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Anatoli Rybakow Arbat
Anatoli Rybakow: Die Kinder vom Arbat
[Deti Arbata] Juri Elperin, Übs. München: DTV, 1990. Taschenbuch, 760 Seiten
AutorBuchausgabenLinksTetralogieZitate
Der Arbat ist ein Moskauer Stadtviertel, wo sich alle kennen. Ich würde die dort Wohnenden zunächst in der unteren Mittelschicht ansetzen, doch bestehen starke Verbindungen zur Oberschicht unter Stalin in den Jahren 1933/34. Der teilweise autobiografische Roman schildert die Lebenswege einiger jungen Erwachsene aus diesem Viertel und parallel dazu die Machenschaften der oberen Sowjets, was sich hauptsächlich auf den Terror Jossif Stalins zuspitzt.
Leute, lasst euch nicht von den über siebenhundert Seiten abschrecken. Erschwerend kommt zwar hinzu
  • die für uns fremdartigen russischen Doppelnamen, die – um uns noch mehr zu quälen – noch in verschiedenen Verniedlichungsformen auftreten
  • die vielen uns unbekannten Politiker aus den dreissiger Jahren des vorigen Jahrhunderts.
Doch wird die Lektüre
  • durch ein (lückenhaftes) Personenregister zu Beginn erleichtert
  • durch mehrere spannende Handlungsstränge kurzweilig.
Sascha ist überzeugter Kommunist, Student, nicht ohne Beziehungen. Wegen einer Kleinigkeit (siehe Biografie des Autors) wird er für drei Jahre nach Sibirien verbannt. Seine Auseinandersetzung mit der Partei und Justiz erinnerte mich an Kafkas Der Prozeß.
Warja, eine junge Moskauerin, würde heute von designer Klamotten schwärmen. Im Roman geht sie ihren eigenen Weg. Begeisterungsfähig tappt sie manche Falle, doch war sie mir die sympathischste Figur.
Jura, ein Schulfreund Saschas, ist wohl am ehesten so, wie man sich verbohrte Parteianhänger vorstellt.
Wie unterschiedlich man diesen Roman lesen kann (und wohl jedes literarische Werk höchst unterschiedlich beurteilt werden kann) zeigt sich daran, daß ich in einer Rezension las: "Also: über die ersten zweihundert [Seiten] mußte ich mir gut zureden. Dann wurde es besser, auch interessanter, vor allem in den Kapiteln, in denen es um Stalin geht, über den ich einiges mir Unbekannte erfuhr." Mir ging es umgekehrt: die Passagen über Stalin waren zunächst aufschlußreich, doch später überflog ich seine seitenlangen Personalüberlegungen, da mir ehrlich gesagt egal war, welchen Wassiliwitsch er von Leningrad nach Kasachstan versetzen wollte, wer ins Zentralkomitee berufen wurde und wer rausflog, und welcher Sergejewitsch von seinen Manifestschützern umgelegt werden sollte. Einzig die Szenen, wo Stalin privat geschildert wurde, also beispielsweise, seine Sitzungen mit dem Zahnarzt (nicht im Personenregister, obwohl bemerkenswert), fand ich aufschlußreich, da ich Rybakow Authentizität zubillige.
Die Handlungsstränge liegen in Sibirien, im Arbat, in den Szene-Lokalen Moskaus und bei Stalin. Ich hege den Verdacht, daß das Leben in der Verbannung zu rosig wegkommt. Werde wohl noch Alexander Solschenizyn lesen müssen.
Bezeichnend waren für mich die Atmosphäre
  • der Kriecher und Ja-Sager, die es Stalin (und anderen) erst erlaubt, seine Tyrannerei zu etablieren (Wo keine Sklaven, da kein Tyrann, siehe auch Johann Gottfried Seume).
  • des Misstrauens, das überall dort entsteht, wo Geheimdienste und ihre Spitzel allgegenwärtig sind. "Aber keiner sagte ihm etwas, und er fragte auch nicht" (S. 53). "Aber der selbsterhaltungstrieb, die jahrelang geübte Regel, mit reiner Weste dazustehen und alles zu verheimlichen, was irgendwie abträglich sein könnte, gab den Ausschlag" (S. 68).
  • der Angst, die Folge von ständiger Überwachung. "Schon aus Angst würde er ihm ergeben sein. Und das war besser als Ergebenheit aus Überzeugung: Überzeugungen ändern sich, Angst aber vergeht nie" (S. 405)
Der Roman endet unvollendet: es folgen noch zwei weitere zu einer Tetralogie.
Tetralogie
  • Die Kinder vom Arbat
  • Jahre des Terrors
  • Stadt der Angst
Der Roman Die Kinder vom Arbat durfte lange Zeit in der UdSSR nicht erscheinen. Der Autor wurde geschmäht und verboten. Das Buch wurde erst unter Gorbatschow auch in der Sowjetunion verlegt und wurde zu dem Glasnost-Roman. Die Auflage in der Sowjetunion betrug zehneinhalb Millionen. Es erschien in 52 Ländern und machte Rybakow und seineAuseinandersetzung mit Stalins Verbrechensherrschaft bis in die USA bekannt.
Anatoli Naumowitsch Rybakow
14. Januar 1911 Tschernigow, Nordukraine – 23. Dezember 1998, New York
wuchs ab 1919 in Moskau auf. 1933 wurde er wegen einer Kleinigkeit verhaftet und zu drei Jahren Verbannung verurteilt. Danach arbeitete er u.a. als Kraftfahrer, Schlosser, Tanzlehrer. Ab 1946 lebte er als freier Schriftsteller in Moskau und New York. Der Autor Rybakow wurde für einige Jahre zum Symbol für Glasnost und Perestroika. Als 1989 ein russisches PEN-Zentrum gegründet wurde, wählte man ihn zum Präsidenten.
Links
Anatoli Rybakow ArbatGregor Ziolkowski: "Monument der Perestroika. Der russische Autor Anatoli Rybakow starb 87jährig in New York" BZ - 28.12.1998
Literatur
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rybakow arbat Anatoli Rybakow ArbatBerlin: Aufbau, 2000. Taschenbuch, 768 Seiten rybakow arbat
München: DTV, 1990. Taschenbuch, 760 SeitenAnatoli Rybakow Arbat

Anatoli Rybakow Arbat
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