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Alice Munro: Runaway. Stories
[deutsch: Tricks]. New York: Vintage, 2004. 335 Seiten – munro LinksmunroLiteratur
Acht neue Stories der Kanadierin Alice Munro. Sie gleichen wohl denjenigen aus der ersten, von mir gelesenen Sammlung Hateship, Friendship, Courtship, Loveship, Marriage, aber ich empfand sie als noch stärker. Ein positiver Gewöhnungseffekt.
Die Geschichten – alle zwischen 30 und 60 Seiten lang – handeln oft von entscheidenden Gelegenheiten im Leben von Frauen.
»Runaway« ["Ausreißer"]
Beim dritten Mal lesen wurde diese Geschichte noch durchsichtiger und besser.
Carla und Clark führen ein typisches nordamerikanisches Leben: unabhängig: sie vermieten Pferde; frei: sie wohnen im Wohnmobil; rustikal: Städte sind weit entfernt. Doch dass nicht alles eitel Sonnenschein ist (wörtlich, denn das Wetter passt die Autorin der allgemeinen Lage an), merkt der Leser bald.
Kurioserweise beginnt die Ausreißer-Story mit der Rückkehr der Nachbarin Sylvia von einer Erholung in Griechenland, nachdem ihr zwanzig Jahre ältere Mann Leon gestorben war.
Carla bekennt ihren dringenden Wunsch aus der Enge der beruflichen und privaten Situation auszubrechen. Sylvia unterstützt sie.
Mehr sei hier nicht verraten. (Für Ludwig Thoma Experten und Kenner der katholischen Morallehre sei verraten: Carla wird katholisch.)
Eigentlich gibt es mehrere Ausreißsituationen:
• Carla war mit Clark halsüberkopf in die Ehe getürmt; deutet die Namensähnlichkeit an, dass die beiden – bei aller Verschiedenheit – doch zueinander gehören?
• Carla nimmt – mit Sylvias Unterstützung – aus der Ehe Reißaus.
• Sylvia flieht den Rummel nach dem Tod ihres Mannes – ein gefeierter Poet – und besucht ihre Freundinnen in Griechenland. Einer der vielen Zaunpfahlwinke: Carla geht auf eine Mini-Odyssee.
• Die Geiß Flora – eines der vielen Tiere bei Clark & Carla – nahm Reißaus; es kehrt in einer mysteriösen Episode zurück und dann passiert Fürchterliches.
Vibrierende Beziehungen
Ein Teil des Leseabenteuers besteht darin, dass man oft auf eine falsche Spur geführt wird oder sich etwas im Kopf des Lesers aufbaut, was sich später als falsch herausstellt oder das zumindest offen bleibt.
So ist es mit nahezu allen Beziehungen in dieser Kurzgeschichte. Auch dies will ich hier nicht ausdiskutieren, jeder erkunde es für sich selbst. Die Beziehungen schillern und vibrieren, viele stehen unter einem grossen Fragezeichen.
Runaway
Jeder der Pfeile und Verbindungslinien ist unter Vorhalt zu stellen.
Alice Munro gelangen mit Carla und Sylvia zwei starke (stark im literarischen Sinne) Frauenfiguren, wenn auch gegensätzlicher Natur.
• Sylvia führt ein selbstbestimmtes Leben. Sie ist Biologiedozentin in einer nahen Stadt. Sie hat mindestens eine Freundin in Toronto und zwei in Griechenland.
• Carla hat zu jung geheiratet und steht unter der Fuchtel von Clark. Das Leben auf dem Land ist trostlos. Schon im ersten Satz wird die Flachheit angedeutet: ein kleines Ansteigen der Strasse wird Hügel genannt. Sie hat weder Kontakt zu Geschwistern noch ihren Eltern.
Keine fünfzig Seiten hat die Geschichte, aber Stoff für einen 400-Seiten Roman.
Vergleichsliteratur
Caroline aka Carrie in Sister Carrie von Theodore Dreiser haut ebenfalls jung ab und nach einigen Verwicklungen brennt sie mit einem verheirateten Mann nach Kanada durch (munro Links).
»Chance« – »Soon« – »Silence«
Die nächsten drei "Chance", "Soon" und "Silence" zeigen uns Juliet an verschiedenen Lebensstationen. In der dritten des Triptychons, also in "Silence", wurde mir nicht klar, warum Juliet nicht Suchanstrengungen unternimmt, um ihre Tochter Penelope wiederzufinden.
»Trespasses«
"Trespasses" läuft zu gut für eine Munro-Erzählung. Da muß etwas faul sein. Und es ist.
»Tricks« ["Tricks"]
"Tricks" ist der Titelgeber für die deutsche Ausgabe. Wenn es Qualitätsunterschiede gibt (ich meine eher: alle sind großartig), dann ist diese exzellent.
Sie hat starke Bezüge zu Shakespeare. Der Handlungshintergrund ist der alljährliche Theaterbesuch 26-jährigen Robin beim Shakespearefestival in Stratford, Ontario. Beim zweiten Besuch innerhalb der Story wird "Wie es euch gefällt" [As You Like It] gegeben. Es enthält ein typisches Verkleidungs-Verwechslungsmotiv.
munro Zeittafel, Charaktere und Schicksal in "Tricks" (Vorsicht: Spoiler! Erst nach dem Lesen anschauen!)
Zwillinge, Mädchen in Hosen und ihre Verwechslung kommen in vielen Lustspielen Shakespeares vor, so – außer in "Wie es euch gefällt" [As You Like It] – auch in
• The Comedy of Errors („Die Irrungen, oder die doppelten Zwillinge“, „Komödie der Irrungen“), mit 2 Paaren von Zwillingen: Antipholus/Antipholus und das adoptierte Paar Dromio/Dromio
• Twelfth Night („Was ihr wollt“): Sebastian und Viola (verkleidet als Cesario)
• Hamlet (Rosenkranz & Güldenstern)
Zwillinge haben in der Literatur eine alte Tradition:
• Esau und Jakob (Genesis 25:24-34, 27:19-24).
• Romulus und Remus (Plutarch). Shakespeare selbst hatte auch Zwillinge.
Zu diesem Thema siehe die munro Links und das empfehlenswerte Shakespeares Bilder und Symbole von Hanskarl Kölsch.
Munros Bezugnahme auf grosse Literatur ist nicht neu. Homer, die Bibel, Shakespeare und Thomas Hardy sind ihr geläufig, wie Ildiko de Papp Carrington nachweist (munro Literatur).
»Powers«
Die letzte und längste Story "Powers" ist wunderbar erzählt, auch wenn es um okkulte Kräfte geht. Sie löst sich am Ende in Schlaglichter  auf merkwürdige Lebensstationen auf. Die muß ich gelegentlich nochmals lesen.
Indirekt habe ich ein Markenzeichen der Munro-Geschichten verraten: sie lassen einiges offen. Der Leser muß und kann die Lücken ausfüllen. Das ist, zugegeben, nicht jeden Lesers Sache. Auch ich mußte mich daran gewöhnen.
Alle Geschichten also um kanadische Frauen; alle an mehreren, oft weit auseinander liegenden Zeitpunkten dargestellt. Viele Stories haben eine kleine bedeutungsvolle Szene eingebettet, die man leicht überliest, aber wichtige Hinweise geben.
Wichtig ist, dass man alle Beschreibungen und Dialoge ernst nimmt und aufsaugt. Dann wird man zum Alice Munro Fan.
Unbedingt zu empfehlen. Vielleicht funkt es nicht bei jedem Leser (ich kenne eine Leserin, die wird von Munros Geschichten kaum angesprochen), doch wenn, dann ist man begeistert. Man merkt erstaunt und erfreut, dass Alice Munro seit vierzig Jahren Kurzgeschichten schreibt.
Es gibt viel nachzuholen und zu lesen!
Alice Munro gewann 2009 den Man Booker International Prize.
Links
munro Alice Munro mit vielen weiteren Links und Informationen
munro Alice Munro: Hateship, Friendship, Courtship, Loveship, Marriage
munro Zitate
MunroAlice Munro - Tricks, Leselust
munro Theodore Dreiser: Sister Carrie
Kurzgeschichte Kurzgeschichtensammlungen und Besprechungen
Kurzgeschichte Ausgewählte Links zur Kurzgeschichte
munro Zeittafel, Charaktere und Schicksal in "Tricks" (Vorsicht: Spoiler! Erst nach dem Lesen anschauen!)
Zwillinge und Verwechslungen bei William Shakespeare
munro William Shakespeare in Zweitverwendung (zur Geschichte "Tricks")
MunroKelsey Altom Kling: „’Methinks You Are My Glass:’ Shakespeare’s Twins in Text and Performance“. Diss. University San Marcos
MunroThe concept of mistaken identity in “Comedy of Errors” and “Twelfth Night”
MunroMistaken Identity in Shakespeare's Comedies
MunroFree Essay on: Jealousy and Mistaken Identity in Shakespeare

Literatur
Bethune, Brian (2004): "Alice Munro: CanLit's catalyst". Maclean's 118:1, S. 29
Brown, Rosellen (2004): "Rural and Restless". New Leader 87:6, S. 31-33
Reviews two books. "Bad Dirt: Wyoming Stories 2," by Annie Proulx; "Runaway: Stories," by Alice Munro.
Cusk, Rachel (2005): "Private lives". New Statesman 134:4723. S. 50
Kling, Kelsey A. (2008): "»Methinks You My Glass«: Shakespeare's Twins in Text and Performance". Texas State University, San Marcos, Texas – MunroOnline verfügbar
Moore, Lorrie (2004): "Leave Them and Love Them". Atlantic Monthly 294:5. S. 125-128
Tolan, Fiona (2010): "To Leave and to Return: Frustrated Departures and Female Quest in Alice Munro’s Runaway". Contemporary Women’s Writing 4:3, S. 161-178.
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munro MunroAlice Munro: Runaway. New York: Vintage, 2005. Taschenbuch, 368 Seiten munro
Alice Munro: Runaway. New York: Random, 2005. Taschenbuch, 352 SeitenMunro
munro MunroAlice Munro: Tricks. Acht Erzählungen. Frankfurt: S. Fischer, 2006. Gebunden, 379 Seiten. Heidi Zerning, Übs. munro
Alice Munro: Tricks. Acht Erzählungen. Frankfurt: S. Fischer, 2008. Broschiert, 379 Seiten. Heidi Zerning, Übs.Munro
Carrington MunroIldiko de Papp Carrington: Controlling the Uncontrollable: The Fiction of Alice Munro. DeKalb: Northern Illinois UP, 1989. Gebunden, 250 Seiten koelsch
Hanskarl Kölsch: Shakespeares Bilder und Symbole: Interpretationen. Books on Demand, 2008. Gebunden, 128 SeitenMunro
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