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Winfried Scharlau
Winfried Scharlau: Scharife
Havixbeck, 2001. 120 Seiten
Natürlich ist es kein Zufall, daß ich im vierten Quartal drei Bücher, die im Orient spielen, las. Das mystische, zauberhafte, unergründliche Vathek von William Beckford, das langweilige Buch Saladin von Tariq Ali (und dabei schrieb Tariq Ali so treffende politische Essays in der Süddeutschen Zeitung!)und das hier zu würdigende Scharife von Winfried Scharlau.
In Scharife erzählt Scharlau das Heranwachsen der Tochter Scharife eines reichen arabischen Kaufmanns auf Sansibar. Sie verfügt über die erstaunliche Fähigkeit Sprachen schnell zu lernen und setzt diese schon mal gegen ihre Umgebung ein. Der Vater Salim ist bildungshunrig und hält sich einen indischen Hauslehrer. An Fahrt gewinnt der gemächliche Bildungsroman als Scharife darauf besteht die Welt zu erkunden. Als Kompromiß genehmigt Salim Alexandrien, doch Scharife denkt anders.
Scharlau trifft den Ton aus Tausendundeinenacht ohne befremdlich oder gar gespreizt zu wirken. Der Roman deckt insbesondere aus orientaler Sicht einige Kulturunterschiede auf, die auch weltoffene Europäer noch immer nicht als wertneutral zugestehen wollen. Mit der Begründung der (vermeintlichen? vorgeschobenen?) Verletzung von Menschenrechten wurde in 2001 das afghanische Volk aus ihrem Land herausgebombt. Dann konnte endlich eine Regierung nach westlichem Vorbild etabliert werden. In einer Sendung in BR2 legte eine langjährig in der Frauenarbeit in Afghanistan tätige Kölnerin dar, daß Frauen dort umgekehrt die europäische Frau als ausgebeutet betrachten. Muß sie doch für niedrige Botengänge und Geschäfte das Haus verlassen, während bei ihnen das alles der Mann erledigt. So zeigt auch Scharife auf, daß auf Stühlen sitzen, statt auf einem gepflegten Teppich, daß mit Metallgeräten essen, statt völlig natürlich mit den Fingern, barbarisch sein kann, auch wenn es manchen Okzidentlern nicht in den Kopf rein will.
Das lernt man in Scharife ohne jegliche Belehrung und das müßte jedem Leser zu denken geben. Deshalb: gerade jetzt im Konflikt mit der muslimischen Region sehr lesenswert.
In einer der vielen geschachtelten Erzählungen von Charles Maturin: Melmoth the Wanderer zieht es ebenfalls ein Mädchen von einer Insel des Indischen Ozeans nach Europa. Das Motiv des bildungshungrigen Arabers in Europa liegt auch Tayeb Salih: Season of Migration to the North zugrunde.
Vom selben Autor ist I megali istoria – die große Geschichte.

Scharlau
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 25.12.2001