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Scharlau Winfried
Scharlau, Winfried. I megali istoria – die große Geschichte
Havixbeck 2001. 383 Seiten

Bücher riechen. Nicht alle, doch I megali istoria – die große Geschichte riecht angenehm und das steigert das Lesevergnügen. Doch der Text ist wichtiger.
I megali istoria ist ein Roman – darüber wird noch zu reden sein – in 66 Kapiteln. (Um Sex geht es auch.) Christopher Faust, ein deutscher Universitätsprofessor, schon etwa angegraut, nimmt seinen Job auf die leichte Schulter und fährt umso öfters in die Ägäis. Der Autor war – so der Klappentext – auch schon 28mal dort. Die südländische Welt ist uns in den geschilderten Details fremd, trotz der Beliebtheit als Urlaubsregion. Insofern fügt sich I megali istoria gut ins Thema der Frankfurter Buchmesse 2001: Griechenland. Winfried Scharlau gelingt es gut, uns für die Bewohner der Inseln zu interessieren. Er erzählt vom Fischen, von den Immobliliengeschäften, von ihren beruflichen Sorgen, von erster Liebe und Auswanderung (und sei es nur nach Kreta).
Schon bald merkte ich, daß es kein Roman ist, sondern eher ein griechischer Bilderbogen. Das mag ich eigentlich nicht. Doch I megali istoria wartet in seinen besten Kapiteln mit einem magnetischen Gemisch auf: man wird hineingezogen. Scharlau schreibt wortreich, treffend, wenn auch manchmal ausschweifend. Obwohl viel passiert, fehlte mir Tiefgang. Es plätschert – freilich gut beobachtet – so dahin. Scharlau ist Mathematiker an der Universität Münster (*). Das bricht durch, wenn er – wie die Elemente einer Menge – unzählige Aufzählungen einschiebt. Ein Beispiel genüge: "Das Haus roch nach {Beton, Mörtel, Ziegelsteinen, Kalk und Eisen, nach frischem Bau- und Fensterholz, nach Silikon, Dichtungsschaum, Farbe und Lösungsmittel}" (282). Die Mengenklammern wurden von mir hinzugefügt. Etwas übertreibend kann man das ganze Buch als Aufzählung von 66 Elementen einer Menge auffassen, würde dann aber den inneren Zusammenhang der Elemente unterschlagen. Trotz Aufzählungen und Abschweifungen wird es selten langweilig, andrerseits auch selten spannend. Wenn sich das Geschehen nach Deutschland verlagert (so z.B. 50. Kapitel) droht der Roman zu zerfallen. Er verliert die zusammenhaltende Klammer. Sehr gut gefiel mir, daß Weizenbier auf den ägäischen Inseln problemlos erreichbar ist.
Auf fast 400 Seiten keine Hülsen, abwechslungsreiche Sprache und immer Neues über die griechische Inselwelt und deren Bewohner. Andrerseits: muß man die tagebuchartigen Erlebnisse wirklich lesen?
Zum Vergleich die Rezension bei der Deutschen Mathematiker-Vereinigung unter der Rubrik "Romane, in denen es auch um Mathematik geht".
(*) Es handelt sich also um Winfried Scharlau, Mathematiker an der Universität Münster, nicht um den Journalisten Winfried Scharlau, der bis zu seiner Pensionierung Direktor des Landesfunkhauses Hamburg war und im 1.Programm den "Weltspiegel" moderierte.

Scharlau Winfried
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 22.12.2001