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Irvin Yalom
Irvin D. Yalom. Die rote Couch
[Lying on the Couch]. Übs. Michaela Link. München: btb Goldmann, 1998. 540 Seiten
Man beginnt ein Psychiaterbuch und wird ziemlich schnell in ein Gewirr von Beziehungen hineingezogen. Obwohl das Geschehen – der roten Couch gemäß – sehr dialogorientiert ist, passiert viel und es liest sich spannend. Ernest Lash, ein junger Psychoanalytiker aus San Francisco, will ein neues Verfahren ausprobieren und gerät an die Falsche. Daneben gibt es eine Reihe von Handlungssträngen, die nicht minder tragend und witzig sind. Die obere US-amerikanische Mittelschicht wird überzeichnet (hoffe ich mal): Vieles kommt unter die analytische Feder des Autors: Juristen, Psychiater sowieso, Geschäftsleute, Ganoven, Jogger, Esoteriker, Millionäre. Nichts wird aber ins Groteske überzeichnet, man kann es gerade noch als wirklich akzeptieren (oder nicht?). Einiges geriet mir freilich zu unwahrscheinlich: Belle im Prolog; vor allem die Zwei-Jahres-Wette halte ich so als Ex-Raucher schier für unmöglich; Ernest entdeckt nicht den Plot Carol/Carolyn; ihre Sessions geraten auf eine gefährliche erotische Ebene und steigern (?) sich wochenlang (400ff). Doch ich akzeptierte dies alles.
Ich kann keine Beispiele von Yaloms Humor geben ohne zuviel vorwegzunehmen (denn lesen sollte man das Buch selbst), nur dieses: "Die Börse, so hatte Shelly immer gedacht, war etwas für Weichlinge, denen zum Poker der Mut fehlte!" (237). Oder die Situationskomik, wenn eine Juristin einen Psychiatrie-Supervisor psychologisch betreut und sich dazu Tipps von dessen Schüler holt! (Hier ist ein "!" angebracht; es ist keine übertreibende Wiederholung, da das Ausrufezeichen im vorherigen Satz nach "fehlte" ein zitiertes war).
Ganz nebenbei erfährt man die Tricks der Psychiater und psychoanalytisches Grundwissen, z. B. Sychronizität bei Jung (436). Als roter Faden dient die Diskussion des Berufsethos und darüber hinausgehend die Wissenschaftsethik. Dazu werden philosophische Fragen z. B. über Zufall (436) und Lebensplan (was soll auf dem Grabstein stehen? 529) eingestreut.
Irvin D. Yalom ist ein großartiger Romanerstling gelungen (Und Nietzsche weinte folgt später), eine Satire, in der er Amerika als Tollhaus beschreibt und Lösungswege aufzeigt. Auf S. 459 beschreibt er eine wesentliche US-Eigenschaft: "Den größten Teil ihres Lebens hatte sie genau das Gegenteil getan, nämlich jedes Fetzchen Freizeit mit Ablenkungen ausgefüllt". Carol tat etwas Revolutionäres und zweigt Zeit ab, um über ihr eigenes Leben nachzudenken. Wie Ich meine, stand in ihrem Terminplan: 4 p.m. thinking about my life.
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Irvin Yalom Irvin YalomDie rote Couch. München: btb/Goldmann, 1998. 540 Seiten Irvin Yalom
Lying on the Couch. Harper Perennial, 1997. 384 SeitenIrvin Yalom
Irvin YalomRezension: Irvin D. Yalom. Und Nietzsche weinte
Rezension zu einem Kollegen von Yalom:
Irvin YalomHaddon Klingberg. When Life Calls Out to Us: The Love and Lifework of Viktor and Elly Frankl

Irvin Yalom
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