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Breuer
Ingo Breuer: Kleist-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Sonderausgabe
Stuttgart: Metzler, 2013. Broschiert, 495 Seiten – Ingo LinksIngo Literatur
Seit Ende des 19. Jhdts. bis heute gehören Kleists Werke zum schulischen Kanon. Heinrich von Kleist hat den Rang eines deutschen Nationaldichters. Das führte bis zum verzichtbaren Ruhm als „erster nationalsozialistischer Dichter der Vergangenheit”.
Das Kleist-Handbuch will grundlegende Informationen zu Autor und Werk geben, gleichzeitig auch wissenschaftliche Ergenisse dazu präsentieren. Aus meiner Sicht des lesenden Laien gelang das hervorragend.
Der 2009 erschienene Sammelband liegt seit 2013 in einer preiswerten Sonderausgabe vor.
Er gliedert sich in diese Kapitel
I. Leben und Werk
II. Werke
III. Konfigurationen: Epochen und Autoren
IV. Kontexte: Quellen, Diskurse, kulturelle Codes
V. Konzeptionen: Denkfiguren, Begriffe, Motive
VI. Forschungsansätze
VII. Rezeption und Wirkung
VIII. Anhang mit  1. Auswahlbibliographie, 2. Archive, Nachlässe, Institutionen, 3. Die Autorinnen und Autoren, 4. Personenregister
Die beiden ersten Kapitel sprechen für sich, ebenso VI. – VIII. Die drei dazwischen liegenden Kapitel sollen Leben und Werk aus unterschiedlichen Perspektiven weiter erschließen.
Dazu wird in III. Kleist Stellungen innerhalb bestimmter Epochen dargestellt, dazu die Einflüsse anderer Autoren. Eigene Personenabschnitte haben Kant, Wieland, Goethe und Schiller.
Im IV. Kapitel geht es um die für Kleist relevanten Diskurse seiner Zeit. Es hat folgende Abschnitte:
1. Adel und Adelskultur
2. Anthropologie
3. Ästhetik
4. Bildende Kunst
5. Medien
6. Militärwesen
7. Moralistik
8. Musik
9. Naturwissenschaften
10. Politik
11. Recht und Justiz
12. Religion und Kirche
13. Rhetorik
14. Sozietäten
15. Theater
Im V. Kapitel schließlich geht es um Begriffe und Motive, die für Kleists Werke wichtig sind.
Diese Gliederung schaut auf den ersten Blick umständlich aus, ist aber zum Nachschlagen hervorragend geeignet.
Die Kleist-Leser greifen zuerst wohl nach den Erörterungen zu den Einzelwerken in Kapitel II. Diese Artikel sind gut strukturiert und informieren ausreichen zu Entstehung, Hintergründe und  Themen. Jeder Werkartikel schließt mit einer guten Detailbibliografie.
Das I. Kapitel zum Leben ist zurecht knapp gehalten, denn man erfährt in den späteren Kapiteln immer wieder Wissenswertes zu Kleists Leben, das aufgrund seiner vielen Umbrüche in einem kurzen Leben die Leser in den Bann zieht. Kleists lebenslanges Bemühen um seinen „Lebensplan” wird durchweg gut aufgeschlüsselt. Es leitet sich aus dem calvinistischen Arbeitstethos her (S. 276).  Mich faszinierte Kleists Gedanke, dass das vielzitierte Gewissen eine Funktion der Sozialisierung ist und davon ausgehend Religion und Glaube durch den Ort der Geburt (und nicht durch vernünftiges Überlegen und Entscheiden) geprägt ist. In einem Brief an Wilhelmine von Zenge schrieb Kleist am 15. 8. 1801: „Man sage nicht, daß eine Stimme im Innern uns heimlich u. deutlich anvertraue, was Recht sei. Dieselbe Stimme, die dem Christen zuruft, seinem Feinde zu vergeben, ruft dem Seeländer zu, ihn zu braten u. mit Andacht ißt er ihn auf” (oftmals zitiert, u.a. S. 277). Der Zufall der Geburt spielt seit Lessings Nathan der Weise eine Rolle, so auch bei Kleist (S. 380).
Kant-Krise
Mit der Lektüre Immanuel Kants gerät Kleist im März 1801 in die sogenannten Kant-Krise. Er begreift die Unzulänglichkeit der menschlichen Erkenntnis. Sie wird im 6. Abschnitt „Kant” in  III.  Konfigurationen: Epochen und Autoren behandelt. (Anscheinend wurde die Artikelfolge zunächst anders konzipiert, denn folgt man einigen Verweise auf die Kant-Krise, landet man bei III.7, das ist "Wieland" statt "Kant", so z.B. S. 29, S. 266.)
Kleists Werke zeichnen sich durch eine Dynamik der Sprache aus, die sich gerade in seinen verschachtelten Sätze entfaltet. Man würde wegen der Komplexität des Satzbaus eher Verkrampfung vermuten.
Joachim Pfeiffer
erinnert Kleists Sprache an moderne Filmtechniken (S. 472).
Standardmäßig wird in diesem Sammelband Kleist aus der vierbändigen Werksausgabe, Frankfurt 1991, zitiert. Das ist für akademische Zwecke angemessen, doch für die Kleist-interessierten Laien unbefriedigend. Bei den Zitaten aus Dramen oder Erzählungen wäre eine zusätzliche Angabe aus zugänglichen Quellen hilfreich.
Meine erste Begegnung mit Kleist
Im Gymnasium war Kleist natürlich Pflichtlektüre. Wir lasen Michael Kohlhaas und vielleicht auch „Der zerbrochene Krug”. Jedenfalls besuchten wir dazu um 1958 das Intime Theater, in Garmisch-Partenkirchen. Zu meinem Erstaunen spielte darin der Schallplattenhändler, den ich, wann immer ich konnte (Wartezeit auf den Zug nach Mittenwald) in der Garmischer Bahnhofsstrasse besuchte und bei dem ich meine ersten Platten von Elvis Presley kaufte, eine Nebenrolle als Ruprecht. Berühmt wurde Rollo Gebhard durch diese Theaterrolle nicht. Erst Jahre später rthirlz er als Weltumsegler weltweitrd Ansehen.
Germanisten werden ohne dieses Kleist-Handbuch nicht mehr auskommen. Doch auch für Lesefreunde bietet das Handbuch nahezu alles, das man als Hintergrund und zum Verständnis der gut konstruierten und oft rätselhaften Werke Kleists wissen will. Es macht darüberhinaus auch Laien mit der Forschung bekannt. In ihr geht es manchmal um die Aufschlüsselung und Interpretation einzelner Sätze wie diesem aus Das Bettelweib von Locarno: „Der Marchese, der, bei der Rückkehr von der Jagd, zufällig in das Zimmer trat, wo er seine Büchse abzusetzen pflegte, befahl der Frau unwillig [...] sich hinter den Ofen zu verfügen”.Genauer geht es um das eine Wort „zufällig”. Die Diskussion dazu wird vom Autor des Artikels (35. Zufall) Peter Schnyder so lebendig dargeboten, dass auch ich als Laie gefangen wurde.
Die Sonderausgabe hat ein kaum schlagbares Preis/Leistungsverhältnis.
Links
BreuerVerlagsinfo
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Ingo Breuer: Kleist-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart: Metzler, 2009. Gebunden, 503 Seiten Breuer
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