperlicht übertragen oder mag der Vater den Sohn nicht, wegen des entstellenden Mals. Beide Interpretationen läßt die Eingangssequenz offen.
Zum Nachbarskind Nancy entwickelt der Ich-Erzähler eine Art Verwandtschaft, die sie entzweit aber auch verbindet.
Am Ende verweist Alice Munro den Leser auf ein Gedicht von Walter de la Mare, das ausführlich zitiert wird. Es handelt sich um "Away", das so beginnt:
“There is no sorrow
Time heals never;
No loss, betrayal,
Beyond repair.”
Grosse Teile aus seinem Leben erzählt der Ich-Erzähler sehr distanziert. Ich war im Unklaren, wohin diese Lebensbeschreibung führt. Erst der Höhe- und Wendepunkt mit Nancy wird zupackend geschildert. Da war meine Bezug zur Story aber schon sehr unterkühlt.
MunroFace, The New Yorker, Sept. 8, 2008
MunroThe New Yorker: "Face" by Alice Munro, Besprechung im Blog
MunroUlrica Skagert: "“Face” by Alice Munro", Sept. 17, 2008
Some WomenThe New Yorker Dec. 22, 2008
Nach dem für mich eher enttäuschenden "Face" war ich froh Munro, dass "Some Women" wieder den umwerfenden Munro-Sound hat: weder geht ihr der Faden aus, noch bin ich Munro-übersättigt.
Eine alte Frau erinnert sich an ihren Ferienjob als 13-Jährige. Sie hilft im Haushalt der Crozier:
• Old Mrs. Crozier (Dorothy)
• Young Mr. Crozier (Bruce)
• Young Mrs. Crozier (Sylvia)
Die Ich-Erzählerin ohne Namen wurde eingestellt (während Sylvia weg war; eine Munro-typische Nebenbemerkung, die schon früh in der Story Licht auf die besondere Beziehungen zwischen den Croziers wirft) um den an Leukämie erkrankten Bruce zu unterstützen.
• Doch da kommt Roxanne, Masseurin für Old Mrs. Crozier, ins Haus. Sie mischt sich auch in andere Angelegenheiten ein. Mit Mr. Crozier spielt sie Halma. Ihre Einfalt offenbarte sich, als Bruce ihr sagte, dass Roxanne die Frau von Alexander dem Grossen war.
“Is that so?” said Roxanne. “And who was that supposed to be? Great Alexander?” (S. 174).
• Mit der Mutter und Grossmutter der Erzählerin – Randfiguren, doch von einiger Bedeutung – wird das Sextett an Frauen vervollständigt.
Während sich als Roxanne in die Familie schiebt erbringt Bruce einen Vertrauensbeweis für seine Frau. Ob damit ausgedrückt wird, dass Roxanne die Konkurrentin Sylvias war, bleibt mir unklar.
Neben den persönlichen Spannungen thematisiert die Story wieder einmal grossartig das Erinnern.
Gleich im ersten Satz wird kundgetan, dass die Erzählerin ziemlich alt ist.
“I am amazed sometimes to think how old I am.” (S. 164) Sie manifestiert es im unmittelbar folgenden nostalgischen Rückblick (zwei Teilsätze) und einem Hammer (dritter Teilsatz) der die Nostalgie zerfetzt. In der guten alten Zeit bekam man Kinderlähmung und Leukämie und konnte wenig dagegen tun. Der Rest der Story ist die Erinnerung an den Ferinejob im Haus der Crozier. Bis auf die beiden letzten Absätzen.
Der vorletzte Absatz ist eine – für mich undurchschaubare – Reflexion. Im letzten Absatz liest man im Schnelldurchgang die weitere Lebensläufe der Protagonisten. Das schließt mit einer eleganten, aber denkbar knappen Reprise des ersten Satzes: “I grew up, and old.” (S. 187)
Siehe dazu Das Ende der Kurzgeschichte als Echo des Anfangs, unter Alice Links.
Noch zwei Anmerkungen zu Roxanne:
• Sie fällt ins Haus und fragt als Allererstes die 13-Jährige: “Holy Toledo. Who are you?” (S. 169) Der Ausdruck “Holy Toledo” kam mir zuerst beim Gangsterroman Nobody Move von Denis Johnson unter. Ich fand damals heraus: “Ausdruck des äußersten Erstaunens: "A phrase coined by gangsters and bootleggers in the 1920's"”.
• Im schon erwähnten "wrap up" Absatz am Ende der Story wird mitgeteilt, dass Roxanne aus einer Monteursfamilie stammte, die wieder – wie bei denen üblich – weitergezogen war (S. 187).
Einige Frauen, ihre Rollen und Beziehungen aus der Sicht einer 13-Jährigen sind ein Hauptthema der Story. Alle Charaktere sind prächtig markiert. Die Erzählerin beobachtet und lernt einiges über die zwischenmenschlichen Konventionen. Roxanne durchschaut sie schnell als kokette Schwätzerin und bemerkt: “I began to understand that there were certain talkers—certain girls—whom people liked to listen to, not because of what they, the girls, had to say but because of the delight they took in saying it. A delight in themselves, a shine on their faces, a conviction that whatever they were telling was remarkable and that they themselves could not help but give pleasure.” (S. 176-177)
Eine der besten Stories von Alice Munro. Ich bin begeistert.
MunroShe breaks the rules! A. Munro and “Some Women”, April 9, 2009 by wellcraftedtoo
Jacob Russell: Some Women, by Alice Munro – MunroPart 1 / MunroPart 2
MunroSome Women, The New Yorker, Dec. 22, 2008
MunroThe New Yorker: "Some Women" by Alice Munro, Besprechung im Blog
MunroRoxane, Frau von Alexander dem Grossen
Alice Denis Johnson: Nobody Move
Child's PlayHarper's Feb. 2007
Nach der Lektüre kommt es gelegentlich vor, dass man sich vornimmt: Das liest Du nochmals, bei Romane eher als bei Kurzgeschichten. "Child's Play" las ich einen Tag später ein zweites Mal. Zu gross war die Verstörung und Frage: Habe ich alles richtig mitgekriegt? Bei "Child's Play" erwartet man von der Munro mehr als Kinderspiele, aber was hier auf 36 Seiten abläuft ist ungeheuerlich.
Wie in "Face" geht es um Kindheitserfahrungen im Rückblick einer erwachsenen Frau, hier Marlene. Doch packte mich "Child's Play" stärker, mehr Motive werden verwoben und zu einer "Gothic tale" à la Shirley Jackson (Alice Links).
• Marlene und Charlene (neune oder zehn Jahre als) pflegen eine besondere Kinderfreundschaft
• Verna ist ein etwas älteres Mädchen aus dem Hinterhaus von Marlenes Familie. Sie wird zum Hassobjekt der beiden, wie es sich unter Kindern oft entwickelt.
Verstimmend ist auch der kühle Ton des Berichts der Ich-Erzählerin. Sie will sich nirgends binden und übernimmt keine Verantwortung.
Wie so oft, verlieren sich Marlene und Charlene aus den Augen. Wie sich später herausstellt, gingen sie in derselben Stadt auf verschiedene Colleges.
Vom Ehemann Charlenes informiert besucht Marlene widerwillig die im Sterben liegende Ex-Freundin im Krankenhaus. Sie gibt Marlene einen letzten Auftrag. Auch dabei will Marlene kneifen, doch irgendwie unternimmt sie Fahrt um den Auftrag zu erledigen.
Vieles bleibt offen (deshalb das zweimalige Lesen) und der Fantasie des Lesers überlassen.
Eine verstörrende Meistererzählung. Sie wurde zurecht in Salman Rushdie, Hg.: The Best American Short Stories, 2008 und George Pelecanos, Hg.: The Best American Mystery Stories 2008 (beide unter Alice Literatur) aufgenommen. Ob es eine Mystery-Story ist, kann diskutiert werden.
MunroChild's Play, Harper's Feb. 2007
MunroAlice Munro’s “Child’s Play”, Besprechung 1 im Blog
MunroAlice Munro’s “Child’s Play”, Besprechung 2 im Blog
gothicGothic & horror literature written prior to 1950
WoodThe New Yorker Nov. 24, 1980
Roy Fowler liebt die Holzarbeit. Er kennt alle möglichen Baumarten. Das läßt Alice Munro den Lesern ausführlich wissen und sie langweilte mich damit so, dass die nachfolgende dramatische Episode – Roy verletzt sich im Wald und wird durch seine Frau gerettet – die Geschichte nicht mehr herausriß.
Durch die lange sachliche "Einleitung" und Roys Kampf mit dem Unbill der Natur las ich "Wood" als eine Mischung aus Herman Melville: Moby Dick und Jack London: "To Build a Fire". Allerdings nicht annähernd so zupackend wie die beiden Werke der Weltliteratur.
Melville Herman Melville: Moby-Dick or, The Whale
Too Much Happiness
Die fiktive Lebensgeschichte der russischen Mathematikerin und Schriftstellerin Sophia Kovalevsky beeindruckte mich nur mittelmässig. Vielleicht erfasst ich die Feinheiten beim ersten Lesen nicht. Andrerseits: eine gute Kurzgeschichte sollte sofort greifen und beim zweiten Lesen weitere Tiefen zeigen.
Sophia Kovalevsky wird durch Vorurteile gegenüber Frauen in ihrem beruflichen Fortkommen extrem behindert. Nur die Schweden bieten ihr eine akademische Stelle an. Sie reist hin, gibt noch eine Vorlesung und stirbt.
Dieses Schicksal erinnert an den grossen, ebenfalls vielseitigen René Descartes. Mich überzeugte diese letzte und titelgebende Story der Sammlung nicht.
MunroSofia Kovalevskaya
MunroLorna Bradbury finds Alice Munro's stories strange and shimmering, Telegraph 15 Aug 2009
Links
Alice Alice Munro
Kurzgeschichte Kurzgeschichtensammlungen und Besprechungen
Kurzgeschichte Ausgewählte Links zur Kurzgeschichte
Alice Das Ende der Kurzgeschichte als Echo des Anfangs
MunroeNotes
MunroAlice Munro, genius of the short form, does it again with Too Much Happiness, Jan. 1, 2010
MunroBonnie Brody: "Too Much Happiness by Alice Munro, Nov. 19, 2009
MunroAmit Chaudhuri: "Too Much Happiness", The Independent, 25 September 2009
MunroClayton Clifford Bye: "Too Much Happiness by Alice Munro", 2010
MunroLeah Hager Cohen: "Alice Munro’s Object Lessons", New York Times, November 27, 2009
MunroDeirdre Donahue: "Alice Munro's 'Too Much Happiness' scores a perfect 10", USA Today
MunroAnne Enright: "Come to read Alice, not to praise her", The Globe and Mail, Aug. 28, 2009
MunroRuth Franklin: "The Women", The New Republic, Jan. 12, 2010
MunroMarkus Gasser: "Alice Munro: Zu viel Glück. Eine Form von Kreuzigung", F.A.Z. 8.7. 2011
MunroKorinna Hennig: "Zu viel Glück von Alice Munro", NDR, 17.05.2011
MunroBob Hoover: "Fiction: "Too Much Happiness," by Alice Munro. New story collection lacks 'Happiness'", Pittsburgh Post-Gazette December 13, 2009 – Bob Hoover ist einer der wenigen Reviewer, der von Too Much Happiness eher enttäuscht ist.
MunroKevin from Canada: "Too Much Happiness, by Alice Munro"
MunroJohn T. Marohn: "Alice Munro, “Too Much Happiness”"
MunroJonathan Penner: "Alice Munro's Too Much Happiness", The Washington Post, Nov. 21, 2009 
MunroPerlentaucher
MunroTodd VanDerWerff: "Too Much Happiness Alice Munro", December 17, 2009
Alice Kurzgeschichtenanthologien, Kurzgeschichtensammlungen und Besprechungen dazu
Alice Shirley Jackson
Literatur
Amutha, Maria Mercy (2010): "The Cultural Significance of Women: A Representation Through a Historical Short Story – Too Much Happiness". Journal of Literature, Culture and Media Studies 2:4, S. 319-329.
Awano, Lisa Dickler (2010): "Alice Munro's Too Much Happiness". The Virginia Quarterly Review, October 22nd, 2010. – Munroonline
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Munro MunroAlice Munro: Too Much Happiness. London: Vintage, 2010. Taschenbuch, 303 Seiten Munro
Alice Munro: Zu viel Glück: Zehn Erzählungen. Heidi Zerning, Übs. Frankfurt: Fischer, 2011. Gebunden, 362 Seiten Munro
Munro MunroAlice Munro: Zu viel Glück: Zehn Erzählungen. Heidi Zerning, Übs. Christian Brückner (Sprecher) Parlando, 2011. Audio CD
Pelecanos MunroGeorge Pelecanos: Best American Mystery Stories 2008. Serien-Hg.: Otto Penzler. Quercus, 2008. Taschenbuch, 352 Seiten Rushdie
Salman Rushdie, Hg.: The Best American Short Stories. Serien-Hg.: Heidi Pitlor. Houghton Mifflin, 2008. Taschenbuch, 358 SeitenMunro
Munro Anfang

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 26.10.2011