Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Dai Sijie
Dai Sijie. Balzac und die kleine chinesische Schneiderin
[Balzac et la petite tailleuse chinoise] Giò Waeckerlin Induni, Übs. München: Piper, 2001. 199 Seiten
Der kurze Roman Balzac und die kleine chinesische Schneiderin war angenehm zu lesen, auch wenn der Inhalt manchmal ekelerregend hätte sein sollen. (Diese komplizierte grammatikalische Konstruktion werde ich noch begründen).
Ein etwa 17-jähriger Ich-Erzähler (der Name wird nie genannt) und sein ein Jahr ältere Freund Luo werden während der Umerziehung (Anfang der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts) unter Mao Zedong in ein chinesisches Bergdorf gesandt. Bewährung und Austreibung westlicher Flausen durch harte Arbeit. Sie sind nicht die einzigen Jugendlichen im Arbeitseinsatz. Ihr Eltern sind Zahnarzt, Arzt oder Schriftsteller, was anscheinend während der Kulturrevolution von Haus aus verdächtig war.
Sie ertragen das harte Leben im Dorf und bei der Arbeit merkwürdig unaufgeregt, haben sich abgefunden mit langjährigen Aufenthalten, ja, spielen gedanklich damit, daß sie bis an ihr Lebensende im Dorf bleiben. Die feine sprachliche, unaufgeregte Darbietung macht selbst schlimmste Szenen erträglich.
"Die Werkstatt diente gleichzeitig als Laden und Eßzimmer; der Bretterboden war schmutzig und mit Spuckeklecksern übersät ..." (S. 30)
"Wir riskierten permanent, von Gesteinsbrocken erschlagen zu werden ..." (S. 36)
"Er streckte uns seine Hose hin. Lieber Himmel! In den Nähten klebten dicke, wie Flußperlenschnüre schimmernde Nissenstränge. Allein schon vom bloßen Hinsehen lief mir Gänsehaut über den Rücken" (S. 69).
Im letzten Zitat handelt es sich um Floheier.
Die beiden männlichen Hauptpersonen machen die Bekanntschaft der bezaubernden Tocher eines Schneiders. Gemeinsam scheint allen Chinesen die Freude am Geschichtenerzählen zu sein. Luo und der Ich-Erzähler entdecken eine Kiste mit verbotenen westlichen Roman von Balzac, Dumas, Rolland und anderen. Sie werden, intellektuell ausgehungert, danach süchtig. Man kann auch in schwierigen Zeiten mit Hilfe grosser Literatur (wohl auch Musik) überleben. Der kurze Roman endet etwas verblüffend, aber es sei hier nicht verraten. Wichtig ist der allerletzte Satz: "Sie hat gesagt, sie habe dank Balzac etwas begriffen: daß die Schönheit der Frau ein unbezahlbarer Schatz ist." Dabei sind zwei Schlüsselworte: Balzac und Schönheit. Vielleicht auch nur die Schönheit.
Aufschlussreich war die Szenerie des Romans, auch die geistige, in diesen Jahren. Für Revolutionäre stellen anscheinend gebildete Bürger mit Kunstsinn immer eine Gefahr dar. Seltsam (für Mitteleuropäer) war die lethargische Haltung der Jugendlichen und ihr Hunger nach westlicher Kultur (neben der Literatur haben sie auch eine Geige). Unter diesem Aspekt wäre auch der Abschluß des Romans zu diskutieren. In die chinesische Bergdorfwelt fliessen märchenhafte und mythische Züge, so wenn die kleine Schneiderin ihrem Hund zubilligt, er erkenne Menschen, die sie mag (S. 31). Manchmal kam es mir satirisch vor, doch das lag wohl an meinen "verqueren" Blickwinkel.
Lohnende Leküre, obwohl ich die Begeisterung mancher Rezension nicht teile.
Dai Sijie, * 1954, lebt in Frankreich.
Verfilmung
Balzac und die kleine chinesische Schneiderin [Balzac et la petite tailleuse chinoise]
Regie: Dai Sijie Darsteller: Zhou Xun, Chen Kun, Liu Ye. Frankreich 2002.
Wer Balzac lesen will: balzac Honoré de Balzac
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Dai Sijie Dai SijieDai Sijie. Balzac und die kleine chinesische Schneiderin. München: Piper, 2003. Broschiert, 208 Seiten Dai Sijie
Dai Sijie. Balzac und die kleine chinesische Schneiderin. München: Piper, 2002.Gebunden, 199 Seiten Dai Sijie

Dai Sijie
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 20.6.2004