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Lessing
Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise
Dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen – Gotthold Ephraim LinksGotthold Ephraim Literatur
Lessings Nathan der Weise gehörte zu meiner Schullektüre. Aus diesem Grunde habe ich es damals nicht gelesen. Vielleicht hätte ich es damals nicht als das erkannt was es ist: ein Meisterwerk.
Beim heutigen Lesen fällt mir vieles an Nathan der Weise auf, das mir als Schüler entgangen wäre.
Da der Inhalt des dramatischen Gedichts in fünf Aufzügen bekannt ist (wenn nicht: sofort lesen!), gehe ich nur auf einige der Aspekte ein, die mir heute am 1. Januar 2015 aufgefallen sind.
Das Stück wirft zahlreiche wichtige Fragen auf.
Frage nach der wahren Religion
Nathan erwartet, dass ihn der Sultan um Geld anpumpt (der Jude als Geldverleiher!). Doch saladin hat eine Frage:
„so sage mir doch einmal—
Was für ein Glaube, was für ein Gesetz
Hat dir am meisten eingeleuchtet?”
Damit wirft er Nathan in ein Dilemma. Benennt er das Judentum ist es ein Affront gegenüber dem Sultan; benennt er aber den Islam als den einleuchtenden Glauben, dann fragt es sich, warum er immer noch Jude ist. Nathan läßt sich die Ringparabel einfallen, denn:
„Nicht die Kinder bloß, speist man
Mit Märchen ab.”
Die zentrale Ringparabel soll zeigen, dass die drei großen monotheistischen Religionen gleichberechtigt sind, salopper ausgedrückt: es ist Jacke wie Hose ob man dem Judentum, Christentum oder Islam anhängt. Nachdem Nathan die Ringparabel erzählt hat wird angedeutet, dass es gut möglich ist, dass alle drei Ring Kopien, also unecht sind. Man kann dann zwei Grundhaltungen einnehmen:
  1. Ein echter Ring, zwei Ringkopien: Man nimmt an, eine der (drei) Religionen sei die wahre, man kann aber nicht erkennen, welche.
  2. Drei Ringkopien: Keine der (drei) Religionen ist wahr.
Da es Tausende von sich zumindest teilweise widersprechenden Religionen gibt wird dieses Dilemma ungemein verschärft.
  • In der 2. Grundhaltung ist Religionsenthaltung das Mindeste für den Vernünftigen.
  • In der 1. Grundhaltung greift das Lotterieparadox (Gotthold Ephraim Links).
    Unter Tausenden „Losen” kann man den einzigen Treffer nicht erkennen. Die geringe Wahrscheinlichkeit einen Treffer zu landen und die wahre Religion anzunehmen läßt wiederum die Religionsenthaltung als die vernünftigste Option.
Extrem wohlwollend betrachtet spricht die Ringparabel für zwei weitere Positionen:
  1. für einen Relativismus der Art, dass es egal ist, welcher Religion man anhängt, es wird alles gut. Spitz formuliert: man kann glauben was man will.
  2. man glaube nur das, was allen Religionen gemeinsam ist. Das wäre das Weltethos, nach dem Hans Küng sucht (Gotthold Ephraim Links). Ich denke jedoch, der kleinste gemeinsame Nenner aller Religionen ist die leere Menge.
Im Kontext der Ringparabel spricht Nathan: „Nicht die Kinder bloß, speist man mit Märchen ab“.
Für die Wirkung des echten Rings (er macht seinen Träger „vor Gott und den Menschen angenehm“) ist entscheidend, dass der Träger daran glaubt. Da wird man an Blaise Pascals Rat erinnert: Glaubt nur mal schön, haltet die religiösen Gebote ein und macht die Rituale mit, dann wird sich die feste religiöse Überzeugung schon einstellen.
Fromme Raserei führt zu religiösem Terror
(Christlicher) Tempelherr:
„Wenn hat, und wo die fromme Raserei,
Den bessern Gott zu haben, diesen bessern
Der ganzen Welt als besten auf zudringen,
In ihrer schwärzesten Gestalt sich mehr
Gezeigt, als hier, als itzt? Wem hier, wem itzt
Die Schuppen nicht vom Auge fallen… Doch
Sei blind, wer will!”
Dazu sollte beachtet werden, dass Nathan der Weise in Jerusalem spielt, seit jeher von den Weltreligionen als eine ihrer heiligen Städte umstritten. Hier im Jerusalem zur Zeit des Dritten Kreuzzugs (1189–1192) zeigen sich die Religionen in ihrer schwarzen Gestalt. Wer nicht blind ist muss sofort jede Religion ablehnen.
Taufe als psychische Gewalt
Säuglinge werden in vielen Religionen wenige Tage nach der Geburt in eine Religionsgemeinschaft aufgenommen, man kann auch sagen, durch die Taufe und die anschließende jahrelange Erziehung in diese Religion gezwungen. (Siehe dazu den nächsten Abschnitt: Zufall der Geburt).
Das tadelt der christliche Patriarch am Nathan den Juden: er nahm die kleine Recha bei sich auf und erzog sie im jüdischen Glauben. Obwohl die Säuglingstaufe gerade bei Christen milliardenfach praktiziert wird, urteilt der Patriarch: Dem Juden, welcher einen Christen zur Apostasie verführt gebührt der Scheiterhaufen. Er folgert – bezogen auf Nathan – weiter:
„Und wieviel mehr dem Juden,
Der mit Gewalt ein armes Christenkind
Dem Bunde seiner Tauf' entreißt! Denn ist
Nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt?—
Zu sagen:—ausgenommen, was die Kirch'
An Kindern tut.”
Quintessenz: wenn Kindern zu einem Glauben „gezwungen” werden ist es Gewalt, ausgenommen, wenn es die christliche Kirche macht.
Zufall der Geburt
Lessing spricht durch den muslimischen Herrscher Saladin ein selten artikuliertes Problem gegen die
„wahre” Religion an.
Prämissen:
(1) Es gibt eine wahre Religion.
(2) Die wahre Religion kann von einem Vernünftigen als solche erkannt werden.
(3) Es ist geboten die wahre Religion zu erkennen und anzunehmen.
(4) Die überwiegend meisten Menschen verharren in der Religion ihrer Geburt, Kindheit und Erziehung.
Daraus kann man folgern:
Die überwiegend meisten (vernünftigen) Menschen folgen nicht der wahren Religion.
Saladin drückt es gegenüber Nathan so aus:
„Ein Mann, wie du, bleibt da
Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt
Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt,
Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern.”
Der Tempelherr ist ähnlicher Ansicht:
„Der Aberglaub', in dem wir aufgewachsen,
Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum
Doch seine Macht nicht über uns.—Es sind
Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.”
Eine moderne Formulierung des Problems:
„To face it clearly is to recognize that if, by some accident of early childhood, he had been transported to some distinct culture, brought up among aboriginal Australians, for example, he would now affirm a radically different set of doctrines.”
Philip Kitcher: Life After Faith: The Case for Secular Humanism. Yale UP, 2014, S. 8
Siehe dazu den weiter unten folgenden Abschnitt: Die Religion des einen ist der Aberglaube des anderen.
Das Kein-wahrer-Schotte Argument
Gerne bedienen sich gerade religiöse Apologeten des Kein-wahrer-Schotte Arguments. Zweimal wird es im Nathan der Weise eingesetzt. Es geht auf Antony Flew: Thinking about Thinking (Gotthold Ephraim Links) zurück.
Die (vermeintlich) jüdische Recha wird vom christlichen Tempelherr aus dem Feuer gerettet. Da es nicht sind kann, dass ein Tempelharr, wahrer Christ also, eine Jüdin rettet folgert Recha:
„Darum eben
War das kein Tempelherr; er schien es nur.”
Und der Klosterbruder über den Juden Nathan:
„Nathan! Nathan!
Ihr seid ein Christ!—Bei Gott, Ihr seid ein Christ!
Ein beßrer Christ war nie!”
Nathan ist ein guter Mensch. Da es so etwas ausserhalb des Christentums nicht gibt (geben kann) wird er flugs zum Christ erklärt.
Die Religion des einen ist der Aberglaube des anderen
Für nahezu jeden Religiösen ist die Religion des anderen ein Aberglaube; muss es auch wohl sein, da sie seiner Religion widerspricht und nur eine "wahr" sein kann.
Tempelherr:
„Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen
Für den erträglichern zu halten.”
Siehe dazu: Aberglaube – auch heute noch weit verbreitet, Gotthold Ephraim Links.
Nathan nimmt Thomas Hobbes vorweg
Nathan urteilt:
„Ich fürchte,
Grad unter Menschen möchtest du ein Mensch
Zu sein verlernen.”
Das erinnert an „Homo homini lupus est”, eine Maxime Thomas Hobbes (1588–1679 ) im Leviathan.
Schach
  • Al-Hafi, als Derwisch Angehörigen einer muslimischen asketisch-religiösen Ordensgemeinschaft und Schatzmeister des Sultans, ist „Schachgesell” Nathans. Er schätzt das Schachspiel so hoch, dass Nathan urteilt: „Dein höchstes Gut!”
  • Saladin, Sultan von Jerusalem, und Sittah, seine Schwester, spielen Schach. (Zweiter Aufzug - Erster Auftritt). Mit einem Doppelschach bringt sie ihn in Bedrägnis und nach zahlreichen weiteren Schachgeboten gewinnt Sittah. Offensichtlich spielen die beiden häufiger um Geld. Saladin hat hohe Spielschulden bei Sittah.
Hier wurden nur einige Punkte aus dem Ideenreichtum des Nathan der Weise herausgenommen, wenn auch – wie mir scheint – sehr wichtige. Ich kann nur empfehlen dieses Meisterwerk zu lesen oder per Download beim SWR als Hörspiel zu holen udn azuhören (Gotthold Ephraim Links).
Links
Nathan der Weise: LessingInhaltsangabeLessingLehrer onlineLessingNathan der Weise (Wikipedia)
LessingPhilipp Hauer: Gotthold Ephraim Lessing - Nathan der Weise. Die Inhaltsangabe, Stammbaum, Figurenkonstellation und eine Szenenübersicht
LessingText online
Nathan der Weise: Hörspielbearbeitung und Regie: Paul Hoffmann, Produktion: SDR 1956.
Unbegrenztes Download-Angebot: LessingSWR
Lessing Aberglaube – auch heute noch weit verbreitet
LessingFigurenlexikon zu Nathan der Weise
Lessing Antony Flew: Thinking about Thinking (Or, Do I Sincerely Want to be Right?)
LessingSilvia Horsch: Lessing, der Islam und die Toleranz. Vortrag auf dem Studientag: „Toleranz – ein brauchbarer Begriff im interreligiösen Dialog?“ in der Evangelischen Akademie Arnoldshain am 28. September 2004
Lessing Das Kein-wahrer-Schotte Argument
LessingSusanne Krahe: Sondern das Schwert (Versuch religiöser Toleranz) - Das Hörspiel am Dienstag, WDR 18.11.2014
Lessing Literatur zu Antisemitismus und Christentum
Lessing Literatur zu Terror, Gewalt, Religion und Geheimbünden
Lessing Lotterieparadox
Lessing Literatur zu Antisemitismus und Christentum
Lessing Schach in der Literatur
Weltethos: LessingStiftung WeltethosLessingWeltethos (Wikipedia)
Lessing Zitate Gotthold Ephraim Lessing
Literatur
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Haaser LessingIngrid Haaser, Hg., Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise. Text und Materialien, Klassische Schullektüre. Berlin: Cornelsen, 1997. Taschenbuch, 168 Seiten Lessing
Kai Bremer, Valerie Hantzsche, Hg., Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise. Studienausgabe. Stuttgart: Reclam, 2013. Taschenbuch, 229 Seiten Lessing
Diekhans Johannes Diekhans: EinFach Deutsch Textausgaben: Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise: Ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen. Schöningh, 1998. Taschenbuch, 192 Seiten Möbius
Thomas Möbius: Königs Erläuterungen: Textanalyse und Interpretation zu Lessing. Nathan der Weise. Alle erforderlichen Infos für Abitur, Matura, Klausur und Referat plus Musteraufgaben mit Lösungen. Hollfeld: Bange, 2013.Taschenbuch, 148 Seiten Lessing
Zubke
Friedhelm Zubke: Motive moralischen Handelns in Lessings “Nathan der Weise”. Göttingen: Universitätsverlag, 2008. Taschenbuch, 164 Seiten Lessing
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