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Hustvedt
Siri Hustvedt: What I Loved
[Was ich liebte].London: Sceptre, 2003. 370 Seiten – Hustvedt LinksHustvedt Literatur
Leo Hertzberg, Professor für Kunstgeschichte, 70 Jahre alt, erzählt im Rückblick 25 Jahre im Leben von zwei befreundeten Ehepaaren mit je einem Sohn Matthew und Mark. Leo und seine Frau Erica sind Universitätslehrer. Bill Wechsler ist Künstler, genauer wohl Maler. Er ist mit Lucille verheiratet, sie trennen sich und zu Bill zieht Violet. Der Rückblick setzt 1977 in New York im Künstlerviertel SoHo (Akronym für SOuth of Houston [nicht wie die texanische Stadt ausgesprochen sondern wie: "how-stun"] Street; Stadtteil im Viertel im südlichen Manhattan; siehe Hustvedt Links) ein. Leos Geburt 1930 in Berlin und seine kurze Kindheit in Berlin, Mommsenstrasse 11, bis die Familie 1935 vor den Nazis flüchtete, wird nur gelegentlich kurz angesprochen. Leo und Erica sind jüdischer Herkunft und lernen sich 1975 in der Butler Library der Columbia University, an der Leo Kunstgeschichte lehrte, kennen. Erica lehrte Englische Literatur an der Rutgers University. Die recht unterschiedlichen Männer Loe und Bill haben über die Kunst ein gemeinsames Interessenfeld. Die langjährige Freundschaft der beiden Familien wird durch mehrere Brüche und Schicksalsschläge markiert. Demzufolge teilt Hustvedt den Roman in drei etwa gleiche Teile. Im ersten Teil wird die Wahlverwandtschaft der Wechsler und Hertzberg ausgebreitet. Ein Markstein (für Mark! dieses Wortspiel geht auf mein Konto hustvedt) ist der Wechsel (nomen est omen) Bills zu Violet. Er ist Kern der Eingangsszene (S. 3) und wichtiges Moment für die Entwicklung von Mark.
Charaktere
Die vier Hauptpersonen sind Leo, Bill, Violet und Mark. Leider werden Lucille und Erica und zu bald an den Rand geschoben, Dan (Bills Bruder) ist es durchwegs. Dafür kann die Autorin die vier Genannten hervorragend und glaubhaft darstellen. Auch die schwierige Persönlichkeit des heranwachsenden Marks charkterisiert Hustvedt gut. Sie lässt es lange in der Schwebe – ein Reiz des Romans – was dahintersteckt: Kalkül, Persönlichkeitsstörung, behandlungswürdige Krankheit, oder doch nur dumme Zufälle? Die Begründung für Marks Verhalten wird mehrfach genannt (Liebesbedürfnis, S. 238; vermeintlicher Liebesentzug durch Bills Wechsel zu Violet, S. 244). Angelpunkt scheint mir Marks fehlende Einsicht in sein Fehlverhalten ist. Woher dies kommt ist eine andere Frage. Bills Frauenwechsel scheint ein Vorbild für Betrügereien zu sein. Bill macht es sich lange nicht klar, dass er damit seinen Sohn „belogen“ hat.
Themen
Hustvedt gelingt es mir ihrer Personenkonstellation und dem Handlungsverlauf reichlich Diskussionsthemen anzubieten. Ich fand es gut, dass sie dabei nie essayistische oder gar belehrende Abschnitte einfügte. Eine kleine Auswahl:
  • Ein Schwerpunkt ist das Verhalten der Erwachsenen zu Mark. Nach der Romanlektüre fällt mir Verschiedenes ein, wo die Zuwendungssehnsucht Marks enttäuscht wurde.
  • Unterschied zwischen guter Kunst und aufgesetztem Gehabe oder Aktionismus nur für den Erfolg (z.B. 201-203). Das gibt der Autorin Gelegenheit den Kunstbetrieb lächerlich zu machen.
  • Persönlichkeitsbildung, was ist das „Ich“? (z.B. S. 227);
  • Geschlechterdifferenz
  • leicht täuschbare Wahrnehmung (S. 253-254). Die Beispiele im Roman dazu man gut nachvollziehen. Wenn ich ein Buch beginne und einen Thriller erwarte, werde ich enttäuscht, wenn ich z.B. einen Ideenroman lese. Auch wenn dieser als solcher großartig ist muß sich meine Wahrnehmung erst anpassen.
  • dazu tritt die Relativität der Wahrnehmung, die auch für die Frage: Kunst oder Humbug? wichtig ist (S. 200, S. 255).
  • Hustvedt Schach (S. 156-157)
Struktur und Bewertung
Der Teil 1 zieht sich zu lange. Obwohl What I Loved hier in manchem Philip Roths Amerikanisches Idyll gleicht und ich dieses nicht berauschend las (siehe Hustvedt Vergleichsliteratur), nahm ich What I Loved gerne zur Hand (gilt auch für den 1. Teil). An der unterschiedlichen Güte der Autoren kann es nicht liegen. Vielleicht blieb Hustvedt als Kammerspiel mit 6-8 Personen überschaubarer und damit fesselnder.
Wer sich für die Kunstszene New Yorks oder für das Umfeld von Kunstgallerien und Ausstellung interessiert kommt wohl auf seine Kosten. Auch der Goya-Fan (siehe Hustvedt Links; auf der Wikipedia-Seite findet man auch das im Roman mehrfach erwähnte Bild: »Saturn verschlingt seinen Sohn«. 1819, Prado).
Für andere Leser zieht die Autorin erst mit dem Ende dieses ersten Teils den Spannungsriemen an. Da kündigt sie in wenigen Abschiedsabsätzen die Tragödie zu Beginn des zweiten Teils an.
Der dritte Teil geht dann - nach anscheinend kundigen Rezensenten – in Richtung American Psycho (siehe Hustvedt Vergleichsliteratur). Das kann ich nicht beurteilen. Es wird jedoch recht amerikanisch mit einem nach Hollywood schielenden „road movie“ in der Luft.
Nur einmal freilich (wenn ich nichts überlesen habe) wurde Hustvedt kitschig: als Leo auf Marks Turnschuhe blickt, sieht er kleine Tränenpfützen zwischen den Schnüren und Zehen (S. 267). Mir kamen da keine Tränen sondern eher ein abfälliges Gesichtszucken.
Da Leo Hertzberg im Rückblick den Ablauf der 25 Jahre kennt und es seinem Naturell entspricht, erzählt er unaufgeregt. Dabei erinnerte er mich an Somerset Maugham. Auch dieser berichtet oft aus ähnlichen Gesellschaftskreisen und distanziert. Siri Hustvedt ist näher dran an ihren Akteuren.
Die Bösen (Teddy Giles, Journalist Henry Hasseborg) und die Guten (Bill, Violet, Leo) sind zu kontrastiert. Das wird durch Lucille und Erica nicht gemildert, weil diese nicht herausgearbeitet werden. Das Böse und das Gute kämpft um Mark.
Die Autorin erklärte in Interviews, dass es für sie schwierig war, in die männliche Rolle zu schlüpfen: „I knew I was going to write it as a man. That was a technical difficulty that I decided on very consciously” ("Siri Hustvedt. Author of What I Loved talks with Robert Birnbaum", siehe Hustvedt Links). Für mich als Leser war es ebenfalls irritierend. Ich mußte mir bewußt vor Augen führen, dass hier Leo Hertzberg spricht und Siri Hustvedt nur schreibt.
Das Abschlußgemurmel „X lebt jetzt in Y und ermacht das und manchmal dies“ hätte sich die Autorin sparen können. Am Ende bleiben mit Violet und Leo die beiden Personen, die wohl am ehesten Siri Hustvedt und Paul Auster entsprechen.
Fazit
Siri Hustvedt zeigt ein amerikanisches Idyll mit Brüchen und Rissen. Was Paula Fox in Desperate Characters (siehe Hustvedt Vergleichsliteratur) minimalistisch beschreibt, kommt bei Siri handfester. Der deutsche Titel des Romans von Fox „Was am Ende bleibt“ würde hier ebenso gut passen. Mit "Loved" wird Marks Problem schon im Titel aufgespießt. Insgesamt ist What I Loved ein beachtlicher, teilweise furioser, immer intelligenter Mosaikstein fürs amerikanische Idyll. Sehr lesenswert.
Hustvedt Anfang
Vergleichsliteratur
Bret Easton Ellis: American Psycho [American Psycho]
Edward Morgan Forster: Wiedersehen in Howards End [Howards End] – Hustvedt Rezension
Paula Fox: Was am Ende bleibt [Desperate Characters] – Hustvedt Rezension
Johann Wolfgang von Goethe: Wahlverwandschaften
Vieles von Hustvedt William Somerset Maugham
Philip Roth: Amerikanisches Idyll [American Pastoral] – Hustvedt Rezension
Zadie Smith: Von der Schönheit [On Beauty] – Hustvedt Rezension
Siri Hustvedt
* 19.2.1955, Northfield, Minnesota
B.A. in Geschichte, St. Olaf College, Northfield, Minnesota; Ph.D. in Englisch, Columbia University, New York City
Frau Hustvedt lebt mit ihrem Mann Paul Auster in New York City . Siri Hustvedt lobt die Präsenz der Kultur und besonders der Literatur in Deutschland:
"When I was on tour in Germany, I did prime time German television. Now think about that. Eight o'clock in the evening, you are the main person on a television show."
»Siri Hustvedt. Author of What I Loved talks with Robert Birnbaum«, siehe Hustvedt Links
Unter Siri Hustvedts 100 Lieblingsbücher sind
Charlotte Bronte: Jane Eyre
Emily Bronte: Wuthering Heights (Sturmhöhe)
Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita
Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, daraus Eine Liebe von Swann, Hustvedt Rezension
Fjodor Dostojewskij: Verbrechen und Strafe, Hustvedt Rezension
George Eliot: Middlemarch (Middlemarch. Eine Studie des Provinzlebens)
Henry James: The Turn of the Screw (Schraubendrehungen / Die Teuflischen / Das Geheimnis von Bly / Das Durchdrehen der Schraube)
Charles Dickens: Bleak House (Bleakhaus)
Cervantes: Don Quixote
Emily Dickinson: Collected Poems (Gesammelte Gedichte), siehe Hustvedt Gedichte
F. Scott Fitzgerald: The Great Gatsby [Der große Gatsby], Hustvedt Rezension
Sigmund Freud: Die Traumdeutung
Flann O'Brien: At Swim-Two-Birds (Auf Schwimmen-zwei-Vögel oder Sweeny auf den Bäumen)
Italo Svevo: Zenos Gewissen
Anthony Trollope: The Eustace Diamonds
Hustvedt Anfang
Links
Siri Hustvedt
HustvedtBarnes & NobleHustvedtMeet the Writers. Interview mit Siri Hustvedt
HustvedtSiri Hustvedt. Author of What I Loved talks with Robert Birnbaum, 6.5.2003 (Robert Birnbaum wurde 1947 in Bamberg, Deutschland geboren, siehe HustvedtStaff Bio: Robert Birnbaum)
Siri Hustvedt on The Writer's Craft, eye on books, mit Audio!
Rezensionen
HustvedtGeraldine Bedell : „At long last - an intellectual page-turner“, The Observer, 19.1. 2003
HustvedtJan Bürger: „Siri Hustvedt «Wir alle haben männliche und weibliche Stimmen in uns»“, Literaturen 2003
HustvedtDavid Huddle: „Art and Ardor“, washingtonpost.com 30.3.2003
HustvedtClaudia Kramatschek „Düsterer Abschied“, fluter.de Archiv Nr. 15 : "Energie" 27.2.2003
HustvedtIsabelle Reichherzer: "Siri Hustvedt: Was ich liebte". ÖbiBonline
hustvedtBill Thompson & Siri Hustvedt, eye on books, mit Audio!
HustvedtSteffen Voß: Siri Hustvedt - „Was ich liebte“
Reading Guides: HustvedtHenry HoltHustvedtPicador
Auszeichnungen
HustvedtPrix des libraires du Québec für das beste ausländische Buch 2004 an Siri Hustvedt für Tout ce que j'aimais
Weitere Links
HustvedtFrancisco de Goya
HustvedtSoHo New York City photo tour
Literatur
Hustvedt Hustvedt Siri Hustvedt: Was ich liebte. Reinbek: Rowohlt, 2004. Uli Aumüller, Erica Fischer, Grete Osterwald, Übs. Broschiert, 476 Seiten Hustvedt
Siri Hustvedt: Was ich liebte. Reinbek: Rowohlt, 2005. Uli Aumüller, Erica Fischer, Grete Osterwald, Übs. Gebunden, 476 Seiten Hustvedt
Hustvedt HustvedtSiri Hustvedt: What I Loved. Hodder & Stoughton, 2003. Broschiert, 370 Seiten Hustvedt
Siri Hustvedt: What I Loved. Sceptre, 2003. Broschiert, 384 Seiten Hustvedt
Hustvedt Anfang

Hustvedt
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 8.1.2007