Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Atwood
Margaret Atwood: The Handmaid's Tale
[deutsch: Der Report der Magd] London: Virago Press, 1987. Taschenbuch, 324 Seiten – Margaret LinksMargaret Literatur
In 2195 ist Platons Der Staat insofern verwirklicht, als die Gesellschaft im christlich, fundamentalistischen Staat Gilead in strenge hierarchische Klassen eingeteilt ist. Die Ich-Erzählerin gehört zu den Handmaids, die einzig zum Gebären da sind.
Wie kam es dazu?
• Umweltzerstörung führt zur
• Unfruchtbarkeit vieler Frauen, daher massiver
• Geburtenrückgang
Eine christliche Gruppe putscht sich an die Macht und gründet den US-Staat Gilead. Er ist ein Gemisch aus alttestamentarischen Evangelikalismus und repressivem Totalitarismus. Die Bevölkerung wird streng in Kasten unterteilt. Die Ich-Erzählerin ist bei den privilegierten Handmaids (Mägden), die von einem Commander monatlich begattet werden. Werden sie nach einer gewissen Zeit nicht schwanger, droht die Verbannung in die Kolonien, anscheinend die Vorhölle auf Erden.
Doch es ist unklar, was dort gegenüber dem gegenwärtigen Zustand der Mägde noch schlimmer sein soll. Selbstverständlich kommt es zu Gruppenbildung unter den Mädchen aud Ausbrechversuchen. Am Ende wird die Ich-Erzählerin abgeholt. Von wem und wozu bleibt offen.
The Handmaid's Tale (Original 1985) ist geradezu sensationell visionär:
• es gibt die islamische Bedrohung; einmal wird sogar der Iran genannt (man erinnere sich: US Bürger wurden in den 80-ern in Teheran als Geiseln gehalten);
• die christlichen Fundamentalisten errichten eine Schreckensherrschaft; wenn man manche religiösen Eiferer in den USA oder im Nahen Osten hört (etwas leiser, da wenig Grund dazu besteht, auch bei uns), glaubt man dies der Autorin sofort
•  außerhalb von Gilead toben Religionskriege (S. 92)
• Umweltzerstörung (S. 122) und Geburtenrückgang sind heute – wenn auch noch nicht so dramatisch wie im Roman – verwirklicht
• Überwachung durch den Staat mit demselben Argument, wie es auch derzeit durchgezogen wird: nur zu eurem Vorteil. Motiviert werden die "Bewohner" durch Rituale, TV-Botschaften und verlogenen Politikersprüchen, wie: "The Republic of Gilead [...] knows no bounds. Gilead is within you" (S. 33). Obwohl Flucht schier unmöglich gemacht wird, ist sie nicht nötig, denn – so die Propaganda – es gibt keine Grenzen,
• gegenseitige Bespitzelung; verstärkte bis uneingeschränkte Befugnisse für die Geheimdienste; auch dies wird derzeit Schritt für Schritt verwirklicht.
Die Konstruktion und die innere Logik ist gut durchdacht. Am Ende des Romans ist eine Vorlesung über die aufgefundenen Aufzeichnungen der Magd. Professor Pieixoto stellt die Authentizität der Kassetten in Frage. Das freilich macht auch die Erzählerin selbst des öfteren.
"I feel drugged. I consider this: Maybe they're drugging me. Maybe the life I think I'm living is a paranoid delusion" (S. 119). Ja, manchmal spielt sie sogar verschiedene Handlungsabläufe durch. Wie schon in Alias Grace (Margaret Links ) beherrscht Margaret Atwood die Kunst dem Leser die Hintergrundinformationen nur stückchenweise zu geben. Das ist ein guter Kunstgriff um den Leser gefangen zu halten. Man will wissen: was ist vorgegangen? Wie kam es zur jetzigen Situation? Nur: die Atwood zieht das zu kunstvoll in die Länge. Man schwebt zulange im Ungewissen.
Passend zum Science Fiction Sujet und den düsteren Lebensbedingungen in Gilead pflegt Atwood einen nüchternen, ja kalten Stil. Erst ab Kap. 28 (S. 180) kamen Gefühle für die Ich-Erzählerin auf. Bis dahin weiß man zu wenig, wie und warum sie nach Gilead kam. Der Roman erhielt 1987 den Arthur C. Clarke Award (Margaret Links).
Das pessimistische Zukunftsszenario läßt wenig Platz für ein warmherziges Lesevergnügen. Leider schafft es die Atwood in der ersten Hälfte des Romans nicht, dafür Gegengewichte zu setzen. Erst ab etwa der Hälfte werden die Hintergründe und Bedingungen in Gilead klarer, die Kommunikation zwischen den Menschen weniger marionettenhaft. Die Vision von 1985 ist erstaunlich nahe an der Wirklichkeit von 2008. Eine eindringliche Warnung vor der Herrschaft Weniger, vor der Versklavung und Unterdrückung weiter Teile der Bevölkerung, vor staatlicher Überwachung und religiösen Eiferern. Doch was nützt es?
A Handmaid's Tale
erinnert – wie Professor Pieixoto kundtut (S. 313) – an die Werke von Geoffrey Chaucer: The Miller's Tale und The Nun's Priest's Tale (Teile aus The Canterbury Tales; siehe weiter unten beim Stichwort Elizabeth Kantor).
"Lilies of the field" (S. 35), eine der zahlreichen Bibel-Anspielungen, hier Mt 6,27; vergleiche das Gedicht: Sarah Cleghorn: "Behold the Lilies"; siehe Margaret Links
"Amazing Grace" (S. 64), ein bekanntes geistliches Lied
"I feel so lonely" (S. 64) aus "Heartbreak Hotel", dem ersten Song von Elvis Presley bei RCA Victor und sein erster Millionenseller. Es ist allerdings unklar, was Elvis an dieser Stelle singt: "get so lonely" ? "It#s Been so lonely" ?
»A man is just a woman's strategy for making other women« (S. 130-131)
nach dem alten Spruch: "A chicken is just an egg's way of making more eggs"; ähnlich hielt Richard Dawkins in The Selfish Gene (1976) das Gen für die eigentliche Überlebenseinheit.
»Nolite te bastardes carborundorum«
ritzte die Zimmervorgängerin der Ich-Erzählerin an die Wand. Es ist ein Spruch im Küchenlatein: Lass dich von den Bastarden nicht unterkriegen!
  • Aufgenommen in Joachim Kaiser, Hg.: Harenberg. Das Buch der 1000 Bücher
  • Verrissen von Elizabeth Kantor in ihrem provozierendem The Politically Incorrect Guide to English and American Literature, S. 27- 31; siehe Margaret Links und Margaret Literatur.
Die Vorwürfe Kantors scheinen mir obskur.
• So ist The Handmaid's Tale – laut Kantor – in Bezug auf Leiden der Unterdrückten, verglichen mit anderen totalitären Systemen und Literatur darüber – beispielsweise Alexander Solschenizyn: Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch (Margaret Rezension) – harmlos (Kantor S. 28). Wäre es anders, könnte man Atwood Übertreibung vorwerfen.
• Doch scheinen die Gewalttätigkeiten, Unterdrückungsmassnahmen usw. in The Handmaid's Tale auch verglichen mit The Canterbury Tales harmlos. Das wischt Kantor mit einem Hinweis weg (der so ähnlich auch für die Grausamkeit und Obszönität der Bibel verwendet wird), dass die Gewalt Teil eines reichen und lebendigen Bilds der gesamten menschlichen Erfahrung sei (Kantor S. 31).
Ich meine, die Kantor erweist sich als hartgesottene Christin, die es nicht ertragen kann, dass Margaret Atwood zeigt, wohin es mit einer Gesellschaft gehen kann, wenn man den fundamentalistischen Kräften gegen Sexualität (hetero, homo), Abtreibung, Überwachung usw. zu breiten Raum gewährt.
Kantors recht einseitigem, vorurteilsbehafteten Urteil stehen viele andere entgegen: Joachim Kaiser, siehe oben, und: "Margaret Atwood has become almost synonymous with Canadian literature internationally", Carmen Birkle, Visiting Professor, Johannes Gutenberg Universität Mainz, AtwoodNative American and First Nations
Vergleichsliteratur
Ben Bova: Gefangen in New York Margaret Rezension
Karin Boye: Kallocain
Ray Bradbury: Fahrenheit 451
Ernest Callenbach: Ökotopia
Stephen Fry: Making history – Geschichte machen
Robert Harris: Fatherland – Vaterland
Aldous Huxley: Brave New World – Schöne neue Welt
Bruno Jasienski: Pest über Paris
Franz Kafka: "Die Strafkolonie" – Margaret Kafka
Cormac McCarthy: The RoadMargaret Rezension
George Orwell: Farm der TiereMargaret Animal Farm
George Orwell: 1984
Platon: Der Staat
Marilynne Robinson: GileadMargaret Rezension
Margaret Dystopie oder auch Anti-Utopie in der Literatur
Verfilmung
Die Geschichte der Dienerin – Regie: Volker Schlöndorff, 1990
Links
AtwoodThe Margaret Atwood Society
AtwoodMargarte Eleanor Atwood
Margaret Atwood: AtwoodPoetryAtwoodSpock.comAtwoodVoice of the Shuttle
Der Report der Magd: AtwoodK.-G. Beck-Ewerhardy 3/2004
AtwoodFeministische-SF –  AtwoodJürgen Heße, April 2007AtwoodSingle GenerationAtwoodWikipedia
AtwoodStudy Guide to Margaret Atwood: The Handmaid's Tale (1986)
AtwoodJörg Sundermeier (2002): "Margaret Atwood: Der Report der Magd. Erzwungene Reproduktion funktioniert nicht". Der Fluter 7
AtwoodFeministische literarische Dystopie
AtwoodGebärmaschinen auf der Bühne
Margaret Elizabeth Kantor: The Politically Incorrect Guide to English and American Literature
Margaret Sarah Norcliffe Cleghorn: "Behold the Lilies"
Margaret Margaret Atwood: Alias Grace
Atwood1987 Arthur C. Clarke Award
Margaret Dystopie oder auch Anti-Utopie in der Literatur
Margaret Überwachung des Bürgers durch den Staat
atwood Die kürzesten Geschichten – The Shortest Stories
Literatur
(2008) "Schwerpunkt: Herrin der Wildnis: Margaret Atwood". Literaturen 7/8. S. 12-23
Kantor, Elizabeth (2006): "The Canterbury Tales vs. The Handmaid's Tale". In: The Politically Incorrect Guide to English and American Literature. Washington: Regnery. S. 27ff
Korte, Barbara (1990): "Margaret Atwoods Roman »The handmaid's tale«: Interpretationshinweise für eine Verwendung im Englischunterricht der Sekundarstufe II". Die neueren Sprachen 89, S. 224-242 – Atwoodonline (pdf)
Korte, Barbara (1990): "Textuelle Interdependenzen in Margaret Atwoods Roman »The handmaid's tale«". Zeitschrift der Gesellschaft für Kanada-Studien 17 = 10. Jg., S. 15-26
Atwoodonline (pdf)
Müllner, Ilse (1992): "„... daß ich auf ihrem Schoß gebäre“ . Religiosität und biblische Motivik in Margaret Atwood's „Report der Magd“". Schlangenbrut 37. S. 32-35.
Hooker, Deborah (2006): "(Fl)orality, Gender, and the Environmental Ethos of Atwood's »The Handmaid's Tale«". Twentieth Century Literature 52:3, S. 275-305.
Warken, Arlette (2009): Nahe Zukunft, Utopie und Dystopie in Margaret Atwoods »The Handmaid’s Tale« und Kim Stanley Robinsons »Orange County Trilogie«. Diss. Universität des Saarlandes, Saarbrücken. DystopieOnline (pdf)
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Atwood AtwoodMargaret Atwood: The Handmaid's Tale. Anchor, 1998. Taschenbuch, 320 Seiten Atwood
Margaret Atwood: Der Report der Magd. List 2006. Broschiert, 410 Seiten Atwood
Atwood AtwoodRalph Pordzik, Hans U. Seeber: Utopie und Dystopie in den neuen englischen Literaturen. Lit 2003 Broschiert, 312 Seiten Atwood
Hans U. Seeber: Die Selbstkritik der Utopie in der angloamerikanischen Literarur. Universitätsverlag Winter 2002. Taschenbuch, 287 Seiten Atwood
Dystopie Anfang

Atwood
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 17.1.2010