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Yvette Z'Graggen
Yvette Z'Graggen. Zeit der Liebe, Zeit des Zorns
[Un temps de colère et d'amour]. Hedi Wyss, Übs. Zürich: Benziger, 1982. 228 Seiten
Die Ich-Erzählerin des Romans Zeit der Liebe, Zeit des Zorns ist die Autorin. Sie reflektiert ihr Leben und daran anknüpfend erzählt sie uns ihre Gedanken zur Emanzipation der Frau im 20. Jahrhundert, zum Leben in der Schweiz im 2. Weltkrieg, zum Bildungssystem. Sie sorgt sich um die Zukunft ihrer zunächst elfjährigen Tochter und die Zukunft unserer Gesellschaft.
Damit ist das Wichtigste wohl gesagt und ich könnte es dabei belassen. Doch das wäre ungerecht.
Z'Graggen spannt, oft bezugnehmend auf ihre Tochter Gilliane, den zeitlichen und inhaltlichen Bogen zwischen ihrer Kindheit und der ihrer Tochter, zwischen den politischen Ereignissen von einst und jetzt. Besonders fasziniert ist sie vom Problem der Gleichzeitigkeit. Während sie hier in der Schweiz einer banalen Tätigkeit nachgeht, passiert in Teheran, Malaysia oder wo-immer ein schreckliches Unglück. Mich fasziniert dieser Gedanke in der konkreteren Situation, wenn man die Gleichzeitigkeit unmittelbar erlebt. Wenn man also einen Körper vom Balkon im Arabellahaus in München fliegen sieht und denkt: jetzt könnte man ihn theoretisch noch vorm Aufprall retten. Sekunden später ist es vorbei. Oder bei der Tragödie in der Eigernordwand, als ein Bergsteiger im Seil hing, seine Kameraden sind wenige Meter entfernt und müssen – ohne eingreifen zu können – zusehen, wie die Schlaufe sich zuzieht.
Neben den Kontrast ihrer eher unglücklichen Kindheit zur scheinbar glücklichen ihrer Tochter tritt der Kontrast zwischen der glücklichen Schweiz und dem unglücklichen Italien und Deutschland, sowie der westlichen Welt und dem gleichzeitigen Unglück in der Dritten Welt.
Dabei zeigt die Autorin ein gutes Gespür für ihre Mitmenschen und es entstand ein melancholisches, realistisches (siehe Fazit) Buch. Doch zu oft betont Yvette den Generationengegensatz, das "Ich gehöre einer Generation an ..." wird zur bedauernden, gar rührseligen Floskel. In den Text schleichen sich zuviele Fragezeichen ein (S.201: von sechs Sätzen sind fünf Fragen). Das erreicht zwar nicht die Manie wie bei Thomas Brussig. Helden wie wir, wurde mir aber doch zuviel.
Sicher könnte man am Verhalten der Ich-Erzählerin einiges aussetzten. Trotz eifriger Reflexion zieht sie IMO nicht die richtigen Konsequenzen. Sie haßt Silvester und die Feste dabei, fährt über den Jahreswechsel aber dennoch in ein Hotel im Feriengebiet (S.40). Sie hat einiges in ihrer Kindheit als zu puritanisch und unterwürfig erkannt, ist selbst aber zu feige die gegenwärtigen Schüler zu verteidigen (S.193).
Sehr gut gefiel mir ihr Fazit: "Das ist es vielleicht, was ich im Leben gelernt habe: daß es nicht darum geht, um jeden Preis irgendwo anzukommen. Daß das Leben keine Form hat, kein Muster, keinen logischen Zusammenhang. Keinen Sinn, keine Rechtfertigung als es selbst" (S.225).
Yvette Z'Graggen macht sich sinnvolle Gedanken, es reicht aber nicht für einen packenden Roman (allerdings: es wird auch nicht langweilig). Vielleicht sollte ich mal einen anderen Roman der Autorin ausprobieren.
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Yvette Z'Graggen. Zeit der Liebe, Zeit des Zorns. Basel: Lenos, 2000. Lenos Pocket, Nr.56. Taschenbuch, 226 Seiten yvette Z'Graggen
  Rezension zu Zeit der Liebe, Zeit des Zorns
Yvette Z'GraggenPerlentaucher.de - Zeit der Liebe, Zeit des Zorns
Yvette Z'Graggen Über die Autorin
* 1920 Genf. Tätigkeit beim Internationalen Roten Kreuz, Übersetzerin
1944 erster Roman La vie attendait
Seither zahlreiche Romane, Erzählungen und Hörspiele, einige ins Deutsche übersetzt.
1952 – 1982 Mitarbeiterin von Radio Suisse Romande.
Die Autorin lebt heute in der Nähe von Genf.
Die Westschweizer Literaturzeitschrift Ecriture widmete der Autorin Yvette Z'Graggen zu einem wesentlichen Teil das Heft Nr. 46, Lausanne 1995, 288 S.
Photo mit Erlaubnis durch den Lenos Verlag Yvette Z'GraggenDie Lenos-Autoren: Yvette Z'Graggen
Auszeichnungen
1951 für den Roman L’Herbe d’octobre Preis der Schillerstiftung
1982 für die Erzählung “Les Années silencieuses” Preis der Genfer Schriftsteller
1992 für den Roman La Punta Prix des Auditeurs de la Radio Suisse Romande
1996 für das Gesamtwerk: Schillerpreis
1998 für das Gesamtwerk: Rambert-Preis
Werke
Heimkehr ins Vergessene, 1990
Matthias Berg, 1997
La Punta, 1999
Zeit der Liebe, Zeit des Zorns, 1980, 1982 deutsch
Die Jahre des Schweigens, 2001
Cornelia, 2001

Yvette Z'Graggen
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 16.5.2002