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Walls
Jeannette Walls: The Glass Castle
Virago 2006. Taschenbuch, 352 Seiten – Jeannette LinksJeannette Literatur
Jeannette Walls, eine erfolgreiche US-Journalistin erzählt die Geschichte ihrer Kindheit. Sie ist zweigeteilt: Jahre im Wohnwagen an verschiedenen Ort im Westen der USA, auch in Phoenix, Arizona, dann die Jugendjahre in Welch, West Virginia, mitten in den Appalachen.
Der dritte Hauptteil führt die Kinder der Famile nach New York City.
Die Kindheits- und Jugendjahre sind geprägt von einer sehr eigenwilligen Mutter und einem Vater, der viele Träume hat, sie aber nie verwirklicht: „All this running around and moving around was temporary, Dad explained. He had a plan. He was going to find gold.“ S. 25 Dazu gehört auch des Vaters Plan vom Schloss aus Glass; u.a. S. 28.
Die weitere Prägung geschah durch ständiges Herumziehen. Meist schmiss Rex Glass die Arbeit hin oder hatte Probleme mit den offenen Rechnungen. Dann türmte die fünfköpfige Familie („doing the skedaddle“), oft so überhastet, dass nur das Nötigste mitgenommen werden konnte.
Der Leser schwankt zwischen Faszination der eigenwilligen Familienbande und dem Drang, Mutter und Vater mal etwas gesunden Menschenverstand einzuimpfen. Kurios: gerade die Mutter impft den Kindern ein, den gesunden Menschenverstand zu nutzen, Regeln misstraut sie (S. 70).
• Der Vater hat erstaunliche praktische Fertigkeiten und theoretisches Wissen. So erzählt er seiner Tochter etwa um Weihnachten 1965 (Jeannette geht noch nicht zur Schule; Lyndon B. Johnson regiert; er ist von 1963 bis 1969 US-Präsident) von Schwarzen Löchern (S. 48). Der Begriff „Schwarzes Loch“ wurde erst 1967 von John Archibald Wheeler geprägt, obwohl die Phänomene selbst schon fünfzig Jahre bekannt waren.
Wie die Mutter vertritt er die Idee: „Was uns nicht umbringt macht uns stark“:
„It's good we raised you young 'uns to be tough [...] Because this is not a house for the faint of heart“ (S. 181).
Seine Lebensstrategie ist Weglaufen und Wegschauen.
• Dabei vertritt vor allem die Mutter Ansichten und Methoden, die ansatzweise sehr verbreitet sind: sie verachtet die moderne Medizin und geht dafür zum indianischen Schamanen (S. 14). Sie betont den freien Lebenskampf und verweist auf den „Joshua tree“ (Yucca brevifolia, S. 45).
Sie denkt immer positiv. Ein Schinken aus der Dose mit Maden kann immer noch gegessen werden: „Sei nicht so pingelig“, weist sie Jeannette an (S. 205).
Als Obdachlose betont sie, dass es ihr an nichts mangle, ganz im Gegenteil: Jeannette sei die Bedürftige. 
Die Ansichten von Mutter und Vater sind teilweise konträr. So verachtet Mutter (Rose)Mary die Prügelstrafe, der Vater aber zückt den Gürtel (S. 70).
In dieser Autobiografie werden viele Themen angesprochen. Nur die beiden ersten in der folgenden Liste stehen im Vordergrund und werden wirklich behandelt. Doch das kommt dem Werk zugute: da ist kein Thema hineingezwängt oder pseudomässig abgehandelt. Sie geben Denkanstöße; das reicht.
Alkoholismus – Der Amerikanische Traum – Autorität – Befreiung des Menschen aus (un)verschuldeter Abhängigkeit und misslicher Situation – Begabung – Erziehung – Familie – Freiheit („Don't Fence Me In“ ist der erste erwähnte Popsong, S. 19) –  Glaube – Kindesvernachlässigung – Kindesmissbrauch (dieser wird nur soweit angesprochen wie er wohl für das US-Lesepublikum ertragbar ist) – Verantwortung: Kinder - Eltern, Geschwister; darunter fällt auch die Problembewältigung.
Der Amerikanische Traum
Beide Eltern sind recht US-amerikanisch. Rex in seiner lebenslangen Verfolgung seiner Traumideen, die schon an Wahn grenzen. Mary legt – trotz aller Widrigkeiten – Wert darauf, dass es der Familie gut geht, oder dass man das zumindest so kundtut: das Leben ist ein langer, unglaublicher Spass (S. 84).
Autorität
Als durchgehender Faden wird die Frage nach der Autorität der Eltern (Lehrer, Erwachsenen) gegenüber ihren Kindern und diese wiederum in Beziehung auf Staat und Gesellschaft gestellt.
Einige Schlaglichter werden auf die Lehrer geworfen.
• Die Lehrerin in Phoenix erkennt das Talent der kleinen Jeannette, die selbständig schon Bücher von Laura Ingalls Wilder (Jeannette Links) liest und teilt sie in eine Fördergruppe ein (S. 114)
•  In New York stellt eine Dozentin zwei Standpunkte zur Armut und Obdachlosigkeit zur Diskussion:
– konservativ: Jeder ist seines Glückes Schmied, Wohlfahrt fördert Armut und Obdachlosigkeit
– liberal: manche Menschen erhalten nicht die Chance sich herauszuarbeiten
Jeannette: Manchmal trifft weder das eine noch das andere zu, sondern die Menschen wollen es so. Wenn sie es wirklich wollten, könnten sie ein Auskommen haben. Die Dozentin weist Jeannettes Ansicht rüde mit Berufung auf ihre mangelnde Erfahrung zurück: Was wissen Sie schon darüber? Jeannette weiß mit allen Lesern, dass sie recht hat und ihre Ansicht sehr stark auf Erfahrung gründet (S. 305).
• Kurz vor seinem Lebensende stößt der atheistische Rex auf die Chaostheorie, besonders durch Schriften der Physikerin Mitchell Feigenbaum (Jeannette Links). Wenn dem Universum ein rationales Muster unterliegt gesteht Rex einen Schöpfer zu. Zu leicht wird hier die Schlussüberlegung des Vaters überlesen: wenn die Quantenphysik diesen Gedanken nahelegt, wird er seine Ansicht ändern (S. 309). Ein starkes Bekenntnis zur Überzeugungsbildung aufgrund von Gründen und Belegen statt aufgrund von Autorität(en).
Kritik
Trotz vieler unglaublicher und auch abstossender Szenen verläuft die Autobiografie zu glatt. Der wirklich Böse stirbt (Rex Walls) und Mutter und Tochter leben den Amerikanischen Traum. Jeanette selbst kommt zu gut weg. Sie ist so wunderbar klug und ausgeglichen.
• Die gestohlene Uhr bringt sie gleich am nächsten Tag zurück.
• Sie will dringend aufs College in New York, läßt sich aber von Miss Katona überzeugen noch in Welch zu bleiben (S. 282).
• Die Autorin hat Frank McCourt aufmerksam gelesen (Jeannette Vergleichsliteratur). So aufmerksam, dass sich die Kohlen-Suche der Kinder (S. 209 und das Abholen des Vaters in der Kneipe wiederholt (S. 217).
• Der Sonderfall der beiden obdachlosen Mary und Rex verleitet zur Verallgemeinerung. Daher ist die Reaktion der Dozentin (S. 305) nicht so falsch. Mary und Rex sind ein Sonderfall. Die meisten Obdachlosen bedürfen ganz im Gegenteil sehr wohl unserer Hilfe.
• Die zu frühe Begriffsbildung der „Schwarzen Löcher“ habe ich oben schon erwähnt. Es ist ein unwichtiger Fehler im Detail, wie auch die TBC, die Rex innerhalb von sechs Wochen „beaten back“ hat (S. 310). Das wäre eine medizinische Sensation.
Ein grosser Vorteil der Autobiografie: es wird kein Vorwurf erhoben oder gar diskutiert, was die Eltern falsch machten. Zu beachten ist: nicht nur Rex und Mary sind besondere Fälle von gewollter Obdachlosigkeit, auch die Kinder sind extreme Sonderfälle für Familien dieser Art: Vater Alkoholiker, Mutter Traumtänzerin. 
Während die Eingangsszene die Frage nahelegt: „Wie konnte die Mutter in diese Lage kommen?“ kippt die Frage im Laufe der Lektüre um zu „Wie konnte Jeannette da heraus kommen?“ Da The Glass Castle konsequent beschreibt und keine Schuldfragen stellt bleibt das Werk für die Interpretationen der Leser offen. Das und der exzellente Stil, die Bauweise und die vielen thematischen Anregungen sind die Stärken. Am Ende werden alle nach ihrer Facon glücklich: Die Eltern „had finally found the place where they belonged, and I wondered if I had done the same“ (S. 318). Das wirkt etwas idealistisch, zumal Jeannette ihren Platz via Eric und seiner reichen Familie gefunden hatte. Aber warum sollen am Ende nicht alle recht haben?
Starke Autobiografie mit feinem Karamell-Überzug. Die Tochter hat ihre "Denk-Positiv"-Lektion gelernt.
Im Text erwähnte Popsongs
„Don't Fence Me In“
„This Land Is Your Land“
„Old Man River“
„Swing Low Sweet Chariot“ (alle S. 19)
„The Streets of Laredo“ (S. 120)
„Poke Salad Annie“
„Bonanza“ (beide S. 206)
Kitty Wells: „It Wasn't God Who Made Honky Tonk Angels“ (S. 252)
Frank Sinatra: „New York, New York“ (S. 287)
Links
Jeannette Walls: Wikipedia: WallsdeutschWallsenglisch
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WallsThe Glass Castle (Wikipedia)
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James McBride: The Color of Water
Jeannette Frank McCourt: Angela’s Ashes [Die Asche meiner Mutter]
Jeannette Walls dazu befragt: "I loved Angela’s Ashes. I think it would be pretty arrogant for me to compare my book to it, but if you want to, that’s just dandy by me."
Siehe: Conversations with famous writers, weiter oben.
Jeannette Jane Smiley: A Thousand Acres [Tausend Morgen]
Betty Smith: A Tree Grows in Brooklyn [Ein Baum wächst in Brooklyn], erwähnt S. 202
John Steinbeck: : The Grapes of Wrath [Früchte des Zorns], erwähnt S. 202, Jeannette John Steinbeck
Literatur
Jessica A. Hockett (2008): "Book Review: Walls, J. (2005). The glass castle: A memoir". Gifted Child Quarterly 52:3. S. 269-270
Temma Berg (2008): “»What do you know?«; Or, The Question of Reading in Groups and Academic Authority”. Literature Interpretation Theory 19:2. S. 123-54
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