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Zeruya Shalev
Zeruya Shalev: Liebesleben
[chajej ahawa]. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. RM Buch und Medien, o.J. 367 Seiten
Ein erstaunliches Buch. Schon der Titel ödet an und wenn man die Handlung erfährt gähnt man. Doch ich war von der ersten Seite an gefesselt (ein paar Seiten Stilgewöhnung zugestanden) und es bleibt packend bis fast zum Schluß, der etwas zu lange hinausgezögert wird.
Im ersten Satz begegnet Ja'ara dem Studienfreund ihres Vaters Arie Even, sie findet ihn widerlich und wird (dennoch) von ihm angezogen, so stark, daß es die junge Frau aus der Lebensbahn wirft. Arie erwidert ihr erotisches Fieber nicht, für ihn ist Ja'ara nur Kormans Tochter, nur eine amüsante, manchmal lästige Affäre. Ja'ara dagegen läßt sich demütigen und vernachlässigt ihre Ehe, ihre Karriere und ihre Freundschaften bis zum Verzicht. Sie zerstört ihr Leben, indem sie die Vernunft über Bord wirft und sich dem unsympathischen Arie in die Arme wirft. Nun kann man solche eine Besessenheit sicher nachvollziehen ohne ständig nach dem Warum zu fragen. Ich meine aber, Ja'ara hatte genug lichte Momente um die Irrationalität ihres Verhältnisses zu erkennen.
Doch Ja'ara ist krankhaft verlogen, liebestoll bis pervers, todessüchtig und verantwortungslos.
Nach den mir vorliegenden Rezensionen zum Roman ahne ich den Orkan der Entrüstung. Gemach, gemach, ich will alles belegen, wenn ich auch nicht sämtliche Belegstellen aufzählen kann. Dazu mache ich das Angebot: email an mich und ich sende die ausführliche Belegliste für meine Charakterisierung.
1. krankhaft verlogen: eigentlich muß Ja'ara immer mit einem schiefen Lächeln herumlaufen, denn "ein schiefes Lächeln entschlüpfte mir, wie immer, wenn ich log,..." (10). Beginnend auf Seite 10, wo sie ihren Vater belügt, sie habe es eilig, Joni, ihr Ehemann, warte zu Hause auf sie, zieht sich eine Lügenkette durch den Roman. Ich habe 22 Lügen oder bewußte Lügabsichten in der Liste, darunter nicht die Schwindeleien, die auch uns manchmal entschlüpfen. Ja'ara lügt völlig unnötig, ja oft in Situationen, wo die Wahrheit völlig reichen würde. Beispiel: auf S. 324 lügt sie gegenüber ihrem Professor; sie behauptet ihre Mutter sei gestorben, obwohl ihre Tante Josefine gestorben ist und auch dies wohl als Entschuldigung vollauf genügt hätte. Ja'ara lügt manchmal wohlüberlegt; es sind also keine (entschuldbaren) spontanen Lügen: "ich würde es immer ableugnen, und am Schluß würde die Lüge die Wahrheit verdrängen" (41). Ja'ara lügt, trotzdem sie geübt sein müßte, oft stümperhaft. Beispiel: ihre Abwesenheit an der Uni (die Joni aufdeckt) "erklärt" sie nicht mit dem anonymen Aufenthalt in einem Cafe, sondern sie behauptet, zuhause gewesen zu sein und verstrickt sich in ein Lügennetz (93).
2. liebestoll bis pervers: der wildfremde alte Schaul "begann, seine Finger ebenfalls in meinen Mund zu schieben ... und Schaul durchforstet meinen Mund wie ein Zahnarzt" (73). Wer (egal ob Mann oder Frau) einer fremden Person (und Schaul ist kein Arzt) erlaubt, mit den Fingern im eigenen Mund herumzufahren, ist nicht sauber.
3. todessüchtig: eine Freizeitbeschäftigung Ja'aras ist es in Krankenhäusern herumzuspazieren (111); der Geruch von Medikamenten begeistert sie (119); oft denkt sie an den Tod oder Mord (81: Freitod, 97: Ehemann Joni, 101: junge Mädchen erwürgen, 179: Todessehnsucht, 181: sie will ihre Mutter töten); sie hat nach eigener Einschätzung eine "morbide Familie" (350).
4. verantwortungslos und gemein gegenüber ihren Mitmenschen: dafür findet jeder Leser sicher genügend Belege.
Aufgrund meiner Charakterisierung Ja'aras hätte mich ein Schluß, bei dem die Ich-Erzählerin in der psychiatrischen Klinik sitzt und dort ihr Liebesleben aufschreibt, nicht gewundert. Doch Zeruya Shalev fällt etwas Besseres ein (siehe unten).
Insgesamt bedient die Konstellation in Liebesleben viele Vorurteile, die einem männlichen Autor sicher angekreidet worden wären. Alte Knacker treffen liebestolle Zwanzigerin, die sich demütigen läßt; nicht der biedere, kochende, sie umsorgende Ehemann Joni ist gefragt, sondern der Machotyp Arie; das Weib will schlecht behandelt sein, damit sie ihm hündisch zu Füßen kriechen kann. Shalev erfüllt Klischees, von denen (alle?, alte?) Männer träumen. Ich kann nur hoffen, daß die Autorin nicht recht hat, sonst hätte ich mein Leben falsch konzipiert. Oft fragte ich mich, warum soviele Frauen geschlagen werden oder trinkende Ehemänner haben. Es kann doch nicht sein, daß die Männer erst nach der Heirat ausrasten. Nun weiß ich, daß zumindest bei Ja'ara solche Überlegungen keine Rolle spielten. Gerade das Widerwärtige ist anziehend.
Ein Ehemann kommt von der Betriebsfeier nach Hause und jammert seiner Frau vor: "Ich kann es nicht fassen, die dümmsten Männer haben oft die hübschesten Frauen." "Oh, danke für das Kompliment!"
Dieser Witz erhält durch Shalevs Liebesleben zusätzliche Untermauerung. Ja'ara hält Arie für egozentrisch, rücksichtslos, kindisch, hochmütig, herzlos (80).
Die Ich-Erzählerin produziert ihren Gedankenstrom, daher ist die Satzeinteilung und Zeichengebung etwas willkürlich und gewöhnungsbedürftig, passt aber sehr gut zur Handlung und regt die eigene Fantasie an. Dies ist sicher auch ein Verdienst der Übersetzung von Mirjam Pressler; nirgends merkt man, daß das Buch in einer fremden Sprache geschrieben wurde.
Etwas enttäuscht haben mich die nicht erfüllten Andeutungen zum Vorleben des Arie Even und Ja'aras Mutter Rachel (die wohl mal ein Verhältnis hatten; das kommt nicht so eindeutig rüber wie dasjenige der Hauptpersonen). [In der Diskussion über das Buch erkannte ich, daß ich zur Vorgeschichte wohl einiges am Ende des Buchs schon wieder vergessen hatte. Die frühere Beziehung zwischen Rachel Korman und Arie Even und ihr Scheitern wird sehr wohl ausgeführt.] Der Schluß ist auf den zweiten Blick zum Nachdenken anregend. Da meine Gedanken dazu etwas die Spannung darauf wegnehmen, bringe ich diese unter Zeruya ShalevZerstörung des Tempels nur für ganz Neugierige ober besser zur Nachlektüre.
Die Kurzbeschreibung der Handlung hätte mich von der Lektüre von Liebesleben abgehalten. Da es jedoch für den Wasserburger Literaturstammtisch ausgewählt wurde, las ich es, war begeistert und kann es empfehlen. Immer noch schwanke ich, ob das Buch das Vorurteil bestätigt, daß Frauen von fiesen Männer angezogen werden, oder ob Liebesleben einen extremen Ausnahmefall schildert oder gar verlogen wie die Ich-Erzählerin ist.
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shalev zeruya   Zeruya ShalevZeruya Shalev. Liebesleben. Berlin: Berliner, 2001. Taschenbuch, 367 S. shalev zeruya
Zeruya Shalev. Liebesleben. Berlin: 2000. Gebunden, 368 S.Zeruya Shalev
shalev zeruya Zeruya ShalevZeruya Shalev. Liebesleben. 4 Cassetten. HÖR Verlag, 2001.  
Zeruya Shalev
* 1959 in Kibbutz Kinneret; studierte Bibelwissenschaften und arbeitet heute als Schriftstellerin und Verlagslektorin in Jerusalem. Liebesleben wurde mit dem Golden-Book-Preis des israelischen Verlegerverbands ausgezeichnet. Davor erhielt Zeruya Shalev bereits den Preis des israelischen Ministerpräsidenten.

Zeruya Shalev
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 14.3.2002