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Reich-Ranicki,Marcel
Reich-Ranicki, Marcel. Mein Leben
Stuttgart: DVA, 1999. 565 Seiten – reich-ranickiZitate
Wer ein paar Literarische Quartette gesehen hat, kennt den emphatischen, flüssigen Stil, mit dem Marcel Reich-Ranicki (MRR) in Mein Leben eben sein Leben erzählt. Manches kannte ich aus Interviews mit ihm, doch es ist angenehm alles – auch das Unangenehme – nochmals zu lesen. Besonders im ersten Teil des Buches – bis zur Rückkehr in die Bundesrepublik 1958 – gelingt MRR eine spannende, mitunter witzige, immer glaubwürdige Darstellung.
  • Überzeugend, weil er oft mutig geradeheraus redet: "Einer jüdischen Maxime zufolge kann ein Jude nur mit oder gegen, doch nicht ohne Gott leben. Um es ganz klar zu sagen: Ich habe nie mit oder gegen Gott gelebt. Ich kann mich an keinen einzigen Augenblick in meinem Leben erinnern, an dem ich an Gott geglaubt hätte" (56-57). Ohne dem letzten Satz wäre dies ein witziges Bonmot, insgesamt ist es ein Bekenntnis, das kaum jemand, der wie MRR im Rampenlicht sitzt, zuzutrauen ist.
  • Überzeugend, weil der Leser die Entwicklung des Autors nachvollziehen kann. Viele Aspekte seiner Kritikerarbeit werden mit der Lektüre klar. Seine Helden sind Goethe, Fontane und Thomas Mann. MRR liebt die Literatur und will dies Feuer in jedem entfachen. Dazu schreibt er pointierte Buchkritiken. Ihm ist bewußt, daß seine Methode dem Buch nicht immer gerecht wird, doch ihm ist der Leser in spe wichtiger: dieser weiß, was er von dem besprochenen Werk zu erwarten hat.
Ich persönlich fand etliche Buchbeurteilungen durch MRR bestätigt, so mein vernichtendes Urteil zum kürzlich gelesenen Steppenwolf. Bei MRR, 134: "Ich habe ihn [den Roman Der Steppenwolf], nicht ganz freiwillig, dreimal gelesen: In den dreißiger Jahren war ich entzückt, in den fünfziger Jahren enttäuscht, in den sechziger Jahren entsetzt".
Selbst tagesaktuelle Bezüge fehlen, obwohl Mein Leben erschien, als die CDU mit Kultur noch wenig zu tun hatte. MRR weiß den literarischen Ankerpunkt für deutsche Kulturhoheit. Er liegt beim vergessenen Autor des 19.Jahrhunderts Emanuel Geibel: "Und es mag am deutschen Wesen / Einmal noch die Welt genesen". MRR legt dann die ewige Feindmetapher der Deutschen für die Nazizeit aus: "Die vielen Juden auf den Straßen Warschaus – das waren die schrecklichen asiatischen Horden, die die Europäer bedrohten und die den Ariern, den Deutschen vor allem, nach dem Leben trachteten" (179). Heute sinds die Scientologen, die Kurden oder Asylanten. Doch MRR lobt uns auch: "Deutsche waren es, und sie haben sich dennoch wie zivilisierte Menschen verhalten" (228).
Der aufmerksame Leser erfährt auch den Ursprung für Günther Becksteins Einteilung in Ausländer, die uns nützen und solche, die dies nicht tun. Aus dem Warschauer Getto: "Ein neuer deutscher Begriff kam in Umlauf : »nützliche Juden«. Als »nützlich« galt, vermutete man, wer im Sinne der »Eröffnungen und Auflagen« von der »Umsiedelung« ausgenommen war" (254-255).
Der zweite Teil der Autobiografie – so ab Seite 400, nach der Rückkehr in die Bundesrepublik – gerät dem Kritikerfürsten nicht mehr so einheitlich. Es ist ein Fleckerlteppich einzelner Autorenporträts. Manches wird hier ausgespart (Streit mit Walter Jens). Mein Verdacht: MRR ließ sich die Option für Mein Leben Teil 2 offen. – Mein Leben ist erhellende und lohnende Lektüre.

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München: DTV, Taschenbuch - 565 Seiten Reich-Ranickireich-ranicki Stuttgart: DVA, 1999. Gebundene Ausgabe - 565 Seiten Reich-Ranickireich-ranicki

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