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Friedrich Ani Verzeihen
Friedrich Ani: Verzeihen
München: Droemer Knaur, 2001. Gebunden, 284 Seiten – Wilhelm Müller: "Die Krähe"Links
Harte Kost, gewöhnungsbedürftig, doch spannend, gehaltvoll und mehr als ein Krimi.
Ariane Jennerfurt, Ex-Prostituierte und seit etwa zwei Jahren Mitinhaberin des Glücksstüberls wird vermisst. Ihre Freundin und Geschäftspartnerin Iris Frost informiert die Vermisstenstelle der Münchner Polizei. Ariane hat erfahren, daß sie HIV positiv ist und dreht durch. Sie besucht in schneller Folge ehemalige Kunden.
Niklas Schilff, Ex-Journalist, soeben aus Los Angeles eingeflogen fällt durch ungezügeltes Trinken und ungehobeltes Benehmen auf. Er verlor eine gute Stellung als Journalist in den USA, da er statt vorgeblich echten Interviews mit den Größen des Showgeschäfts finigierte Reportagen abgeliefert hat. Seine "Entschuldigung": was er sich über beispielsweise Michelle Pfeiffer ausdenkt, ist allemal interessanter als was sie selbst sagen würde. Er fragt: "Was ist der Unterschied zwischen einem, der eine Talk-Show am Nachmittag moderiert, und dem Chefredakteur eines Nachrichtenmagazins?" (S. 236). Schilff säuft also, ist grob unhöflich bis rabiat. Er rülpst, kotzt und vergewaltigt Ariane Jennerfurt, der er zuerst zufällig begegnete. Mir wurde nicht klar, was Niklas in Deutschland eigentlich wollte. Im Roman hängt er nur in Pensionen und Lokalen herum und benimmt sich widerwärtig. Ja, widerwärtig reicht nicht. Er brüllt oft herum, meist im Suff, pisst sich mehrmals in die Hose (z.B. S. 103) und massakriert sich selbst (S. 114-115). Das scheint eine Kindesgewohnheit Niklas' zu sein (S. 186). Er verliert in München vollends den Realitätsbezug (weshalb er schon in L.A. gefeuert wurde).
Nach der Vergewaltigung informiert Ariane ihren Peiniger über ihr HIV-Infektion. Jetzt dreht Niklas (der auch vorher nicht ganz sauber war) vollends durch und entführt Ariane. Falls sie ihn angesteckt hat (sichere Diagnose nach etwa drei Monaten), will er sie töten.
Doch im Dezernat 11, Vermisstenstelle, arbeiten Tabor Süden, Sonja Feyerabend, Martin Heuer und noch ein paar gut charakterisierte Polizisten. Sie sind nicht untätig ... Das Finale ist zwar nicht dramatisch oder gar theatralisch, doch gut inszeniert und wird deshalb hier nicht verraten.
Ani schreibt in kurzen Sätzen, oft auch nur Teilsätzen. Das klingt hart und ist dem Sujet angemessen, manchmal melanolisch oder gar witzig, wenn der Autor das Münchner Servicepersonal skizziert: Gibt es ein Gesetz, das mürrisches Verhalten vorschreibt (S. 30)?
Gut, dass Ariane wenigstens um ihren Lebensplan kämpft. Gut, dass Ani mit dem Techtelmechtel zwischen Tabor Süden und seiner Kollegin Sonja einen wohltuenden Widerpart hineingeschrieben hat.
Viele Hauptpersonen haben oder hatten außerordentliche Probleme mit den Eltern. Ariane hält über ihr Tagebuch virtuellen Kontakt mit ihrem verstorbenen Vater. Nicht ganz glaubwürdig ist, daß der offenbar verständnisvolle Vater das Ekel Mutter geheiratet hat. Ansonsten ist alles (da bin ich kritisch) wohl motiviert, wenn man Niklas einen gewissen Defekt zugesteht. Sogar die mangelnde Überwachung des verdächtigen Niklas' akzeptiere ich: der Verdacht war vage; die ersten Überwachungsversuche scheiterten; die Vermisstenstelle hat viele Fälle gleichzeitig zu bearbeiten.
Der Autor führte die Erzählstränge sicher zusammen.
Zum Titel des Buches gibt es im Text zunächst Andeutungen (S. 96), doch am Ende, so denke ich, eine Begründung.
Zum Begleitmotiv der Bob Dylan Songs Man in the Long Black Coat und Chimes of Freedom kann ich wenig beitragen, mein Schwerpunkt liegt in den Fifties. Mir fiel im Zusammenhang mit Ariane das Krähenmotiv auf (S. 110, 116, 117, 208, 209).
Die Krähe

Eine Krähe war mit mir
Aus der Stadt gezogen,
Ist bis heute für und für
Um mein Haupt geflogen.

Krähe, wunderliches Tier,
Willst mich nicht verlassen?
Meinst wohl bald als Beute hier
Meinen Leib zu fassen?

Nun, es wird nicht weit mehr gehn
An dem Wanderstabe.
Krähe, laß mich endlich sehn
Treue bis zum Grabe!

Wilhelm Müller; Vertonung Franz Schubert in Die Winterreise, op. 89.
Die Krähen sind Arianes Freunde (S. 110). Wird sich die letzte Strophe in Verzeihen erfüllen?
Der Autor, bei seiner Lesung am 1.10.2003 in Wasserburg nach dem Krähenmotiv befragt, wußte davon nichts. Selbst lesen, allerdings nur, wenn man Niklas Schilff ertragen wird.
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Friedrich Ani   Friedrich AniFriedrich Ani. Verzeihen. München: Droemer Knaur, 2001. Gebunden, 284 Seiten. Friedrich Ani
Friedrich Ani. Verzeihen. 5 CDs. Droemer Knaur, 2002. Dietmar Mues (Sprecher).Friedrich Ani
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Friedrich Ani * 7.1.1959 in Kochel am See; Deutscher Krimipreis 2002
Friedrich Ani Ani auf der Krimicouch
Friedrich Ani Lexikon der deutschen Krimi-Autoren - Internet-Edition

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 3.10.2003