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Boris Akunin
Boris Akunin: Türkisches Gambit
Berlin: Aufbau, 2001. Renate und Thomas Reschke, Übs. aus dem Russischen. Taschenbuch, 245 Seiten
Was wie ein spannendes, romantisches Kammerspiel beginnt mündet bald in ein breit ausuferndes Kriegsepos der Russen gegen die Türken in 1877. Absatzweise (seitenweise wäre nun doch übertrieben von mir) wird das Schlachtengetümmel beschrieben.
Die hübsche Warja will ihren Freund an der Front besuchen und schließt sich unterwegs notgedrungen dem undurchsichtigen Fandorin an. Sie werden in Intrigen und Spionage verwickelt. Dabei ist die Rolle des jungen Fandorins nicht nur Warja unklar. Die Militärs betrauen ihn mit kleinen Aufträgen, fast Botengängen. Erst im 11. Kapitel (S. 189) erhält er einen wichtigen Auftrag zur Umpolung eines britischen Agenten (ein Ire !?). Diesen Auftrag wickelt Fandorin offline für den Leser ab. Deshalb muß Fandorin ab dem 13. Kapitel in einem langen Vortrag über alle Vorgänge aufklären (S. 212-226).
Das noch folgende dramatische Finale konnte mich nicht mehr entschädigen.
Akunin folgt russischer Romantradition: sehr viele Figuren mit und ohne Dienstgrad oder Titeln; ähnlich Tolstoj zahlreiche soziale und historische Exkurse, die hier das Erzähltempo hemmen. Darunter liest man dann Argumente wie das folgende.
Die Muselmanen waren von Anfang an ein Volk der Krieger und Propheten. Die Männer lebten für den Krieg und fielen im Kampf, und zahllose Frauen blieben als Witwen zurück oder konnten gar nicht erst einen Ehemann finden. Wer sollte sie und ihre Kinder ernähren? Mohammed hatte fünfzehn Frauen, aber keineswegs aus übermäßiger Lüsternheit, sondern aus Menschlichkeit. Er sorgte für die Witwen seiner gefallenen Mitstreiter, und im westlichen Sinne konnten sich diese Frauen nicht einmal seine Gattinnen nennen. (S. 84-85)
Immerhin versöhnt eine kurze Simultanschachszene; siehe Schach Schach in der Literatur
In der gegenüberliegenden Ecke war eine Simultanschachpartie im Gange. Auf der einen Seite des Tischs ging, eine Zigarre schmauchend, herablassend und wohlmeinend MacLaughlin auf und ab, auf der anderen Seite saßen konzentriert Sobolew, d'Hévrais und noch zwei andere. (S. 65)
Als Krimi unbrauchbar, als historischer Spinageroman akzeptabel; fairerweise: auf dem Titelblatt von Türkisches Gambit steht: "Roman".
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Boris Akunin Boris AkuninBoris Akunin: Türkisches Gambit. Berlin: Aufbau, 2001. Renate und Thomas Reschke, Übs. Taschenbuch, 245 Seiten

Boris Akunin
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 8.3.2004