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King
Stephen King: „The Mist”
In: Skeleton Crew. Bucks, Aylesbury: Futura, 1989. S. 9-152. Taschenbuch, 612 Seiten – Stephen LinksStephen Literatur
Während der Hurrikan Matthew über Haiti und Florida tobte (Anfang Oktober 2016) las ich die Kurzgeschichte (mit ca. 150 Seiten eigentlich ein kurzer Roman) „The Mist” („Der Nebel”) von Stephen King.
Im 19. Jahrhundert gab es Schauerromane und Horrorromane und –erzählungen in Hülle und Fülle. Hier ein paar der Wichtigsten:
  • Mary Shelley: Frankenstein or The Modern Prometheus, 1818,
  • Short Stories von Edgar Allan Poe, 1833–1850
  • Robert Louis Stevenson: Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde, 1886
  • Bram Stoker: Dracula, 1897
Damit zog der Horror in die Literatur ein.  Die Brandbreite reicht vom gewisperten „The horror! The horror!” in Joseph Conrads Heart of Darkness (1899) bis zum Groschenheft. Heute ist der Horror eine eigenes respektables Literaturgenre.
Der wohl erfolgreichste Autor unserer Zeit im Horror-Genre ist Stephen King. In  „The Mist” (erstmals 1980 erschienen) konfrontiert er eine kleine, isolierte Gruppe von Menschen, die sich zufällig in einem Supermarkt in Maine befinden mit vorsintflutlich anmutenden Tieren, die nachts im Nebel auf Beute lauern.
Es passierte so: Nach einem fürchterlichen Sturm zieht eine undurchdringliche Nebelwand über See und Land. Sie löst sich nicht auf, sondern bietet furchtbaren, gefrässigen Tieren unbekannter Art Schutz für ihre Raubattacken.
Der Ich-Erzähler David Drayton beschreibt seine Erlebnisse und die der Gruppe während der vier Tage im Laden und beim Ausbruch von sieben Personen (S. 140). Am frühen Morgen, der auf die Flucht folgt, schreibt David – noch im Auto – alles auf. Die Geschichte bleibt in vieler Beziehung offen.
King erzählt freilich nicht nur eine spannende Horrorgeschichte (da würde man sich am Ende Aufklärung wünschen), sondern er hat andere Absichten.
Mir scheint, er will dies zeigen und seinen Lesern vor Augen führen:
  • Abhängigkeit der modernen Zivilisation von Technik: die weitreichenden Konsequenzen des Stromausfalls werden präsentiert
  • Gruppendynamik in einer Ausnahmesituationen: es dauert nicht lange, da bilden sich Gruppen und Strukturen zwischen den Menschen im Supermarkt
  • um sich greifende Irrationalität unter psychischen und physischen Druck
  • Die Menschen sind nicht nur der Technik ausgeliefert, sondern auch unbekannten Mächten (Regierung? Super-Regierung? Wirtschaftsmächte? Wissenschaftler?). In „The Mist” werden das ortsnahe „The Arrowhead Project”, aber auch religiöse Wesen ins Spiel gebracht.
Stephen King schreibt klar, leicht eingehend und an die Umgangssprache angelehnt. Ein Beispiel: Jim staucht David Drayton zusammen: „I‘ll tell you what. If you‘ve got anything else to say, I think you better count your teeth first, because I‘m tired of listening to your bullshit.” (S. 58)
King beschreibt ausführlich die jeweilige Umgebung der handelnden Personen, die Personen selbst aber nur skizzenhaft. Sie treten vor das Auge der Leser durch ihr Handeln und vor allem durch ihre Gespräche. Nahezu immer nennt King die berufliche Tätigkeit, wenn er eine Person einführt.
Großen Wert legt der Autor auf  Glaubwürdigkeit und Authentizität.
Im Mittelpunkt steht verständlicherweise der Ich-Erzähler. Aus der Gruppe stechen nur wenige hervor, vor allem Davids Gegenspieler, sein Nachbar Brent Norton und Mrs. Carmody.
Sie schart im Laufe der Tage eine Anhängerschaft um sich und schwört sie auf ihre sektiererischen Ansichten ein. Insbesondere bringt sie mehrfach die nach ihrer Ansicht einzige Lösungsmöglichkeit vor.
„There‘s only one chance,” Mrs. Carmody said
„What‘s that, ma‘am?” Mike Hatlen asked politely.
„A sacrifice,” Mrs. Carmody said––she seemed to grin in the gloom. „A blood sacrifice.”
(S. 81-82)
Bei jedem US-amerikanischen Leser taucht da sofort die berühmte Kurzgeschichte „The Lottery” von Shirley Jackson (1948) auf, die um ein rituelles Blutopfer kreist. Irgendwo las ich, dass King Shirley Jacksons Werk gut kennt und schätzt.
Für den Nebel und die Tiere darin werden von den Leuten im Supermarkt verschiedene Ursachen vermutet, zwei stechen hervor:
  • „The Arrowhead Project”, eine in der Nähe befindliche Anlage, vermutlich der Regierung, von der jeder etwas, aber keiner was Genaues weiß. Dafür spricht, dass zwei blutjunge Soldaten, die ebenfalls im Supermarkt sind, sich schon bald selbst töten
  • Übernatürliche Kräfte; diese These wird hauptsächlich von Mrs. Carmody propagiert. Sie wird vom Erzähler zwischen Kräuterweib und Hexe eingeordnet. Es fällt auf, dass in der Handlungsregion schon 1692 die Hexenprozesse von Salem durchgeführt wurden, literarisch verarbeitet von Arthur Miller in The Crucible (Hexenjagd), 1953.
Die erstgenannte Ursache thematisiert die Verschwörungstheorien, die gerade um 2016 auch in Deutschland sehr en vogue sind. Es gibt einige Deutsche, die davon überzeugt sind, dass wir durch Kondensstreifen vergiftet werden sollen (siehe Chemtrail unter Stephen Links).
Um glaubwürdig und authentisch zu wirken gibt Stephen King seinem Ich-Erzähler viele Kniffe an die Hand. Er beginnt mit
„This is what heppened. On the night that the worst heat wave in northern New England history finally broke––the night of July 19––the entire western Maine region was lashed with the most vicious thunderstorms I have ever seen.” (S. 9)
Schon der erste Satz betont also, dass hier zu lesen ist, was passiert ist (und nichts anderes). Im zweiten Satz werden Ort und Zeit genau benannt.
David beschreibt übergenau. Dan Miller will eine Fackel mit einem Zippo-Feuerzeug, auf dem ein Marinabzeichen prangt, anzünden (S. 101); zum Markennamen wird eine zusätzliche Eigenschaft genannt.
Stephen King ist nicht der populärste Horrorautor von ungefähr. Er kennt viele Mittel um Spannung zu erzeugen. So endet der Abschied Davids von seiner Frau mit: „We pulled out. I haven‘t seen my wife since then” (S. 34). Noch weiß der Leser nicht, dass David die Erlebnisse noch mitten im Geschehen niederschreibt. Man meint lange, er würde sie nie mehr sehen. Das muss nicht der Fall sein (bleibt offen).
Insgesamt hält Stephen King die Spannung über die 150 Seiten einigermaßen durch, obwohl ich unterwegs manchmal dachte: Ja, Stephen, ich habe verstanden. Er baut Episoden ein und verzögert gelegentlich das Geschehen.
So ist der Ausflug in die Drogerie nebenan nur schwach motiviert angesichts der Gefahr die auf die Leute lauert. Nachdem was sie sahen, wäre sofortige Umkehr notwendig, doch King läßt sie verweilen.
Ähnliches geschieht als die sieben Ausbrecher Davids Scout-Wagen besteigen. Es dauert lange bis alle drin sind, obwohl sie zuvor abgesprochen hatten, wer wo sitzen wird. Klar, die Zeit um diesen Abschnitt zu lesen, kann länger sein als die erzählte Zeit. Der Autor und auch der eingesetzte Ich-Erzähler kann länger beschreiben, als die abgelaufene Zeit, doch hier – finde ich – übertreibt Stephen King.
Unzufrieden war ich auch mit der Art des offenen Ausgangs. Zwar lassen vergleichbare Erzählungen und Romane ebenfalls offen, warum das Sonderbare passierte, aber sie belassen ihre Protagonisten in der Situation (z.B. Jackson: "The Summer People", Haushofer: Die Wand). Doch King entläßt die Ausbrecher zurück in die Zivilisation. Dort versäumt er es zu beschreiben, was außerhalb des Nebels am Großen See geschehen ist. Auf den Autobahnen müßten Autos vom Nebel überrascht worden sein, doch wir lesen, dass der Scout-Wagen auf  keine Autos trifft (S. 149). Menschen fehlen völlig. Sie können nicht (alle) den Tieren zum Opfer gefallen sein. Auf den letzten zwei Seiten redet Stephen King um das Ende seiner Geschichte herum. Es kommt mir vor, als hätte er darüber ein schlechtes Gewissen.
Am Ende befinden sich die Ausreißer in einem Howard Johnson Hotel, doch anscheinend ist alles menschenleer. Vielleicht gegen die letzten Zeilen Aufschluß. David will seinem fünfjährigen Sohn zwei Worte ins Ohr flüstern: „Hartford” und „hope”. Ich vermute, es handelt sich um Hartford, Hauptstadt des südwestlich von Maine gelegenen US-Bundesstaates Connecticut. Warum nicht Boston? Es gibt keine – von den US-Amerikanern so geliebte – Alliteration mit „hope”, wäre eine zu plumpe Erklärung.
„The Mist” erschien 1980 in der Horror-Anthologie Dark Forces und wurde dann 1985 in der Kurzgeschichtensammlung  Skeleton Crew wieder veröffentlicht. Es wurde 2007 in den USA verfilmt, Regie und Drehbuch Frank Darabont.
„The Mist” ist spannend, wenn auch etwas zu lang. Die Kritik an Zivilisation und ökonomisiertem Wertesystem und die Warnung vor den Gefahren von Projekten, die außer Kontrolle geraten können, stechen ins Hirn der Leser. Man muß nicht in Verschwörungstheorien verfallen, aber etwas Skepsis, Vorsicht und Vernunft ist das Gebot der Zeit.
Vergleichsliteratur
Fredric Brown: „Arena” (1944) – King Fredric Brown
King William Golding: Lord of the Flies
King Marlen Haushofer: Die Wand
Shirley Jackson: "The Lottery" (1948)
Shirley Jackson: „The Summer People” – King Shirley Jackson
King Cormac McCarthy: The Road
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 8.10.2016