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Whitehead
Colson Whitehead: John Henry Days
London: Fourth Estate, 2002. Broschiert, 389 Seiten – Whitehead John Henry (US Folksong)Whitehead LinksWhitehead Literatur
Im Juli 1996 gibt die US Post eine Sonderbriefmarke für John Henry heraus. Mehrere Orte in den USA reklamieren den ehemaligen Sklaven und als Bohrarbeiter berühmt gewordenen John Henry für sich. Die Briefmarken-Neuerscheinung wird mit den John-Henry-Days in Talcott, West Virginia, gefeiert. Viele Journalisten reisen mehr widerwillig in die gottverlassene Gegend. Auch J. Sutter soll vom Festival der Volkslegende berichten. Sutter hat ein Hobby: möglichst alles kostenlos oder auf Spesen zu erhalten.
Colson Whitehead bringt ein Panoptikum der US-Gesellschaft wie in einem Brennglas in Talcott zusammen. Neben J. Sutter kommt Pamela mit ihrem Vater, der eine umfangreiche John Henry Memorabilien-Sammlung zusammen getragen hat. Dazu gesellt Whitehead noch Nebenpersonen: Briefmarkensammler, Hotelvermieter, Postangestellte.
Wie in manchen zeitgenössischen US-Romanen gibt es hier eine Verschwörungsidee, neben John Henry einer der zahlreichen Fäden. Es gibt eine, genauer: die Liste, die bestimmte, zu bevorzugende (?) Journalisten aufführt. Journalist One Eye jedenfalls, will die versteckte Liste auffinden und sich selbst darauf zu löschen (S. 124).
J. Sutter kann wohl (neben John Henry) als Hauptperson des Romans bezeichnet werden. Seinen Vornamen erfährt man nie; es scheint aber wichtig und für andere Leser eventuell offenkundlich zu sein, denn der Roman endet mit: "... she asked, what's the J. stand for? He told her". Leider sagte es mir der Autor nicht. Konrad Heidkamp in der Zeit vermutet: "Jesus", siehe Whitehead Links. [Nachtrag: Whitehead J.]
John Augustus Sutter, der eigentlich Johann August Suter hieß, 15.2. 1803 Kandern (Kreis Lörrach) – 18.6. 1880, Washington, D.C., Er floh 1834 wegen eines Konkurses aus der Schweiz nach Kalifornien. Dort kaufte er von den Mexikanern große Landstriche an der Stelle der heutigen Stadt Sacramento. Nach dem Goldrausch 1848 verlor er seinen Land und verarmte.
Whitehead stellt dem freigelassenen schwarzen Sklaven John Henry, der zum Helden und Mythos wird, einen Pulk von Journalisten gegenüber; im speziellen J. Sutter. Während John Henry zwar einen Wettkampf mit dem Dampfbohrer gewinnt (aber an den Folgen zugrunde geht), will Sutter in einem privaten Wettkampf möglichst lange nur auf Spesen leben. Ist Sutter ein Held, vergleichbar dem legendären John Henry? Er und seine Kollegen fühlen sich abgeklärt ausserhalb des Systems stehend, dessen Schwächen ausnutzend. Doch es keimt der Verdacht: diese Journalisten ("junketeers", wohl Spesenritter) sind wesentlicher Bestandteil des Systems.
J.
Nachträglich wurde ich darauf hingewiesen: Whitehead offenbart an versteckter Stelle das J.:
"John Henry was born ...He demanded food, ... He ate ... (J. wondering from the summit of the Talcott Motor Lodge, who is that little boy down ther in the clarssroom who shares his name, ..." (S. 138)
Stil und Struktur
Whitehead verfügt über ein wortreiche Sprache, die oft genaues Mitdenken erfordert. Nicht immer weist der Autor durch Kursivsetzung auf Bedeutungswandel hin. Hier macht er es:
"I left some brochures with the press packets at the hotel," she says, [...]
"I saw them," Dave says, ever the appeaser when it came to the game. "Sounds like there's a lot of nice things in these parts."
In these parts. One Eye and J. look at each other. Dave is shameless.
"You should check it out if you get a chance," Arlene advises, retreating from the table.
(S. 58; Kursivsetzung im Original)
Der anfängliche Schwung des Romans ließ bei mir zur Mitte hin stark nach. Whitehead verliert sich in vielen kleinen Episoden und wirkt manchmal recht gelehrig und belehrend. Zahlreiche Exkursionen lassen den Roman überquellen. Die treffenden Bilder gehen ihm nie aus. Hier eines seiner letzten: "Above cooking tar the air shimmers. It is as if snakes of heat dance on their tails" (S. 387).
Die zahlreichen Abschnitte starten immer mit sehr ausgefeilten Absätzen: kunstvoll gedrechselt, exquisite Wörter; kritischer formuliert: geschraubt. Es scheint, Whitehead bemühte sich bei den diesen ersten Absätzen besonders. Man merkt den Kunstgriff, und man ist verstimmt (siehe Whitehead Man merkt die Absicht).
Mythos
Mit Mythos oder Legende ist man heute schnell zur Hand. Meist nur um den Verkauf anzukurbeln: "Keith Jarrett gab 1975 in Köln ein legendäres Solo-Konzert". (Das Kölner Konzert ist großartig!).
Mythos ist eine Dichtung oder tradierte Erzählung aus der Urzeit eines Volkes, meist Götter oder Geister betreffend. Die Legende betraf zunächst das Leben von Heiligen. Sie wird aber heute oft synonym mit Sage verwendet. Die Sage beruht auf mündlicher Überlieferung und berichtet von historisch nachweisbaren Orten und Personen. Auffallend ist, dass für Heimstätten der verweltlichten Legenden kleine unbekannte Städte, wie hier Talcott, West Virginia, bevorzugt werden. Die John-Henry-Legende scheint in West Virgina um 1870 ihren Ursprung zu haben (Levine 1978. S. 421, siehe Whitehead Literatur).
Assoziationen
Whitehead will anhand der bunten Gruppe, die er zu den John Henry Tagen in Talcott zusammenführt ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft zeigen. Im Vergleich zur Legende soll deutlich werden, was sich verändert hat.
Dabei bedient sich Whitehead vieler Bilder, die man wohl nie alle durchschaut (was ja auch nicht notwendig ist).
"That's terrible," J.'s mother said, as a ball of gray meat rolled out of dumpling sheath. "Can you pass the salt, Andrew?" J.'s mother said, gesturing toward her husband (S. 174) And Papa said to Mama as he passed around the blackeyed peas:
"Well, Billy Joe never had a lick of sense, pass the biscuits, please.
There's five more acres in the lower forty I've got to plow."
And Mama said it was shame about Billy Joe, anyhow
Seems like nothin' ever comes to no good up on Choctaw Ridge And now Billy Joe MacAllister's jumped off the Tallahatchie Bridge.
Ode To Billie Joe (Bobbie Gentry), Capitol 1967
Fazit
Colson Whitehead stellt dem Leser in John Henry Days eine erstaunliche Fülle von Charakteren vor. Seine Sprachverfügung ist enorm, der gelegentliche Witz lockert auf. Insgesamt stellte sich bei mir durch zu viele Einzelszenen kein zusammenhängendes Bild ein. Die Lektüre geriet streckenweise zur Mühe. Ähnlich ging es immerhin John Updike, von dem Colson Whitehead in einem Interview daher meinte: "He didn't really grasp certain things about the book" (Interview mit Dave Weich, 14.6.2001, siehe Whitehead Links).
Preise
2001 Finalist des National Book Critics Circle Award
2002 Pulitzer Prize Finalist
Colson Whitehead
*1969 New York; studierte in Harvard und arbeitete als freier Journalist und Fernsehkritiker.
1999 The Intuitionist (Die Fahrstuhlführerin)
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Links
Rezensionen
WhiteheadSabine Dultz, Münchner Merkur, 19.01.2004
WhiteheadKonrad Heidkamp, Die Zeit 29.04.2004 Nr.19
WhiteheadKarsten Herrmann: "Die unerträgliche Belanglosigkeit des Seins"
WhiteheadJürgen Heße, Mai 2004
WhiteheadJohannes Kaiser: Hr-online, 25.05.2004
WhiteheadPerlentaucher
WhiteheadRandom House
Whiteheadsingle-generation.de
Interviews
WhiteheadJohn Henry Days by Colson Whitehead
WhiteheadDave Weich, Powells.com: "Post Office To Unveil Colson Whitehead Stamp", 14.6.2001
WhiteheadHubert Spiegel, Literaturkritiker, 3-sat Kulturzeit-Sendung, 19.2.2004; mit Video Whiteheaddirekt.
Diverses
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Literatur
WhiteheadJohn Henry Legend Books
Lawrence W. Levine: "The Hero vs. Society: John Henry to Joe Louis". In: Black Cultur and Black Consciousness. Afro-American Folk Thought from Slavery to Freedom. Oxford: Oxford UP 1978. S. 420-440.
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Whitehead WhiteheadColson Whitehead: John Henry Days. London: Fourth Estate, 2002. Broschiert, 389 Seiten whitehead
Colson Whitehead. John Henry Days. München: Heyne, 2005. Nikolaus Stingl, Übs. Broschiert, 525 Seiten Whitehead
henry   WhiteheadNorm Cohen: Long Steel Rail: The Railroad in American Folksong. University of Illinois Press 2000. Taschenbuch, 744 Seiten, 2. Auflage   henry
Julius Lester: John Henry. Puffin 1999. Jerry Pinkney (Illustrator). Taschenbuch, 40 Seiten Whitehead
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 7.7.2006