Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Leon de Winter Leo Kaplan
Leon de Winter: Leo Kaplan
[De Bezige Bij]. Zürich: Diogenes, 2001. 541 Seiten
Leon de Winter erzählt die Geschichte des Schriftstellers Leo Kaplan, die in vielen Einzelheiten seine Geschichte ist. Muß es so explizit sein (Leo schrieb den verfilmten Bestseller Hoffmanns Hunger), zumal es gelegentlich auch Hiebe gegen Leons Harry Mulisch gibt?
Während der ersten 200 Seiten hüpft Leo von Bett zu Bett und ich fragte mich: Muß ich das lesen? Wenn es Leon de Winter, das sei zugestanden, auch recht munter schildert. Gelegentlich fügt er kurze Abhandlungen ein, so über „Wollen wir noch was zusammen trinken?“ (S. 21-22) oder Schreibblockaden (S. 25), die nun Leon de Winter selbst wirklich nicht hat. Den ewig gleichen Stoff kaschiert der Autor durch Personenfülle: unbedingt eine Liste anlegen.
Dann beschreibt Leon de Winter Leo Kaplans erste Liebe mit Ellen de Waal, die spätere Diplomatenfrau Ellen Jonker und der Roman wird großartig, spannend und abwechslungsreich. Die Handlung ist kunstvoll, aber glaubwürdig verschachtelt. Daß Leos Leben nur aus Sex, Saufen und etwas Schreiben besteht, na ja, kaufen wir es dem Autor ab. Abwegig schien mir am Ende Leos Einbruchsversuch in die Synagoge zu sein. Wegen 26 Jahren alten Bildern, die er auch via Rabbiner hätte überprüfen können, wenn auch ein paar Stunden später? Die Themen sind Sex (vorherrschend), Schriftsteller (selten mehr als oberflächlich), Juden (nebenbei) und Heimkehr zu den Wurzeln (im Epilog; zu kurz). Nie kommt Leo ein Theater- oder Konzertbesuch in den Sinn; ein- oder zweimal wird Schubert erwähnt. Das ist zu dünn für 540 Seiten. Leo Kaplan ist eher widerlich gekennzeichnet. Er ist nur darauf aus, mit den Frauen ins Bett zugehen, ist leichter (?) Alkoholiker (S. 480 „Kaplan blieb ganz klar. Von dem Alkohol, den er im Blut hatte, wäre ein anderer schwer benebelt gewesen, doch bei ihm tat sich nichts.“; S. 489: „Kaplan hatte mindestens eine halbe Flasche Wodka getrunken“) er betont nicht nur mit einem Augenzwinkern, daß er mies ist. Z.B. In der Diskussion mit Ellen Jonker darüber, warum sie sich Johan zuwandte. Ellen: „Du warst weg. Ich hatte die Freiheit, zu tun und zu lassen was ich wollte.“ „Nein. Es gibt Grenzen. Manche Dinge tut man einfach nicht.“ (S. 447) das sagt Bulle Leo! Sein Motto spricht er selbst aus: „Ich war allein. Eine schwierige Nacht. Ich hab versucht, mich in den Schlaf zu trinken.“ (S. 443) „Seine Haltung war die eines Mannes ohne Bindungen, der seine Eltern begraben und nie ein Kind ins Geburtenbuch einzutragen gehabt hatte.“ (S. 384). Widersprüchliches Stacheldraht gegen Tauben (S. 40); Mausefalle verursacht Schuldgefühle (S. 46).
Einmal entgleitet dem Fäden ziehenden Autor der Dialog.
Ellen: „Was möchtest du darauf von mir hören?“ „Ich weiß nicht. Vielleicht ... ja, du hättest mein Mann sein können.“ muß wohl Frau heißen (S. 444-45).
Rudys Freitod durch Erhängen läßt Leo sinnieren: „Ob er sich mit dem reißfesten Sisalstrick aufgehängt hatte, den er sich dort gekauft hatte?“ (S.475). Der Leser erfährt sieben Seiten später, daß Leo schon früher durch die Polizei erfahren hatte, daß Rudy sich das Leben mit einem Sisalstrick nahm. Ich meine, da verlor Leon de Winter den Faden.
Stilistisch ist Leo Kaplan zu loben, der Stil adelt hier oft den banalen Stoff. Am besten gelangen Leon de Winter (oder gefielen mir) die Abschnitte mit Ellen, ausgenommen der zulange Aussöhnungsdialog (S. 440-458).
Leon de Winter braucht 540 Seiten um zu zeigen, daß das wahre Leben in der kleinen Welt liegt, in die man hineingeboren und in der man aufgezogen wird. Insgesamt lesenswert, sehr gute Unterhaltung, wenn mir auch die ständigen Sexszenen des Bullen Leo auf den Keks gingen.
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Leon de Winter Leo Kaplan Leon de Winter Leo KaplanLeon de Winter: Leo Kaplan. Zürich: Diogenes, 2002. Broschiert, 543 Seiten Leon de Winter Leo Kaplan
Leon de Winter: Leo Kaplan Gebunden, 543 Seiten Leon de Winter Leo Kaplan

Leon de Winter Leo Kaplan
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 8.2.2003