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reichsparteitag
Martin Weiß-Paschke: Reichsparteitag. Kriminalroman
Nürnberg: mabase, 2006. 357 Seiten – reichsparteitag Linksreichsparteitag Literatur
Ein waschecher Krimi, kein Zweifel. Doch sowohl vom Anspruch her als auch von der Leseerfahrung weit mehr: ein historischer Blick ins Nürnberg des Septembers 1938. Vorab: beides – Krimi und historischer Roman – ist mit Einschränkungen sehr gut gelungen.
Kommissar Scheuerlein bekommt kurz vorm Reichsparteitag noch vor dem Frühstück eine Leiche serviert, die Bedienung Gunda Mack. Zusammen mit Assistent Züge löst er den Fall. Da Parteimitglieder beteiligt sind erhalten sie von den Vorgesetzten Prügel in den Weg geworfen, Verbot des Nachforschens und Einteilung zur Organisation des Reichsparteitags. Nur schlau und hartnäckig lösen sie den Fall.
Der Topos des von seinen Vorgesetzten behinderten Kommissars hängt mir schon bald zum Hals heraus. Seit Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen (krimi Vergleichsliteratur) ermitteln die Kommissar fast nur noch nach der Pensionierung, auf eigene Faust in der Freizeit, gegen das Verbot der korrupten oder doofen Vorgesetzten. Doch hier im Reichsparteitag ist das kein Klischee sondern wohl fundiert. Der Autor schildert die Durchdringung des Privaten und Beruflichen durch die Bewegung und NSDAP. Dem hat sich alles unterzuordnen: "Ausführung war gefragt, nicht mitdenken" (S. 176); soll auch heute (wieder?) vorkommen.
Das ist eine Besonderheit und Stärke des Romans: die Atmosphäre und die Lebensumstände im September 1938 werden hervorragend miterzählt. Das gelingt Martin Weiß-Paschke noch besser als dem Schotten Ian Rankin, der in The Naming of the Dead parallel zur Krimihandlung den G8-Gipfel in Edinburgh und die Anschläge in London verwebt (krimi Vergleichsliteratur).
Manchmal entsteht der Eindruck, dass Georg Scheuerlein zu prophetisch und lehrerhaft agiert. Doch er bleibt glaubwürdig, auch im Umgang mit den Kollegen und Vorgesetzten.
Die zweite Besonderheit ist der nürnbergerische Lokalkolorit. Nach München kenne ich Nürnberg wohl am besten von allen deutschen Großstädten: ich konnte einiges nachvollziehen. Für künftige Leser: der Autor und sein Verlag bieten im Web einige Stadtpläne oder sonstige "Lesehilfen" an: siehe krimi Links.
Vielleicht treibt es der Autor mit den Wegbeschreibungen manchmal etwas zu weit. Dafür blitzt gelegentlich Humor und Ironie auf und zum Ende hin wird's richtig spannend. Der Reichsparteitag in Nürnberg erinnerte mich an den Aschermittwoch in Passau reichsparteitag.
Die leichten stilistischen Schwächen oder Eigenheiten (z.B. Reihung von Hauptsätzen in einem Satz; gibt es "antelefonieren", S. 169?) überliest man gerne.
Ein guter historischer Krimi aus einer Zeit, die – soweit ich es sehe – vom Krimi noch nicht behandelt wurde.
Vergleichsliteratur
krimi Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen
krimi Maarten 't Hart: Das Wüten der ganzen Welt
krimi Robert Hültner: Die Godin
krimi Ian Rankin: The Naming of the Dead
Links
krimiScheuerleins Nürnberg (sehr hilfreich)
krimi Martin Weiß-Paschke, mit Leseproben
krimi Lorenz Bomhard, Nürnberger Nachrichten, 18.11.2006 (pdf)
krimi Eckart Dietzfelbinger: Buchvorstellung 19.11.2006 (Pdf)
krimi mabase-verlag
Literatur
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reichsparteitagreichsparteitagWeiß-Paschke, Martin: Reichsparteitag. Kriminalroman. Nürnberg: mabase, 2006. 357 Seiten
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