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Vinçon
Hartmut Vinçon: Theodor Storm in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten
Reinbek: Rowohlt, 1972. Taschenbuch, 192 Seiten – Hartmut LinksHartmut Literatur
Die Biografie von Hartmut Vinçon folgt dem bekannten und bewährten Konzept von Rowohlts Bildbiografien: Information über Leben und Werk mit zahlreichen Zeugnissen und Bildern.
Zwischen die biografischen Kapitel hat der Literaturwissenschaftler Vinçon ein politisches Kapitel und einige Kapitel zur Werkanalyse gestreut. Es sind dies
  • Die Schleswig-holsteinische Bewegung
  • Lyrik
  • Frühe Prosa
  • Zu Storms Poetik der Novelle
  • Späte Lyrik
Abgeschlossen wird der Hauptteil mit „Zur Storm-Legende”.
Im Anhang folgen die bewährten Verzeichnisse, die aus Rowohlts Bildbiografien bekannt sind: Anmerkungen, Zeittafel, Zeugnisse, Bibliografie, Namenregister, Über den Autor und Quellennachweis der Abbildungen.
Durch die vorliegende Biografie ergibt sich ein schlüssiges Gesamtbild des Autors Theodor Storm. Als seine markanten Vorgänger und Einflüsse werden Heinrich Heine, Johann Wolfgang von Goethe, Joseph Eichendorff und Eduard Möricke genannt (S. 24).
Freilich läßt die Biografie einige Fragen offen, deren Antworten für Vinçon vielleicht selbstverständlich sind. So nehmen an der ersten Heirat Storms mit Constanze Esmarch im September 1846 seine Eltern und die Großmutter Magdalena Woldsen nicht teil (S. 32) Der Leser fragt: Warum? und erhält keine Antwort.
Storm als politischer Mensch
Theodor Storm wird oft als unpolitischer Autor angesehen. Die hier vorliegende Biografie belehrt eines Anderen. Er bekannte sich immer zur schleswig-holsteinischen Volksbewegung. Seine lokalpatriotische Gesinnung wandelte sich allmählich zur deutsch-nationalen (S. 36). Unter anderem wegen den Auseinandersetzungen mit Dänemark zieht er nach Berlin und Potsdam.
Storms ausgesprochen ablehnende Haltung gegenüber den Kirchen und der Religion ist bekannt. Doch auch gegen das Morden in Kriegen spricht er sich vehement aus:
„Was mich hauptsächlich beherrscht – und das verschlingt alles andere –, das ist der Ekel, einer Gesellschaft von Kreaturen anzugehören, die außer den übrigen ihnen von der Natur auferlegten Funktionen des Futtersuchens, der Fortpflanzung usw. auch die mit elementarischer Stumpfheit befolgt, sich von Zeit zu zeit gegenseitig zu vertilgen. Das Bestehen der Welt beruht darauf, daß alles sich gegenseitig frißt, oder vielmehr das Mächtigere immer das Schwächere; den Menschen als den Mächtigsten vermag keins zu fressen; also frißt er sich selbst, und zwar im Urzustande buchstäblich. Dies ist die eigentliche Ursache der Kriege, die anderen sogenannten Ursachen sind ur die Veranlassungen. Keine Zivilisation wir, ja darf das je überwinden. Aber niederdrückend ist der Gedanke; es ist so einer, über den man verrückt werden könnte”.
Brief an Sohn Ernst, 3. August 1870, Sämtliche Werke, S. 1209;  Vinçon S. 114-115.
Storm wurde dazu vorgeworfen, er argumentiert zu sozialdarwinistisch. Er rechtfertige Ausbeutung, Konkurrenzkampf und Eroberungskriege mit den Gesetzen der Natur. Dafür spricht Storms Befund, dass die Zivilisation diesen Umstand nicht überwinden kann. Doch Biograf Vinçon liest in eben diesem Brief weiter:
„Ist der Gedanke richtig, so ist schon der Umstand, daß man ihn fassen konnte, doch wieder ein Beweis, daß wenigstens der Einzelne sich über diesen Zustand erheben kann.”
(Sämtliche Werke, S. 1209;  Vinçon S. 115)
Dazu ist Storm also als Aufklärer zu sehr der Vernunft verbunden: man vermag, zumindest als Einzelner etwas dagegen zu unternehmen. Ich folgere weiter: wenn jeder Einzelne etwas gegen die Krieg unternimmt, dann sind sie bald Geschichte.

Herrlich und symptomatisch für den Klassendünkel, den Storm zu überwinden hoffte, ist die folgende Anekdote:
„Beim Absteigen in Hannover kann sie [Constanze] nicht nach ihrem Wagen finden und bittet zwei Offiziere, sie nach dem Wagen Nummer so und so zu geleiten. Sie sind auch bereit und ´gehen mit ihr. Im Gehen fragte der Eine: »Zweite Klasse, nicht wahr?« – »Nein, dritte Klasse«, antwortete Constanze. Da wenden die beiden aristokratischen Herrn ihr den Rücken und lassen sie stehen, ohne ein Wort weiter an sie zu verlieren.” (S.82-83)
Theorie zur Novelle
Wertvoll sind die kurzen Inhaltsangaben und Konfliktbeschreibungen vieler Werke in der Biografie. Seiner Theorie zur Novelle ist das ganze Kapitel „Zu Storms Poetik der Novelle” gewidmet. Der befreundeten Schriftstellerin Hermione von Preuschen gibt Storm diesen Ratschlag: „Enthalten sie sich selbst aller Reflexionen und erzählen Sie knapp und auf das Nothwendigste beschränkt, was die Leute thun und reden, schildern Sie nicht die gefühle, sondern lassen sie diese aus dem Leben und Thun derselben dem Leser deutlich werden.” (S. 126).
Das ist eine sehr moderne Einstellung, die auch zum Erzählstil von Raymond Carver oder John Cheever passt.
Freilich geraten dem Biograf gerade im literaturwissenschaftlichen Kontext manche mir schwer verständliche Sätze, wie z.B.: „Storms mythische Darstellung der Natur [...] verfällt gerechterweise einer Kritik an seiner Ideologie” (S. 141) Mir ist unklar, was einer Kritik verfällt.
Um die Werksbetrachtungen auch später zu finden wäre ein Sach/Werksregister sehr hilfreich gewesen.

Form
Zwar ist der Text der Biografie durch Gedichte, Fotos und Zeichnungen aufgelockert, aber in manchen kam er mir zu unstrukturiert vor. Ein paar Unterüberschriften wären angenehm.
Nach der Lektüre der Biografie und einiger Stormschen Werke stimmt man den von  Vinçon zitierten Literaturwissenschaftler Eduard Engels zu: „Einem Franzosen, der wissen möchte, was Deutsches Wesen sei, könnte man sagen: lies Storms sämtliche Novellen nacheinander; dann weißt du es” (S. 158). Ich bin mir sicher, die Storm vereinahmenden Nationalsozialisten und die Proklamierer einer deutschen Leitkultur haben das nicht getan.
Zum Einstieg in Storms Leben und Werk ist die 1972 erschienene Monografie immer noch sehr empfehlenswert. Zu weiterführenden siehe unter Vinçon Theodor Storm.
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