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Giorgio Bassani
Giorgio Bassani: Der Reiher
[L'airone]. Herbert Schlüter, Übs. München: Piper, 1986. Broschiert, 227 Seiten – Giorgio Bassani Zitate
Was macht es aus: ein Autor erzählt Alltägliches und es langweilt, ein anderer fesselt damit den Leser? Nach zwanzig Seiten des Romans Der Reiher stellte ich mir diese Frage.
Der italienische Landherr und Rechtsanwalt Edgardo Limentani, 45 Jahre, war aufgestanden und fährt zu einem Jagdausflug. Eine Jagd ist in Italien so alltäglich, wie woanders der Kinobesuch. Was also macht den Roman so spannend?
Bassani erzählt eher leidenschaftslos, doch flechtet er mit wenigen Sätzen die Vergangenheit Edgardos ein. Dadurch werden Beziehungen angedeutet und Spannung aufgebaut; Spannungen innerhalb der Familie und der Gesellschaft. Hervorragend gemacht.
Im Laufe des einen Tages wird klar, daß sich der wohlhabende Edgardo nach einem trauten Heim und auch nach dem einfachen Volk sehnt.
Wenn er doch, allem zum Trotz, hier in der behaglichen Wärme der Hausmeisterwohnung bis zum Abend bleiben dürfte, ohne daß es jemand im Hause oder überhaupt jemand wußte! Dafür hätte er alles gegeben. (S. 40)
In Volano wartet sein Jagdbegleiter Gavino vor einer grünen Baracke mit Wellblechdach. Es stellt sich als Feinkostladen heraus, den Edgardo betritt. Der Schilderung des Ladeninneren widmet Bassani eine ganze Seite und schließt mit der Feststellung: "Wie glücklich er hier wäre, wenn er es nur einrichten könnte zu bleiben, ..." (S. 92). Einmal wird direkt ausgesprochen, was Edgardo suchte: "Frieden, Sicherheit, unerschüttlich gute Laune, einen klaren Blick für das, was war, und innere Ausgeglichenheit" (S. 130). Das ist der zweite Aspekt der Sehnsucht Edgardos. Er vergleicht seine Situation mit dem der einfachen Leute und wünscht sich, für den Leser erstaunlich, an deren Stelle. Das reicht bis zum Neid: "Wie zufrieden mit sich die anderen waren, wie gut sie es hatten, alle anderen!" (S. 136). Edgardo hat das dritte Problem (alle hängen eng zusammen), sich die Zeit zu vertreiben. Anscheinend kennt er nur Methoden, wie die Jagd, die ihm eigentlich widerstreben. Er führt sich tagsüber schon die übliche, doch angenehme Bridgepartie am Abend vor Augen (S. 71).
Trotz der meisterlichen literarischen Präsentation wurde mir die Schlußhandlung nicht schlüssig. Sie wird konterkariert durch die makabre Schlußszene mit Edgardos Mutter. Vielleicht wird die Schlußhandlung (wenn man es genau nimmt: der Autor läßt es, wie so manches in diesem Roman, offen) motiviert durch Edgardos Überlegung:
"Man brauchte die Dinge des Lebens nur aus einer gewissen Distanz zu betrachten, um zu sehen, was an ihnen war – nämlich nichts oder so gut wie nichts." (S. 188), das ganze Zitat unter Giorgio Bassani Zitate
Aus anderer Sicht ist die Schlußhandlung Edgardos – so sie stattfand – zwingende Konsequenz aus seiner Lebensunlust und Langweile; seine Unentschlossenheit, sein Sich-Treiben-Lassen sprechen dagegen.
Sehr empfehlenswerter psychologischer Roman
Vergleich mit James Joyce: Ulysses
Beide Romane schildern einen allzu gewöhnlichen Tag im Leben der Protagonisten Edgardo Limentani und Leopold Bloom; Limentani und Bloom sind den ganzen Tag unterwegs. Die verschiedenen Stationen werden geschildert und dienen zum Anlaß für Retrospektiven. Spontan fällt mir noch der gemeinsame Schwerpunkt in Nahrungsssuche, -aufnahme und -abgabe auf.
Motto des Buchs sind die beiden ersten Zeilen des folgenden Gedichtanfangs von L'éternité
Elle est retrouvée.
Quoi? – L'Eternité.
C'est la mer allée
Avec le soleil.
Sie ist wiedergefunden.
Was? – Die Ewigkeit.
Das ist das Meer, davongegangen
Mit der Sonne.
ES ist wiedergehOlt.
WAS? – Das UnEndlichE.
Das Meer, das mit
Der SOnne rOllt.
Arthur Rimbaud (1854-1891)   Arthur Rimbaud: Das poetische Werk, Zweitausendeins, Übersetzer: Hans Therre, Rainer G. Schmidt.
L’Airone erschien 1968, deutsch 1970.
Giorgio Bassani: 4.3.1916 Bologna – 13.4. 2000 Rom
Kurz bevor ich Der Reiher las, verstarb der Autor und Übersetzer Herbert Schlüter. 16.Mai 1906 Berlin – 15.Februar 2004 München; Übersetzerpreis der Stadt München (2000).
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bassani bassani Giorgio Bassani. Der Reiher. München: Piper, 1999. Broschiert, 227 Seiten

Giorgio Bassani
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 6.3.2004